25. November 2021 / 13:31 Uhr

"Katastrophale Betreuung": Union Berlin ließ Zwölfjährige in WG wohnen

"Katastrophale Betreuung": Union Berlin ließ Zwölfjährige in WG wohnen

Laurenz Schreiner
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Schwere Diskriminierungs-Vorwürfe treffen Union Berlin.
Der 1. FC Union bietet offenbar nicht allen Jugendspielern ein gutes Zuhause. © Bongarts/Getty Images (Montage)
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Der Fußball-Bundesligist 1. FC Union Berlin hat zwölfjährige Kinder in einer Wohngemeinschaft untergebracht – Eltern bezeichnen die Bedingungen dort im Nachhinein als katastrophal. Das zeigen Recherchen von Ippen Investigativ und dem ARD-Politikmagazin Kontraste. Eine interne Fördervereinbarung mit einem der Jungen legt offen, mit welchen Versprechungen schon Kinder gelockt werden.

Das Geschäft mit Kindern, die als Fußballtalente gelten, wird schon seit Jahren kritisiert. Doch exklusive Recherchen von Ippen Investigativ und Kontraste zeigen, dass der Umgang mit dem Nachwuchs beim 1. FC Union Berlin offenbar besonders problematisch war. Normalerweise werden junge Spieler, die von teilweise weit her angeworben werden, in einem Internat oder bei Gastfamilien untergebracht. Dass der 1. FC Union zwölfjährige Kinder in einer WG wohnen ließ ist unter den 36 Klubs der Ersten und Zweiten Bundesliga wohl einzigartig, wie eine Umfrage nahelegt, bei der 27 Vereine der ersten beiden Bundesligen geantwortet haben.

Ippen Investigativ und Kontraste haben in den vergangenen Monaten mehrfach mit Spielern, Eltern, Mitspielern und ehemaligen Mitarbeitern des Vereins gesprochen. Dazu liegen uns zahlreiche Chatnachrichten, Videos aus der WG und Vertragsunterlagen vor. Diese Recherche folgt auf eine Veröffentlichung im Frühjahr von BuzzFeed News Deutschland (heute: Ippen Investigativ) und der Märkischen Allgemeinen Zeitung/SPORTBUZZER. Damals hatten wir darüber berichtet, dass mehrere Jugendliche und deren Eltern dem Verein vorwerfen, minderjährige Spieler schlecht zu behandeln und vor allem Kinder mit türkischem und arabischem Migrationshintergrund zu benachteiligen.

Betreuer nennt Unterkunft heute "provisorisch", "nicht altersgerecht"

Paul (Name geändert) zieht 2018 mit zwölf Jahren in die WG. Der Verein ist überzeugt von ihm. Weil der Weg zum Training für die Eltern zu weit ist, bietet Union einen Platz in der WG an. Ähnlich läuft es bei Felix (Name geändert), auch er zieht mit zwölf Jahren in die WG. Der Verein verspricht den Eltern zufolge optimale Betreuung, kostenlose Unterkunft und Verpflegung sowie einen engen Austausch zwischen dem Fußballklub und einer Eliteschule des Sports. Doch es kommt anders. Als Betreuer lässt der Verein dort einen 27-jährigen Sportpsychologen wohnen, der für die Kinder da sein soll. Der Betreuer selbst ist mit der Situation offenbar überfordert, heute nennt er die WG „provisorisch“ und zeitweise „nicht altersgerecht“.

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Kinder und Eltern berichten, er sei oft nicht zu Hause gewesen, die Kinder hätten am Ende der Woche häufig kein Essen mehr gehabt. Daher seien sie alleine einkaufen gegangen, hätten sich regelmäßig Tütensuppen oder Nudeln gekocht, sich selbst ins Bett gebracht und seien morgens alleine aufgestanden. „Das war scheiße, wenn ich alleine war“, sagt Paul.

Der 1. FC Union Berlin schreibt auf Anfrage, das Konzept sehe „Unterstützung in allen Lebensphasen und Erziehung zur altersgerechten Selbständigkeit vor. Bei der Wohnung handelte es sich um einen Erstbezug mit hohem Wohnstandard.“ Der für die Kinder zuständige Betreuer hätte die Spieler vor der Schule und nach den Trainingseinheiten betreut.

Im Telefonat mit Ippen Investigativ und Kontraste reagiert der Betreuer überrascht auf die Vorwürfe. Als er 2017 zum 1. FC Union gekommen sei, seien die Bedingungen dort tatsächlich schlecht gewesen. „Kaltes Wasser, kein Essen, kein Internetzugang für die Jungs“, fasst er die damalige Situation zusammen. Sein Ziel sei dann gewesen, die Betreuung zu verbessern. Dabei habe er regelmäßig gutes Feedback der Eltern bekommen.


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Die Eltern sind in einem Dilemma. Einerseits finden sie schon früh, dass die Betreuung in der WG ganz anders ist als vom Verein zuvor versprochen. Andererseits werden Unterkunft und Verpflegung von Union bezahlt. Und ihre Kinder sind zunächst glücklich beim 1. FC Union. Die Eltern haben Sorge, den Traum ihrer Kinder mit zu viel Kritik am Verein zu zerstören. Erst im Sommer 2020 mietet der Verein neue Räume an, die Betreuung soll sich nach Aussagen der Eltern stark verbessert haben.

Von Felix liegt Ippen Investigativ und Kontraste außerdem eine sogenannte Nachwuchsfördervereinbarung aus dem Jahr 2018 vor. In dieser wird dem damals zwölfjährigen Jungen Geld versprochen. Im Sommer 2021, so steht es im Vertrag, sollen Felix die angesparten 3000 Euro ausgezahlt werden – aber nur, wenn ab dem 1. Juli 2021 mit ihm ein „gültiger Fördervertrag nach den Kriterien der DFL“ unterzeichnet wird.

Auf Nachfrage nennt Union die Vereinbarung eine „vereinsseitige Unterstützung und ein Zeichen der Wertschätzung gegenüber dem Spieler“. Sie würde nur selten Anwendung finden. Die Deutsche Fußball Liga DFL antwortet Ippen Investigativ und Kontraste, dass ihr die Vereinbarung nicht bekannt gewesen sei. Solche Vereinbarungen müssten aber auch nicht vorgelegt werden.

Als Felix im Mai 2021 darüber informiert wird, dass er den Verein nach drei Jahren verlassen soll, wird ihm und seinen Eltern das Geld aus dem angeblichen Sparplan nicht ausgezahlt. „Das ist ein abgekartetes Spiel“, sagt Pauls Vater. „Nach dem Motto: Komm mal zu uns, das Geld kriegst du aber eh nicht.“ Paul hat den Traum, Fußballprofi zu werden, noch nicht aufgegeben. Nur wenn der 1. FC Union ihn noch einmal anrufen würde, würde er absagen.

Die Langfassung dieser Version finden Sie hier. Die Redaktionen von Ippen Investigativ und der Märkischen Allgemeinen Zeitung berichten auch weiterhin über Jugendfußball. Rückfragen, Anregungen oder Hinweise können Sie unter recherche@ippen-investigativ.de oder sport@maz-online.de an die Redaktionen richten.