15. August 2020 / 14:51 Uhr

Kein Wind auf dem Steinhuder Meer: Phillip Kasüske vor Titel bei deutscher Segelmeisterschaft

Kein Wind auf dem Steinhuder Meer: Phillip Kasüske vor Titel bei deutscher Segelmeisterschaft

Maximilian Bosse
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Phillip Kasüske kann sich mit großer Wahrscheinlichkeit über den Titel bei der deutschen Segelmeisterschaft freuen.
Phillip Kasüske kann sich mit großer Wahrscheinlichkeit über den Titel bei der deutschen Segelmeisterschaft freuen. © Stefan Ibold / Debbie Jayne Kinsey
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Auf dem Steinhuder Meer herrscht Flaute: Weil an diesem Wochenende kein Wind mehr zu erwarten ist, scheint der deutsche Meister schon früher als geplant festzustehen. Phillip Kasüske aus Berlin führt die Regatta an - und darf sich mit großer Wahrscheinlichkeit über den Titel freuen.

Seelenruhig sitzt Bernd Bühmann auf dem Plastikstuhl auf der „Prahm“. Es ist die einzige Sitzmöglichkeit auf der mitten im Steinhuder Meer verankerten Insel der Wettfahrtenleitung. Natürlich sitzt der 67-Jährige auf dem Startschiff nicht nur einfach so herum und genießt die leichten Brisen.

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Höchst konzentriert und mit strengem Blick verfolgt er peinlichst genau das Geschehen der rund 70 Segler auf dem Steinhuder Meer. Er ist der Wettfahrtleiter der deutschen Segelmeisterschaft. Er hat den Hut auf, wenn es darum geht, die schweren Entscheidungen zu treffen. „Seit knapp 20 Jahren mache ich das schon“, sagt Bühmann und schaut aufs Wasser. Vor seinen Augen tummeln sich Unmengen von kleinen Finn-Dinghy-Booten mit dreieckigen Segeln. Was für ein ungeübtes Auge aussieht wie wuseliges Treiben, hat in Wirklichkeit seine ganz bestimmte Ordnung.

Wettfahrtleiter Bernd Bühmann steuert das Geschehen auf dem Steinhuder Meer.
Wettfahrtleiter Bernd Bühmann steuert das Geschehen auf dem Steinhuder Meer. © Debbie Jayne Kinsey

77 Segler aus acht Nationen sind dabei

77 Segler aus acht verschiedenen Nationen wollen innerhalb von vier Tagen den deutschen Meister auf dem Binnensee in der Region Hannover ermitteln. In diesem Zeitraum sollen neun Wettfahrten ausgetragen werden. Als Favoriten auf den Titel gelten der deutsche Olympiaaspirant Max Kohlhoff und Phillip Kasueske, der nach dem ersten Tag der Meisterschaft bereits auf dem ersten Platz lag. Anders als bei vielen anderen Sportarten heißt es beim Segeln: Wer am wenigsten Punkte sammelt, gewinnt. Fatal ist bei dieser Sportart ein Frühstart.

„Pro Wettfahrt haben wir im Schnitt zehn Frühstarts“, erzählt der stellvertretende Wettfahrtleiter, Michael Schwarzer. Ein Frühstart führt automatisch zur Disqualifikation in einer Runde. Das Tückische dabei: Die Regelwidrigkeit wird den Seglern während der Fahrt nicht signalisiert. Das bedeutet, der Frühstarter muss das Rennen unwissend bis zum Schluss bestreiten. Erst am Ende des Tages werden die Fehlstarts bekanntgegeben.

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Lemmel ist in aller Munde

So ein Fehler unterläuft auch dem Segler Fabian Lemmel (Startnummer 501), der die erste Wettfahrt am Donnerstagmorgen vermeintlich als Erster beendet. Er ist nach dem Rennen in aller Munde. Überaus genervt steuern einige Konkurrenten ihre Finn-Dinghys auf die „Prahm“ zu. „Die 501 hat als Einziger keine Sicherheitsweste an“, protestiert einer der Athleten lautstark, während sein Segel geräuschvoll im Wind flattert. Auch ein anderer Sportler beschwert sich bei der Wettfahrtenleitung. Zu Lemmels Verteidigung: Solche oder ähnliche Beschwerden gibt es nach jedem Rennen – von irgendwem über irgendwen oder irgendwas.

Fabian Lemmel wartet darauf und sagt, „was soll man machen“
Fabian Lemmel wartet darauf und sagt, „was soll man machen“ © Debbie Jayne Kinsey

Kaum fünf Minuten später plätschert der angeschwärzte Lemmel persönlich in seinem Boot vorbei. Ahnt er etwa was? Sein lockiges Haar vom Wind verweht, stoppt Lemmel sein Finn selbstsicher am Startschiff und erkundigt sich nach den Frühstarts der vergangenen Runde. „Darüber geben wir keine Auskünfte“, entgegnet Schwarzer und weist im selben Atemzug darauf hin, doch bitte schön die Schwimmwestenregel zu beachten. Nach einem skeptischen Blick durch die ­verspiegelte Sonnenbrille, kommt Lemmel der Aufforderung nach und legt wieder ab. Er weiß immer noch nicht, dass einer der Frühstarts auf sein Konto geht.


Viel Zeit bis zum Start der nächsten Wettfahrt bleibt dem Berliner Lemmel nicht. Und eine gute Position beim Start „kann oftmals entscheidend sein“, sagt VizeWettfahrtleiter Schwarzer.

Kasueske führt die Gesamtwertung an

Knapp eine Stunde brauchen die Sportler für den vorgegebenen Kurs der zweiten Fahrt. Zum Ende hin sind – gerade bei der Wettfahrtleitung – äußerste Konzentration und ein gutes Auge gefragt. Viele Segler kommen fast zeitgleich über die Ziellinie. Unter dem zwitschernden Applaus einiger Möwen fährt der amtierende Meister, Max Kohlhoff, als Dritter ins Ziel. Aktuell befindet er sich in der Gesamtwertung auf Platz zwei, hinter seinem ehemaligen Trainingspartner Phillip Kasueske. „Natürlich wäre es schön, wenn ich meinen Titel verteidige. Aber ich würde auch noch gut schlafen können, wenn es am Ende nicht klappt“, sagt Kohlhoff.

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Gelegenheit für einen Angriff bekommt er gar nicht. Denn am dritten Tag der Regatta herrscht absolute Flaute. Kein Wind, kein Boot auf dem Wasser, keine Meisterschaft. Die Segler sind gezwungen, stur herumzusitzen und zu hoffen, dass es weitergehen kann. „Beim Segeln muss man damit rechnen, dass ein paar Rennen ausfallen. Gerade auf einem See wie dem Steinhuder Meer“, erklärt der aktuelle Zweite. Und auch der Optimismus fällt in den Kreisen der Teilnehmer nicht mehr allzu groß aus. „Ich denke nicht, dass wir hier am Wochenende noch weitersegeln werden“, fügt Kohlhoff hinzu.

Ob er es tatsächlich zu Olympia 2021 in Tokio schafft, steht noch aus. Und sicher, ob die Sommerspiele im nächsten Jahr überhaupt stattfinden können, ist er sich auch nicht. Außerdem sei die Chance, „einen Platz zu bekommen, ziemlich gering“.

Er ist so gut wie sicher deutscher Meister: Phillip Kasüske aus Berlin führt die Regatta an.
Er ist so gut wie sicher deutscher Meister: Phillip Kasüske aus Berlin führt die Regatta an. © Debbie Jayne Kinsey

Das Hoffen auf ein Wetterwunder

Doch jetzt zählt erst mal die Gegenwart. Und in der sieht es stark nach Dauer-Flaute aus. Auch für Samstag hat der Wetterbericht keine guten Nachrichten für die Teilnehmer. „Da bisher schon sechs Rennen gefahren wurden und es nur vier für eine Meisterschaftswertung benötigt, wäre das Ergebnis von Donnerstag auch schon das Endresultat“, erklärt Bernd Bühmann. Somit wäre, wenn nicht noch ein Wetterwunder passiert, Phillip Kasueske vom Verein Seglerhaus am Wannsee der neue Meister.