23. Mai 2017 / 11:11 Uhr

96-Pokalheld Karsten Surmann im Interview: "Darum waren wir zu spät am Rathaus" (mit Video)

96-Pokalheld Karsten Surmann im Interview: "Darum waren wir zu spät am Rathaus" (mit Video)

Jonas Freier
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Karsten Surmann (links) reckt den Pokal in den Berliner Abendhimmel.
Karsten Surmann (links) reckt den Pokal in den Berliner Abendhimmel. © Imago
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Er war der Kapitän des Zweitliga-Teams, das 1992 sensationell den DFB-Pokal gewann. Karsten Surmann über den Party-Marathon nach dem Triumph, den jungen Günther Jauch, Michael Lorkowski und seine Fußballschule.

Karsten Surmann über den Pokalsieg 1992 mit Hannover 96

1. Mai 1992, 20.37 Uhr – was ging dir da durch den Kopf?

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Da hatte Michael Schjönberg (hier im Interview) ja gerade zum letzten Mal für uns getroffen und wir hatten das Pokalfinale gewonnen. Wir waren erstmal überrascht, dass wir dieses Pokalfinale dominiert und letztlich auch gewonnen hatten. Danach gab's nur Freude pur. Bevor wir zur Kabinenfeier kamen: Es hat ja auch etwa anderthalb bis zwei Stunden gedauert, ehe wir in der Kabine waren. Die große Party lief ja erstmal im Stadion ab. Vor der Pokalübergabe sind wir schon ne Dreiviertelstunde durchs Stadion gelaufen und danach nochmal ne halbe bis Dreiviertelstunde – da war es schon fast elf Uhr am Abend. Ich kann mich erinnern, dass Colt Sievers (hier im Interview) mit dem Pokal reinkam und wir saßen schon im Entmüdungsbecken. Der eine hatte ne Flasche Champagner in der Hand, die anderen Bierflaschen – da haben wir nochmal ordentlich abgefeiert.

Ist der Pokal wirklich so schwer wie die Nachbildung?

Es gibt unterschiedliche Gewichte. Der Orginalpokal ist deutlich leichter, sonst könnte man ihn ja nicht minutenlang in den Berliner Nachthimmel stemmen. Die Nachbildung von 96 – ich weiß nicht, ob sie nicht soviel Geld hatten, da ist vielleicht ein bisschen Blei mit drin – ist deutlich schwerer.

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Danach seid ihr im Sportstudio von Günther Jauch gewesen.

Auf diese ganzen Geschichten haben wir uns als Zweitligist gar nicht vorbereitet. Wir wussten natürlich: Der Sieger geht ins Aktuelle Sportstudio, die Sendung war ja auch bei uns im Hotel. Günther Jauch war damals ein junger Sportreporter., der hat das ziemlich locker gemacht. Wir waren vorher alle mit relativ festlichen Sakkos ausgestattet worden. Die Farbe ist bis heute nicht zu definieren, die war so zwischen rostbraun und grau. Und dann hatten wir in der Innenseite natürlich auch ein kleines Logo von unserem Sponsor. Darauf musste ich in dem Interview natürlich hinweisen. Er war dann ganz auf Zack, hat sein Boss-Sakko aufgemacht und gesagt: „Ihr seid nicht die Einzigen, die gesponsert werden.“ Da fing das Gespräch schon mal ganz locker an.

Willkommen im Aktuellen Sportstudio: Der junge Günther Jauch mit (von links) Michael Schjönberg, Trainer Michael Lorkowski, Jörg Uwe Klütz (hinten), Karsten Surmann, Masseur Uwe Krömer (hinten), Axel Sundermann (hinten) und Jens Friedemann.
Willkommen im Aktuellen Sportstudio: Der junge Günther Jauch mit (von links) Michael Schjönberg, Trainer Michael Lorkowski, Jörg Uwe Klütz (hinten), Karsten Surmann, Masseur Uwe Krömer (hinten), Axel Sundermann (hinten) und Jens Friedemann. © Imago

Wann seid ihr im Bett gewesen?

Das kann ich dir ziemlich genau sagen: Einige von uns gar nicht. Die Veranstaltung mit Büfett und so ging ja erst um 0.30 Uhr los. Wir hatten einen Berliner im Kader, den „Icke“ Sirocks – der hatte einen Teil der Disko „Annabelle's Club“ für uns reserviert. Dann haben wir da von 2.30 Uhr bis morgens acht, halbneun gefeiert, sind zum Frühstück ins Hotel und dann nach Hannover zurückgefahren zum richtigen Feiern.

In Hannover mussten sie auf euch warten – ihr habt euch einfach nicht gemeldet…

Gab es damals schon Handys? Es waren glaube ich die Anfangszeiten des Mobiltelefons. Wir waren mit zwei Bussen unterwegs. Im ersten die Mannschaft, im zweiten die Frauen und der Staff. Und die Präsidiumsmitglieder. Zwischen Peine und Lehrte ging dann auf der Autobahn gar nichts mehr, wir haben dann im Radio immer gehört: „Wo bleibt denn die Mannschaft? Es warten 40.000 in Hannover auf die Mannschaft.“ Wir haben uns ein bisschen lustig darüber gemacht nach dem Motto: Hoffentlich gehen die nicht nach Hause, bevor wir kommen. Dann kam eine Polizeieskorte und wir sind über die Dörfer nach Hannover reingefahren. Deutlich später als wir eigentlich da sein sollten.


Im Mai 1992 schaffte Hannover 96 Einmaliges: Als Zweitligist gewannen die Niedersachsen das Pokalfinale in Berlin gegen den hohen Favoriten Borussia Mönchengladbach. Hier die besten Fotos:

23. Mai 1992: Die Anzeigentafel im Berliner Olympiastadion bringt es Weiß auf Blau: Hannover 96 ist Pokalsieger. Vorausgegangen war ein spannendes Finale gegen Borussia Mönchengladbach - in dem ein 96-Spieler zum Helden wurde. Zur Galerie
23. Mai 1992: Die Anzeigentafel im Berliner Olympiastadion bringt es Weiß auf Blau: Hannover 96 ist Pokalsieger. Vorausgegangen war ein spannendes Finale gegen Borussia Mönchengladbach - in dem ein 96-Spieler zum Helden wurde. ©

Ihr ward eine Mannschaft die feiern konnte: Montags Capitol, donnerstags Alt-Hannovera...

Wir waren eine durchschnittliche Zweitligamannschaft, die in der Liga-Hinrunde am oberen Limit gespielt hat. Wir waren in der Winterpause auf dem zweiten Tabellenplatz. Die Pokalspiele haben uns natürlich zusätzlich gepusht. Es hat sich gezeigt, das ist heute nicht anders als vor 25 Jahren: Man kann nur Erfolg haben, wenn man eine Mannschaft ist. Sicherlich war ein Großteil von uns immer zusammen unterwegs, wir haben unsere Mannschaftsabende gehabt – vielleicht den ein oder anderen mehr als das heute der Fall ist. Aber das hat uns auch ausgezeichnet. Letztendlich ist das auch einer der Hauptgründe dafür, warum wir Pokalsieger geworden sind. Man gewinnt ja nicht ohne Weiteres gegen fünf Bundesligisten in einer Pokalrunde. In der Rückrunde der Meisterschaft ist es sportlich nicht mehr so gut gelaufen, Waldemar Steubing war als wichtiger Stürmer in der Winterpause weggegangen, dann sind wir mehr schlecht als recht Fünfter in der Nord-Staffel geworden.

Wäre es heute noch möglich, dass ein Zweitligist Pokalsieger wird?

Ich glaube, dass es damals deutlich leichter war. Wir haben uns damals an diesen Pokalerfolgen hochgezogen, waren ja in Dortmund schon fast ausgeschieden, wo wir zur Halbzeit 0:2 zurücklagen. Dann hat Ottmar Hitzfeld zwei, drei Stammspieler rausgenommen – und wir haben noch glücklich 3:2 gewonnen. Solche Erfolge helfen natürlich auch, wenn es beim nächsten Mal wieder gegen einen Bundesligisten geht.

Was ist 25 Jahre danach geblieben, habt ihr untereinander noch Kontakt?

Es ist ein wahnsinniger Erfolg für jeden einzelnen. Es ist immer noch einmalig, dass ein bestehender Zweitligist Pokalsieger geworden ist. Offenbach war damals beim Pokalsieg schon in die Bundesliga aufgestiegen. Das wird für jeden einzelnen für alle Ewigkeit bleiben – und für 96 wird es auf absehbare Zeit auch der letzte Titel bleiben. Ich hatte das Glück, dass in dieser Pokalsiegermannschaft relativ viele Hannoveraner waren, die sich in den Jahren danach immer wieder über den Weg gelaufen sind. Wir spielen zusammen in der Traditionsmannschaft, machen zwei, drei Reisen im Jahr. Es sind acht bis zehn Spieler, die immer noch hier vor Ort arbeiten und wohnen und mit Hannover 96 verbunden sind.

Karsten Surmann, Trainer Michael Lorkowski und Axel Sundermann lassen sich in Hannover feiern.
Karsten Surmann, Trainer Michael Lorkowski und Axel Sundermann lassen sich in Hannover feiern. © dpa/Weihs

Warum hast du im Finale keinen Elfmeter geschossen?

Wenn man nach einem großen Kampf im Halbfinale gegen Werder Bremen als einer der wenigen verschossen hat, dann ist man vielleicht froh, wenn man im Finale erstmal nicht gefragt wird. Unsere Trainer Michael Lorkowski hatte seine fünf Schützen im Kopf, die hat er gefragt und die haben alle ja gesagt. Wenn es nach Ende unentschieden gestanden hätte, wäre ich sicherlich der Erste gewesen, der ran gemusst hätte. Aber so war es auch ganz gut.

Welchen Anteil hatte Lorkowski am Pokalsieg?

Er hat einen großen Anteil daran, weil er dafür gesorgt hat, dass aus dieser normalen Zweitligamannschaft ein Team geworden ist. Er hat einen Großteil der Führung den erfahrenen Spielern überlassen, er hat gesagt: "Ich gebe das Sportliche vor und ihr sorgt dafür, dass der Laden läuft." Das waren immer seine Worte. Es gab wenig Diskrepanz zwischen jungen und alten Spielern, wir haben immer was zusammen gemacht. Natürlich sind die jüngeren Spieler auch mal alleine wohin gegangen. Aber insgesamt war es eine tolle Gemeinschaft.

Michael Lorkowski hat damals die höchste Prämie bekommen, 75.000 Mark. Wie hoch war eure?

Wir lagen bei 25.000 Mark. Er hat besser verhandelt als wir.

25 Jahre nach dem Pokalsieg leitet Karsten Surmann eine Fußballschule.
25 Jahre nach dem Pokalsieg leitet Karsten Surmann eine Fußballschule. © Freier

Und du hast jetzt eine Fußballschule...

Ich habe meine Fußballschule 2003 gegründet und schnell gemerkt, dass ich ein Händchen habe, mit Kindern und Jugendlichen umzugehen. Wenn man kleine Kinder mit fünf, sechs Jahren zum Training bekommt und dann sieht, wie sie sich relativ schnell entwickeln und die Begeisterung in den Augen... Ich stelle mich ja nicht hin und sage: "Ich bin der Pokalsieger von 1992." Sondern für die bin ich Karsten, der Leiter der Fußballschule. Ist ja klar, dass die mich als Fußballspieler nicht mehr so kennen. Selbst die Eltern der Kinder sind ja zwischen 30 und 40 und kennen den Fußballspieler Karsten Surmann vielleicht auch nur noch vom Erzählen. Aber die Generation danach, die Omas und Opas, die die Kinder auch zum Training bringen, die kennen mich natürlich. Seinen Erfahrungsschatz lässt man natürlich mit ins Training einfließen, meine Trainer sind ja auch alles ehemalige Profis, die vermitteln natürlich, dass zum Fußball nicht nur das Passen gehört, das technische Verständnis und die Koordination, sondern auch ein gewisses Maß an Disziplin, was man es als Profi auch verinnerlicht hat: Dass man pünktlich ist, dass man zuhört – das kann die Generation von Kindern heute insgesamt gut gebrauchen. Die äußeren Einflüsse sind sehr stark, jedes Kind hat heute eine abgetacktete Woche: entweder spielen sie Fußball, dann müssen sie schwimmen, dann müssen sie noch ein Musikinstrument spielen. Am meisten Spaß macht natürlich, wenn sich Kinder aus diesem Fördertraining entwickeln und dann zu höherklassigen Vereinen gehen und mit 12, 13 Jahren den nächsten Sprung schaffen. Ich habe schon einigen Spielern den Weg zu Hannover 96 geebnet – und das macht mich natürlich besonders stolz.

Noch mehr lesenswerte Interview mit den Helden von 1992 lest Ihr auf unserer Themenseite zum Pokalsieg 1992 von Hannover 96.

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