25. August 2021 / 15:17 Uhr

"Keine Hektik" beim NOFV im Streit um Trikot-Werbung für Opferfonds

"Keine Hektik" beim NOFV im Streit um Trikot-Werbung für Opferfonds

Britt Schlehahn
Leipziger Volkszeitung
Beim Gastspiel in Eilenburg war die Brust der TeBe-Kicker unfreiwillig weiß.
Beim Gastspiel in Eilenburg war die Brust der TeBe-Kicker unfreiwillig weiß. © imago images/opokupix
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Regionalligist Tennis Borussia Berlin fordert eine rasche Änderung der Spielordnung, um gemeinnützigen Organisationen Platz auf Spielertrikots geben zu können. Der dafür zuständige Nordostdeutsche Fußballverband (NOFV) will aber nichts überstürzen.

Leipzig/Berlin. Am Wochenende steht der 7. Spieltag der Regionalliga Nordost an. Seit dem ersten Spieltag beherrscht ein wichtiges Thema die Liga: Wer darf mit welchem Aufdruck auf dem Trikot auflaufen? Der Stein das Anstoßes, dem längst bundesweite Aufmerksamkeit zukommt, bildet der Antrag von Tennis Borussia Berlin beim NOFV zur Genehmigung mit "CURA Opferfonds rechte Gewalt" auf dem Trikot auflaufen zu können. Der NOFV verbot dies unter Rückgriff auf die Spielordnung und rechtfertigte sich zudem mit dem Hinweis, dass sich durch die Aufschrift Personen im Stadion provoziert fühlen könnten.

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Rassismus und Antisemitismus auch im Fußball

Damit sollte von Verbandsseite sicherlich ein Schlussstrich gezogen sein. Doch dann trugen die Spieler des SV Babelsberg 03 vor zwei Wochen beim Aufwärmen vor dem Spiel gegen die BSG Chemie Leipzig Trikots mit CURA-Aufdruck. Der Verein solidarisierte sich zudem per Social Media öffentlich mit TeBe. Keine Woche später - am 18. August - veröffentlichte TeBe gemeinsam mit der Amadeu Antonio Stiftung einen offenen Brief auf der Vereins-Homepage. Die Überschrift lautet "Position beziehen: Fußball und die demokratische Zivilgesellschaft". Darin beschreibt der Regionalligist seine Motivation zum Tragen des Logos und stellt die Frage: "Wie viel gesellschaftliche Verantwortung darf der Sport übernehmen?"

DURCHKLICKEN: Die Bilder zum Spiel beim SVB 03

Die BSG Chemie Leipzig gewinnt das Auswärtsspiel bei Babelsberg 03 mit 2:0. Zur Galerie
Die BSG Chemie Leipzig gewinnt das Auswärtsspiel bei Babelsberg 03 mit 2:0. ©

Bezugnehmend auf die (unter anderem nach den rassistischen Überfällen in Hoyerswerda, die sich im September zum 30. Mal jähren) von Ursula Kinkel gegründete CURA-Initiative erklärt TeBe: "Auch im Kontext des Fußballs werden immer wieder Menschen aus rassistischen oder antisemitischen Gründen angegriffen. Wenn Menschen aufgrund von Hass und Ideologien, die den Grundwerten unserer demokratischen Gesellschaft zuwiderlaufen, angegriffen, verletzt oder gar getötet werden, ist es selbstverständlich, dass die demokratische Zivilgesellschaft an ihrer Seite steht. So dachten wir zumindest, als wir unsere Trikots mit dem Logo des Opferfonds CURA beantragt haben."

TeBe schlägt Änderung vor

Die Absage des NOFV interpretiert TeBe als Infragestellung dieser Selbstverständlichkeit und verweist auf die vielfachen Initiativen in den unterschiedlichsten Spielklassen und Sportarten für demokratische Grundwerte.

Daher schlagen die Berliner im offenen Brief eine Änderung der Spielordnung vor. "Wenn der Spielausschuss bei seiner Auffassung bleibt, dass § 25 Ziffer 8 Werbung für den Opferfonds CURA und vergleichbare Initiativen verbietet, bleibt dem Verband immer noch die Möglichkeit, die Regelung zu präzisieren. Das NOFV-Präsidium könnte eine rechtliche Grundlage innerhalb der Spielordnung schaffen, die zivilgesellschaftliches Engagement gegen Diskriminierung und für eine offene Gesellschaft zulässt. Die Unterstützung gemeinnütziger Organisationen könnten explizit erlaubt werden. Eine entsprechende Änderung der Ordnung könnte das Präsidium - wie in anderen Fällen auch - im Umlaufverfahren unverzüglich beschließen."

Fehlende Haltung?

Mittlerweile haben eine Reihe von Vereinen und Personen den offenen Brief unterschrieben und sich mit der Forderung an den NOFV solidarisiert. Dazu gehören das Bündnis aktiver Fußballfans, F_in Netzwerk Frauen im Fußball, Gegengerade-Fußballfilm- und Kulturfestival,die Initiative "Nazis raus den Stadien", Fußballfans gegen Homophobie e.V., Chemisches Element - Fanclub BSG Chemie Leipzig, Rote Allez! Fraktion, Roter Stern Leipzig '99, SV Babelsberg 03, VfL Halle 96, CFC-Fans gegen Rassismus, Robert Claus - unter anderem Autor von "Hooligans. Eine Welt zwischen Fußball, Gewalt und Politik" - oder Gunter A. Pilz, Vorsitzender des Netzwerks Sport und Politik für Fairness, Politik und Menschenwürde.


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Der Landesligist FC Internationale Berlin, der seit Jahren mit der Trikotaufschrift "No Racism" aufläuft, stellt aktuell auf seiner Facebookseite die Frage: "Was nützt es, Verbandslogos in Regenbogenfarben zu gestalten, Transparente gegen Rassismus an die Verein zu geben oder teure Werbespots für Vielfalt zu produzieren, wenn die Sportverbände im entscheidenden Moment keine Haltung zeigen?!"

Thema könnte zum Dauerbrenner werden

Der NOFV sieht das etwas anders. "Keine Hektik" lautet das Motto des Verbandes, wie es Till Dahlitz, Mitarbeiter Spielbetrieb, gegenüber dem SPORTBUZZER beschreibt. Zuerst hält Dahlitz fest, dass der offene Brief nicht direkt per Post zum NOFV gelang. "Trotzdem habe ihn der Verband zur Kenntnis genommen". Mit dem Antidiskriminierungsbeauftragten wird nun darüber intern gesprochen. "Wann und wie die Anpassung an die Spielordnung" im Hinblick auf die Forderung von TeBe stattfinden wird, "ist derzeit noch offen."

Sehr sicher ist sich Dahlitz, dass "auf jeden Fall keine Anpassung schon in der nächsten Präsidiumssitzung vorgenommen wird." Er weiß allerdings auch, dass die Erwartungshaltung gegenüber dem Verband eine andere sein könnte. "Für Außenstehende" ist das vielleicht nicht so einfach zu verstehen, aber es "muss auch die andere Seite beleuchtet werden" und das sei "durchaus schwierig."

Das Thema - vor allem unter der eingangs von TeBe aufgeworfenen Fragestellung zur gesellschaftlichen Verantwortung - könnte so zu einem Dauerbrenner werden - nicht nur im NOFV-Universum, denn die Weltmeisterschaft in Katar 2022 wirft nach der EM bereits seit einiger Zeit ihre langen Schatten voraus. Spätestens bis dann sollte der Verband zu einer Lösung gelangt sein.