08. Juni 2020 / 12:01 Uhr

Keine 25 Spieler mehr: BSG Chemie Leipzig will ihren Kader verkleinern

Keine 25 Spieler mehr: BSG Chemie Leipzig will ihren Kader verkleinern

Jens Fuge
Leipziger Volkszeitung
Andy Müller-Papra kümmert sich um die sportlichen Belange der BSG Chemie Leipzig.
Andy Müller-Papra kümmert sich um die sportlichen Belange der BSG Chemie Leipzig. © imago images / Christian Schrödter
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Seit Wochen weist der Sportliche Leiter der BSG Chemie auf die Unwägbarkeiten der Personalplanung angesichts der ungewissen Zukunftsaussichten hin. Im Interview mit dem SPORTBUZZER erklärt Andy Müller-Papra, wie weit er bisher gehen konnte und warum einige schwierige Entscheidungen anstehen.

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Leipzig. Vogelgezwitscher statt Dauergesang, Rasenmäher-Brummen statt Torjubel: die Corona-Krise hat den Alfred-Kunze-Sportpark fest im Griff. Seit einem Vierteljahr ruht der Spiel- und Trainingsbetrieb auch bei der BSG Chemie Leipzig. Eben wurde die aktuelle Saison für beendet erklärt. Wann die neue Serie beginnen wird, steht in den Sternen. Wie man unter diesen Umständen den Kader weiterentwickeln und neue Spieler verpflichten kann, warum Trainer Miroslav Jagatic nach Leipzig zieht und weshalb unangenehme Entscheidungen zu schlaflosen Nächten führen, beantwortet Chemie-Sportchef Andy Müller-Papra (39) im SPORTBUZZER-Gespräch.

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Alles ist anders in diesem Jahr. Wo liegen die Schwierigkeiten und Probleme, in einer solchen Situation Kaderplanung zu betreiben?

Ich habe im Winter begonnen, die ersten Gespräche mit unseren Spielern zu führen, doch dann kam Corona dazwischen und wir mussten abwarten, wie sich die Situation entwickelt. Mit neuen Spielern musste ich sprechen, ohne unser Budget bereits genau zu kennen. Da steht sowieso immer die Aufgabe, sie zu begeistern von unserem Verein und Möglichkeiten aufzuzeigen. Das ist auch ganz gut gelungen, glaube ich, aber unterschreiben kann man eben nichts.

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Aber es muss ja irgendwann weitergehen …

Ja, aber das kann im August sein, im September, oder eben auch erst im Januar. Mit oder ohne Zuschauer, oder dürfen nur 999 Leute ins Stadion? Das macht eine Planung unmöglich, und wir können ja nicht Verträge abschließen, ohne die Einnahmesituation zu kennen. Es ist ärgerlich, dass sich der NOFV nicht positioniert.

Wie läuft so ein Gespräch dann ab? Nach dem Prinzip Hoffnung?

Man klopft den Rahmen ab, die meisten Spieler wissen, dass wir kein Profiverein sind und mit anderen Dingen punkten. Da geht es um Ausbildung, Studium oder Arbeit. Und jeder weiß, was für ein tolles Umfeld mit den Fans und der Atmosphäre wir haben. Es werden aber auch Spieler angeboten, für die nur das Geld zählt. Da müssen wir absagen.

Und die interessierten Spieler warten jetzt treu und brav ab, bis Sicherheit herrscht?

Das hoffen wir, Geduld brauchen jetzt alle Seiten. Ich bleibe dran, telefoniere oft mit den Spielern. Sie wissen ja, was sie an uns haben – und das, was wir versprechen, halten wir immer. Das ist auch nicht selbstverständlich. Der Vorteil, den wir durch unsere recht frühen Gespräche mit potenziellen Neuzugängen hatten, ist aber leider verloren gegangen. Am Wochende erst hatte ich einen Anruf, in dem von einem Berater angedeutet wurde, dass es jetzt auch andere Interessenten gibt. Das können wir leider nicht ändern.

Aber geht das nicht der Konkurrenz genauso wie Chemie? Haben nicht alle Vereine die gleiche Unsicherheit?

Das schon, aber es werden von einigen Vereinen schon fleißig Neuzugänge vermeldet. Ich weiß nicht, ob die unabhängiger von Zuschauereinnahmen sind und bereits durchfinanziert sind. Da wir als Verein gebrannte Kinder sind, agieren wir konservativ und nicht ins Blaue. Ich habe aber ein gutes Gefühl, dass alle Kandidaten zur Stange halten.

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An welcher Stelle sollen denn Verstärkungen erfolgen?

In allen Mannschaftsteilen wollen wir uns weiterentwickeln. Wir wissen um das Alter einiger unserer Abwehrspieler, sehen die Reserven im kreativen und schnellen Umkehrspiel. Und dass mehr Tore fallen müssen, ist auch klar. Ein erster Schritt wäre, unseren Winterzugang Burim Halili zu halten, der uns überzeugt hat und noch wesentlich mehr Potenzial hat.

Das wissen auch andere …

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Genau. Wir werden aber immer in der Situation sein, dass junge Talente, die sich hier enorm weiterentwickeln können, auch irgendwann nach Höherem streben. Wir versuchen natürlich, so langfristig wie möglich mit ihnen zu arbeiten und sie an uns zu binden, aber grundsätzlich ist das der Weg. Da müssen wir realistisch sein. Aber wir haben ja auch viele positive Dinge, die wir in die Waagschale werfen können.

Wie viele Zugänge sind denn geplant?

Wir wollen unseren Kader, der 25 Spieler umfasst, verkleinern. Wir wollen Leute holen, die uns weiterhelfen, den nächsten Schritt zu gehen. Das können vier, aber auch sechs Spieler sein. Hängt aber davon ab, ob alles kommt wie geplant.

Das heißt, es werden auch etliche Spieler gehen müssen, an die sechs oder sieben müssten es dann sein?

Ja, das sind immer unangenehme Entscheidungen, wenn es nicht so geklappt hat wie erhofft. Das ist schade und das tut auch weh, wenn man die Jungs selber geholt hat, denn man kennt sich und hat Vertrauen aufgebaut. Am Ende, wenn man so eine Entscheidung mitteilt, ist man sowieso der Arsch. Das hatte ich erst diese Woche wieder, da schlägt die gute Stimmung, die man bis dahin hatte, schon auch mal ins Gegenteil um. Aber das ist menschlich, das kann ich nachvollziehen. Aber man hat schon auch mal eine schlaflose Nacht deswegen.

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Sind Sie zufrieden mit der Erfolgs-Quote der von Ihnen geholten Spieler?

Ach, das ist immer schwer zu sagen. Bei den erfahrenen Spielern, die wir geholt haben, wie Benny Bellot und Benny Boltze, war das Risiko im Prinzip null. Bei jungen Spielern braucht es immer etwas Glück, ob sie gleich einschlagen. Bei Björn Nikolajewski ist es zum Beispiel sehr gut gelaufen in seinem ersten Jahr bei den Männern. Und bei Ibisevic hatten wir nur drei Tage Zeit, nachdem Kai Druschky uns kurzfristig verlassen hatte. Er hatte ein Länderspiel, spielte in der ersten slowenischen Liga und überzeugte beim Probetraining. Am Ende passte es jedoch gar nicht.

Wie soll es jetzt weitergehen?

Ich hoffe, dass bald klar ist, wie und wann es weitergeht. Stand heute würde ich den 1. September für realistisch halten, aber man kann es halt nicht wissen. Im Moment sind Sportveranstaltungen nicht erlaubt. Und wir wollen auch nur mit Zuschauern spielen, anders geht es gar nicht. Der gegenwärtige Zustand nervt unheimlich, uns und die Spieler genauso. Aber da müssen wir durch.

Kann man dann eigentlich auf Knopfdruck loslegen? Ein paar Wochen Training, und es geht los?

Im Prinzip schon, man braucht aber etwas Vorlauf für ein eventuelles Trainingslager und vor allem Testspielgegner. Da startet man eigentlich mit der Organisation im Januar.

Mit der offiziellen Beendigung der Saison hat sich auch der Vertrag von Trainer Miroslav Jagatic automatisch verlängert. Ein guter Griff?

Auf jeden Fall. Miro passt total zum Verein, hat Feuer im Hintern, will was erreichen. Ein Zeichen seiner Identifikation ist, dass er jetzt nach Leipzig zieht. Das gibt uns mehr Möglichkeiten, auch in der Arbeit mit den Spielern. So planen wir, künftig auch Vormittagstraining anzubieten und uns weiter zu professionalisieren. Wir harmonieren gut, was aber nicht heißt, dass wir uns nicht auch mal fetzen. Miro hat viel Temperament, und ich kann auch stur sein. Da wird es schon mal emotional, aber das ist gut so und gehört dazu.

Auch für Sie ist der Job nicht einfach und eine Doppelbelastung. Volltagsjob in einer Immobilienfirma, Hausbau und Familie und dazu noch der Job als Sportlicher Leiter. Kommt man da nicht auch an Grenzen?

Man muss das wollen, sonst wird das nichts. Das Herz muss dabei sein. Mir macht es zu hundert Prozent Spaß, in diesem Wahnsinnsverein zu arbeiten und Verantwortung zu tragen. Da geht alles.