02. März 2021 / 17:34 Uhr

Keine Angst vor großen Namen: Jennifer Zietz ist Turbines Rekordspielerin

Keine Angst vor großen Namen: Jennifer Zietz ist Turbines Rekordspielerin

Christoph Brandhorst
Märkische Allgemeine Zeitung
v.l.: Anja Mittag, Babett Peter, Theo Zwanziger, Jennifer Zietz, Michel Platini, Corina Schröder, Yuki Nagasato,  (Potsdam) mit Pokal, Jubel, Olympique Lyon - 1. FFC Turbine Potsdam, Frauenfußball, Champions League der Frauen, Finale in Getafe, Saison 2009/2010, 20.05.2010;   Foto: Jan Kuppert;
Sternstunde für Turbine Potsdam: Jennifer Zietz reckt den Champions League-Pokal 2010 in den Nachthimmel von Getafe. © Jan Kuppert
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Frauenfußball: Jennifer Zietz kam mit 15 Jahren zu Turbine Potsdam und prägte den Club, der am 3. März sein 50-jähriges Bestehen feiert, wie kaum eine andere Fußballerin. Die Rekordspielerin gewann mit Potsdam alle Titel.

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Als Ariane Hingst im Frühjahr 2007 ihren Abschied vom 1. FFC Turbine Potsdam nach zehn überaus erfolgreichen Jahren verkündet hatte, teilte Bernd Schröder die Kapitänspersonalie vor versammelter Mannschaft mit: Jennifer Zietz sollte neue Spielführerin des Frauenfußball-Bundesligisten werden, der am morgigen Mittwoch ein halbes Jahrhundert alt wird. „So, ab jetzt macht es Jenny“, sagte Schröder damals in der Kabine. „Oder hast du Angst davor?“, schob er hinterher.

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Jennifer Zietz hatte keine Angst, eigentlich hatte sie die nie. Weder, als sie 1998 mit gerade einmal 15 Jahren aus Rostock an die Havel aufs Internat wechselte, noch 2010, als sie im vielleicht wichtigsten Spiel der Vereinsgeschichte, dem Champions League-Finale von Getafe, als Erste zum Elfmeterpunkt schritt – und verschoss. „Das war natürlich Wahnsinn. Wir waren fix und fertig, weil wir Lyon anders eingeschätzt hatten“, erinnert sich die ehemalige Mittelfeldspielerin an das Strafstoß-Drama im Endspiel, in dem Torhüterin Anna Felicitas Sarholz den Potsdamer Verein mit zwei gehaltenen und einem selbst verwandelten Elfer auf den europäischen Frauenfußball-Thron hievte. „Ich musste meine Enttäuschung nach dem vergebenen Elfmeter natürlich etwas verbergen“, gibt Zietz heute zu, „aber wer mich kennt, der weiß, dass ich mich über den Elfmeter fast mehr ärgere als ich mich über den Titel freuen kann.“

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Von der internationalen Spitze waren die Turbinen kurz vor der Jahrtausendwende weit entfernt, als „Jenny“ vom PSV Rostock, dem Nachfolger des letzten DDR-Meisters im Frauenfußball, zum sechsfachen Ost-Champion nach Potsdam wechselte. „Ich durfte gleich bei den Großen mittrainieren“, erinnert sich Jennifer Zietz. „Das war aufregend, die ersten Bälle habe ich immer in die Havel geschossen“, erzählt sie lachend. „Ich konnte das tun, was ich immer geliebt habe. Ich konnte morgens und abends Fußball spielen. Natürlich hat die Schule da in der ersten Zeit etwas gelitten“, blickt sie zurück. Auch bei Turbine herrschte in dieser Zeit Aufbruchstimmung.

Nach der turbulenten Wendezeit hatte der Verein lange gebraucht, um sich im wiedervereinten Deutschland zu behaupten. Die Qualifikation zur Bundesliga haben die Brandenburger Fußballerinnen, die mit der Wiedervereinigung aus der Betriebssportgemeinschaft in den SSV Turbine überführt worden waren, 1991 als Oberliga-Dritte noch verpasst.

Als auch ein Jahr später die Rückkehr in die Erstklassigkeit nicht gelang, zog sich Trainer Schröder, der seit der Gründung 1971 das Sagen hatte, auf den Managerposten zurück. Peter Raupack, Frank Lange, kurzzeitig Sabine Seidel, Lothar Müller und Eckhard Düwiger hießen die Übungsleiter der Turbinen in den folgenden Jahren, ehe Schröder 1997 auf die Bank zurückkehrte.

Mit Mittelmaß wollte der sich nicht zufriedengeben. Dreimal wurde Turbine Vize-Meister. „Es war uns schon bewusst, dass der Weg zur Spitze immer kürzer wurde, dass wir ganz oben anklopfen“, erinnert sich Jennifer Zietz. Die Mannschaft aus Potsdam wurde reifer, 2003 stellte man gleich vier Weltmeisterinnen in der deutschen Nationalmannschaft, ehe dem Club 2004 mit Pokalsieg und Meisterschaft das erste gesamtdeutsche Double gelang.

Die Trikots von Turbine Potsdam seit 2005

<b>Saison 2005/06 (Heimtrikot)</b> Klassisch: Im blauen Jersey mit weißen Akzenten an der Seite jubeln Ariane Hingst (l.) und die Torschützin zum 1:0, Conny Pohlers (r.), am 14. Mai 2006 beim Heimspiel gegen den 1. FFC Frankfurt. Am Ende der Saison sprang das Double aus Meisterschaft und DFB-Pokal-Sieg für die Turbinen heraus. Zu erwähnen sei die Tordifferenz von 115:13. Allein Conny Pohlers konnte sich mit 36 Toren zur besten Torschützin der Bundesliga krönen. Zur Galerie
Saison 2005/06 (Heimtrikot) Klassisch: Im blauen Jersey mit weißen Akzenten an der Seite jubeln Ariane Hingst (l.) und die Torschützin zum 1:0, Conny Pohlers (r.), am 14. Mai 2006 beim Heimspiel gegen den 1. FFC Frankfurt. Am Ende der Saison sprang das Double aus Meisterschaft und DFB-Pokal-Sieg für die Turbinen heraus. Zu erwähnen sei die Tordifferenz von 115:13. Allein Conny Pohlers konnte sich mit 36 Toren zur besten Torschützin der Bundesliga krönen. ©

Zietz machte das Abitur – in der Woche, als im Berliner Olympiastadion vor 30 000 Zuschauern vor dem Männer-Finale das Pokal-Endspiel anstand. „Es war so heiß, aber wir waren euphorisiert. Von Minute zu Minute kamen mehr Fans. Wir haben 3:0 gegen Frankfurt gewonnen, ich habe ein Tor gemacht. Das war schon cool“, sagt die Turbine-Rekordspielerin, die in ihrer Laufbahn im Frauenbereich für keinen anderen Club auflief und 276 Mal in der Bundesliga für Potsdam spielte.

Überhaupt Frankfurt: Das Duell mit dem ewigen Rivalen vom Main wurde über Jahre zum Machtkampf der Systeme – in Deutschland und Europa. Längst sind auch die Frankfurterinnen aus der Spitze verdrängt worden, haben sich der Eintracht angeschlossen. Der VfL Wolfsburg (zuletzt viermal Meister) und der FC Bayern sind heute die Dominatoren.

Nach ihrer ersten Meisterschaft waren aber erstmal die Turbinen „gierig“, wie Zietz sagt. 2005 der nächste Pokalsieg und der Triumph im Europacup – die 8677 Zuschauer im „Karli“ beim Final-Rückspiel gegen Djurgardens IF sind bis heute Rekord. Der Verein hatte sich international einen Namen gemacht, war für Spielerinnen aus dem Ausland interessant. Was 1994 mit den Russinnen Natalja Bunduki und Veronika Pimenowa begann (Schröder: „Wir haben hin und her verhandelt, es ging um 10 000 Mark.“), wurde zur Erfolgsstory. Cristiane war im Winter 2004/2005 die erste Brasilianerin der Bundesliga. „Der sind fast die Ohren abgefroren“, erinnert sich Schröder. Genoveva Anomna (2011 bis 2015) aus Äquatorialguinea wurde Bundesliga-Torschützenkönigin 2012. Yuki Nagasato (2010 bis 2013) schoss Japan 2011 in Deutschland zum WM-Titel und sich selbst 2013 zur Torjägerkanone. Und die Norwegerin Ada Hegerberg (2012 bis 2014) wurde später Weltfußballerin. „Ich musste Englisch lernen, weil ich als Kapitänin auf dem Platz natürlich kommunizieren musste“, so Zietz, „es war herausfordernd und schön zugleich.“

In Bildern: Am 20. Mai 2010 gewinnt Turbine Potsdam die Champions-League.

Der 1. FFC Turbine Potsdam bezwang am 20. Mai 2010 in Getafe im Champions-League-Finale den französischen Club Olympique Lyon mit 7:6 nach Elfmeterschießen. Anschließend gab es eine Party und vier Tage später einen großen Empfang auf dem Luisenplatz. Zur Galerie
Der 1. FFC Turbine Potsdam bezwang am 20. Mai 2010 in Getafe im Champions-League-Finale den französischen Club Olympique Lyon mit 7:6 nach Elfmeterschießen. Anschließend gab es eine Party und vier Tage später einen großen Empfang auf dem Luisenplatz. © Jan Kuppert und Detlev Scheerbarth/MAZ

Jennifer Zietz blieb stets eine Konstante im zentralen Mittelfeld, hatte nie Angst vor den großen Namen, trotzte allen Umbrüchen. „Uns haben immer wieder Spielerinnen verlassen“, weiß sie, „vielleicht nicht immer im Guten, aber immer auch mit einem weinenden Auge. Weil man viel Blut, Schweiß und Tränen hier gelassen hat.“ Auch die Kapitänin liebäugelte mal mit einem Abschied aus der Landeshauptstadt. „Es gab die Möglichkeit. Aber es war klar, dass ich in Deutschland immer nur für Turbine spielen wollte. Für einen anderen Verein zu spielen, hätte ich gar nicht übers Herz gebracht“, sagt die 15-fache deutsche Nationalspielerin, die 2009 ohne Einsatz Europameisterin wurde. Eher hätte sie ein Wechsel ins Ausland gereizt. „Aber ich weiß, wo ich zu Hause bin.“

2015 war Schluss. Ein Jahr später, als die Ära Bernd Schröder nach 45 Jahren bei Turbine Potsdam endete, wechselte Jennifer Zietz die Seiten. Ein Jahr unterstützte sie Schröder-Nachfolger Matthias Rudolph als Co-Trainerin, später war sie Leistungssport-Koordinatorin. Heute konzentriert sie sich auf ihren Job im Sportmarketing der AOK. Und wie geht es für ihre Turbine nach 50 Jahren weiter? „Was den Verein ausmacht, ist die Tradition. Darauf kann man stolz sein. Jetzt muss Turbine den Spagat zwischen Tradition und Moderne finden.“