20. Januar 2021 / 07:16 Uhr

Kein Trauermarsch, keine Müllsäcke: Corona stoppt Protest der Union-Fans gegen RB Leipzig

Kein Trauermarsch, keine Müllsäcke: Corona stoppt Protest der Union-Fans gegen RB Leipzig

Matthias Koch
Märkische Allgemeine Zeitung
Der Kampf gegen Kommerzialisierung im Fußball treibt die Union-Fans seit vielen Jahren um. Für Spiele gegen RB Leipzig ließen sie sich bis dato stets kreativen Protest einfallen.
Der Kampf gegen Kommerzialisierung im Fußball treibt die Union-Fans seit vielen Jahren um. Für Spiele gegen RB Leipzig ließen sie sich bis dato stets kreativen Protest einfallen. © Koch / dpa / Knofe
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Wenn RB Leipzig und Union Berlin in der Vergangenheit aufeinander trafen, war immer was los. Denn die Fans der "Eisernen" und das "Konstrukt": Das ging nie zusammen. Ihrem Protest machten die Köpenicker stets öffentlichkeitswirksam Luft, mit Aktionen im Block und zuletzt einem Trauermarsch durch die Messestadt. Wegen Corona ist am Mittwochabend (Anpfiff 20.30 Uhr) aber alles anders.

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Leipzig. Wenn RB Leipzig auf den 1. FC Union Berlin trifft, geht es auch ein Stück weit um Fußball-Kultur. Für die Fans aus der Hauptstadt ist die bei RB praktisch gleich null. Werte, Tradition und Mitbestimmung gebe es bei den Leipzigern im Gegensatz zu Union nicht, meinen sie in Köpenick. Vor allem für die aktive Fanszene sind die Emporkömmlinge aus Leipzig so etwas wie der neue Hauptfeind, nachdem einstige Erzrivalen wie der BFC Dynamo oder Tennis Borussia durch ihr Verschwinden in der Versenkung nicht mehr direkt auf Union treffen.

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Union-Fans lehnen Geisterspiele ab

Normalerweise protestieren die Union-Anhänger deshalb immer, wenn es gegen RB geht. Aber am Mittwochabend wird das wegen der Corona-Pandemie fast unmöglich sein. Bis Dienstagmittag gab es diesbezüglich auch keine offiziellen Verlautbarungen der Fanszene. Die Ultras der ersten Reihe haben sich seit dem Corona-Neustart im Mai nur einmal bei Union-Geisterspielen blicken lassen. Vor dem 34. Spieltag der vergangenen Saison gegen Fortuna Düsseldorf (3:0) empfingen sie den Mannschaftsbus in der Nähe des Stadions An der Alten Försterei mit Pyrotechnik. Geisterspiele lehnt die aktive Fanszene ab. Sie weiß aber auch, dass ohne diese das Überleben des Clubs in Gefahr ist.

DURCHKLICKEN: So lief es bisher zwischen RB und Union

21.09.2014: Erstmals treffen RB und die Köpenicker aufeinander. Gespielt wird an der Altern Försterei. Die Union-Fans protestieren gewandet in schwarze Müllsäcke gegen das Konstrukt RB Leipzig. Zur Galerie
21.09.2014: Erstmals treffen RB und die Köpenicker aufeinander. Gespielt wird an der Altern Försterei. Die Union-Fans protestieren gewandet in schwarze Müllsäcke gegen das Konstrukt RB Leipzig. ©

Die führenden Gruppierungen gehören auch nicht zu jenen wenigen Fans, die bei Heimspielen im angrenzenden Waldstück Stimmung machen oder wie auch zuletzt vor, bei oder nach den Begegnungen Feuerwerk zünden. Selbst bei den drei Partien zu Beginn dieser Saison mit 5000 Teilnehmern traten die Ultras nicht erkennbar in Erscheinung. Es gab keinen organisierten Support und keine Zaunfahnen der Fanclubs. Das soll erst wieder geschehen, wenn es keine Corona-bedingten Zuschauerbeschränkungen mehr gibt.

Ein großes Transparent mit wechselnden Botschaften hängt aber bei Spielen zu Hause immer auf der Gegengerade. Auf ihm äußern die Fans beispielsweise Kritik an Verbänden oder aus ihrer Sicht negativen Entwicklungen im Fußball. „Vereine leben von Teilhabe und Demokratie! Investoren verstehen das jedoch nie!“, war auf dem Banner beim jüngsten Heimspiel gegen Bayer Leverkusen (1:0) zu lesen. Das zielt sicher auch in Richtung Leipzig.

Von Müllsäcken bis Trauermarsch

Der Unmut gegen RB, der auch von der Vereinsführung toleriert wird, hat bei Union inzwischen eine lange Tradition. Es gab ihn schon bei Duellen der zweiten Union-Mannschaft mit RB in der Regionalligasaison 2012/13. Inzwischen sind die Eisernen den Leipzigern bis in die 1. Bundesliga gefolgt.

In der Regel 15-minütige Stimmungsboykotts der Union-Fans zu Spielbeginn gab es in den Zweitliga-Duellen 2014/15 und 2015/16 sowie bei den Erstligavergleichen 2019/20. Unvergessen ist der Auftritt der Berliner Anhänger beim ersten Aufeinandertreffen 2014. Zum Protest gegen das "Konstrukt" aus der Messestadt trug der heimische Fanblock an der Alten Försterei geschlossen schwarze Müllsäcke. Bei den Begegnungen in Leipzig betraten die Fans zudem die Blöcke immer erst mit Verspätung.

Beim letzten Spiel in Leipzig (3:1 für RB) vor fast genau einem Jahr am 18. Januar 2020 trugen mehrere hundert Union-Fans bei einem „Trauermarsch“ vom Leipziger Hauptbahnhof zum WM-Stadion von 2006 symbolisch den Leipziger Fußball zu Grabe. „In Leipzig stirbt der Fußball“, stand auf dem von einem Sarg und Kreuzen mitgeführten Banner.

DURCHKLICKEN: Bilder vom "Trauermarsch" der Union-Fans

Der Union-Fanclub Wuhlesyndikat rief die Anhänger der Eisernen vor dem Anpfiff des Gastspiels bei RB Leipzig zum Trauermarsch auf. Zur Galerie
Der Union-Fanclub "Wuhlesyndikat" rief die Anhänger der Eisernen vor dem Anpfiff des Gastspiels bei RB Leipzig zum "Trauermarsch" auf. © Dirk Knofe

Vielleicht gibt es ja auch 2021 eine Form des Protests. Union-Fans sind kreativ und das Spiel findet auf den Tag genau zum 55. Vereinsgeburtstag statt. Wenn Corona irgendwann vorbei ist, wird die Form der Demonstration sicher wieder heftiger. „Wir werden es auch im nächsten Jahr tun und wir werden es in 10 Jahren tun, wenn es nötig ist!“, teilte die Ultra-Gruppierung Wuhlesyndikat vor zwölf Monaten vor dem letzten Duell in Leipzig mit.