30. Januar 2022 / 08:13 Uhr

Keine Allüren, nur ehrliche Arbeit: Erinnerungen an Trainer-Legende Gerd Schädlich

Keine Allüren, nur ehrliche Arbeit: Erinnerungen an Trainer-Legende Gerd Schädlich

Antje Henselin-Rudolph
Leipziger Volkszeitung
Immer mit der Ruhe: Gerd Schädlich agierte stets mit bedacht.
Immer mit der Ruhe: Gerd Schädlich agierte stets mit bedacht. © Imago / Kruczinski
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Mit Gerd Schädlich ist ein Trainer verstorben, der beim FSV Zwickau, dem Chemnitzer FC und vor allem beim FC Erzgebirge Aue die Erfolgsgeschichte wesentlich prägte. Dabei blieb der gebürtige Vogtländer stets bescheiden. Das Rampenlicht mochte er nie. LVZ-Sportchefin Antje Henselin-Rudolph erinnert sich an den Fußball-Lehrer, den sie bei den Veilchen eine Weile begleiten durfte.

Leipzig. Im Augenblick seines wohl größten sportlichen Erfolges wirkte Gerd Schädlich so, als habe er ein Gespenst gesehen. Es war der 1. Juni 2003, 33. Spieltag der Regionalliga Nord. Der FC Erzgebirge Aue, dessen Trainer Schädlich zu diesem Zeitpunkt seit knapp vier Jahren war, gastierte beim Dresdner SC. Aus Sicherheitsgründen stieg die Partie ausgerechnet im Rudolf-Harbig-Stadion, der Heimstätte von Aues Erzrivalen Dynamo. Die Ausgangslage war klar: Mit einem Sieg würden sich die Veilchen frühzeitig Meisterschaft und Aufstieg in die 2. Bundesliga sichern.

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Kalkweiß im Angesicht des Triumphs

Es war drückend heiß an diesem Tag und Aue startete schlecht. Schon nach elf Minuten lagen die Gäste durch ein Tor von Carlos Mota 0:1 zurück. Rostislav Broum glich kurz darauf aus. Danach passierte lange nichts. In der 63. Minute schoss Khvicha Shubitidse das 2:1 für den FCE, knapp zehn Minuten später erhöhte Gregor Berger auf 3:1. Der Auer Block explodierte förmlich. Und Schädlich? Der stand da. Kalkweiß, die Kinnlade nach unten geklappt, die Hände erschrocken vor’s Gesicht geschlagen. Er wusste: Das ist der Aufstieg. Das ist die zweite Liga. Das 4:1 von Frank Berger war nur noch Kosmetik. Nach dem Abpfiff stürmten die Fans den Rasen, jede und jeder wollte die Kicker umarmen, den Coach herzen. Als der schließlich den Raum für die obligatorische Pressekonferenz erreichte, war er schweißgebadet und derart emotional erschöpft, dass es einige Augenblicke dauerte, bis es losgehen konnte mit der Spielanalyse. Erst danach sagte Schädlich: „Jetzt trinken wir vielleicht erstmal einen Sekt.“

Jubel nach dem 4:1-Sieg in Dresden, der den Aufstieg bedeutete: Gerd Schädlich mit Kay-Uwe Jendrossek (l.) und Marco Kurth sowie Physiotherapeut Jens Borchert (r.).
Jubel nach dem 4:1-Sieg in Dresden, der den Aufstieg bedeutete: Gerd Schädlich mit Kay-Uwe Jendrossek (l.) und Marco Kurth sowie Physiotherapeut Jens Borchert (r.). © Imago/Dehlis

Gerd Schädlich schätzte das Bad in der Menge, wie jede auch immer geartete öffentliche Aufmerksamkeit für seine Person, wenig. Er wollte nur arbeiten, bienenfleißig, akribisch, stets sachlich, vor allem in Ruhe. Als ihm 2014 der „Chemmy“ verliehen werden sollte – mit ihm werden die Chemnitzer Sportlerinnen und Sportler des Jahres geehrt – erschien der 1952 in Rodewisch geborene Fußball-Lehrer nicht zum Ball des Sports. Sein Kommentar: „Ich finde das Ganze eigenartig und bin darüber nicht begeistert.“

Klar und direkt

Dabei sind Schädlichs Verdienste zahlreich und unbestritten. Seine aktive Karriere war kurz. Eine Verletzung beendete die Laufbahn des damals 25-Jährigen, der zunächst in seiner Heimatstadt Rodewisch, dann beim FC Karl-Marx-Stadt gekickt hatte. Noch während er spielte, erwarb er an der dortigen Außenstelle der DHfK Leipzig das Diplom als Sportlehrer. Seine Trainerkarriere begann Schädlich bei der BSG Motor Scharfenstein, arbeitet gleich zweimal in Krumhermersdorf, stieg mit dem FSV Zwickau in die 2. Liga auf, gab seine Visitenkarte beim FC Sachsen Leipzig ab, allerdings nur für sechs Partien. Er trainierte die BSG Aktivist Schwarze Pumpe ebenso wie die BSG Stahl Riesa und den FSV Hoyerswerda. Von 2008 bis 2013 stand Schädlich an der Seitenlinie des Chemnitzer FC, mit dem er 2011 in die 3. Liga aufstieg, auch dank eines 1:0-Sieges gegen Favorit RB Leipzig am vorletzten Spieltag. Seine längste Station blieb aber die im Erzgebirge.

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Von Juni 1999 bis Dezember 2007 (er entließ sich nach einem 0:5 gegen 1860 München selbst) wirkte Schädlich hier, holte und formte Spieler wie Nikolce Noveski (später Kapitän bei Bundesligist Mainz), Andrzej Juskowiak, Rüdiger Rehm (heute Trainer des FC Ingolstadt) oder den jüngst bei RB als Co-Trainer von seinen Aufgaben entbundenen Marco Kurth. „Ich fand seine Direktheit, seinen Ehrgeiz sehr bemerkenswert. Immer wieder neu anzusetzen und nicht zufrieden zu sein“, sagte „Kurthi“ in einem Interview mit der LVZ über seinen ehemaligen Chef. „Immer auch klar zu sein, gegenüber den Spielern, die das Team geführt haben. Und die dann genauso zu behandeln wie alle anderen. Das war wichtig.“

Bildeten in Aue ein erfolgreiches Trainergespann: Gerd Schädlich und Holger Erler.
Bildeten in Aue ein erfolgreiches Trainergespann: Gerd Schädlich und Holger Erler. © imago/Picture Point LE

Schädlich konzentrierte sich stets auf’s Wesentliche. Wohl auch deshalb reiste er mit den Veilchen gern ins Trainingslager ins tschechische Blsany. Das kleine Örtchen mit nicht einmal 1000 Einwohnern bot ein Top-Trainingszentrum und praktisch keinerlei Ablenkung für die Profis. Abends saß der Coach gern mit seinem Co-Trainer Holger Erler und Zeugwart Bernd Zimmermann beim Skat. „Zimbo“ sorgte für passende Getränke. Auch hier galt Disziplin. Über die Stränge zu schlagen, war Schädlichs Sache nicht. Wenn dann das Telefon an der Rezeption des Zentrums zu aufdringlich klingelte, die Mitarbeiter aber schon nach Hause gegangen waren, hob er schon mal selbst ab: „Prosim?“ (Bitte). Dabei sprach er kein Tschechisch. „Wenn da jemand von hier dran gewesen wäre, hätte ich auflegen müssen“, meinte Schädlich einmal, lächelte verschmitzt und fügte entschuldigend hinzu. „Aber wir wollten doch in Ruhe spielen.“

In Gedanken bei seinen Ex-Clubs

Konsequent blieb Schädlich stets. Die Möglichkeit in den westlichen Bundesländern zu arbeiten, schlug er mehrfach aus. „Weil ich bodenständig bin, brauchte ich nicht durch die Welt zu reisen“, meinte er in einem Interview anlässlich seines 65. Geburtstags. Er blieb seiner Heimat treu und stets in der Nähe von Frau und Tochter. Nach dem Ende der Trainerlaufbahn brachte Schädlich seine Expertise als Scout beim Halleschen FC ein. Eine Rückkehr auf die Bank a la Jupp Heynckes? „Ich werde mich sicher nicht mehr für den Job bewerben. Ich bin jetzt offiziell Rentner.“

Seinen Ex-Clubs blieb der sächsische Erfolgstrainer dabei stets verbunden. Sein wachsames Auge lag auf Zwickau, Chemnitz und den Veilchen, denen er bereits 2018 mit auf den Weg gab: „Ich wünsche den Auern, dass sie nie vergessen, was es für den Verein heißt, am Ende jeder Saison die 2. Liga zu behaupten.“ Diesen Erfolg hatte er selbst wesentlich begründet.

Gerd Schädlich starb am Samstag nach langer schwerer Krankheit im Alter von 69 Jahren. 

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