16. August 2019 / 08:30 Uhr

Kellermann: Die Frauen-Bundesliga muss professioneller werden

Kellermann: Die Frauen-Bundesliga muss professioneller werden

Andreas Pahlmann
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Ralf Kellermanm im Interview
Ralf Kellermanm im Interview © Roland Hermstein
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Ralf Kellermann, Sportlicher Leiter des deutschen Frauenfußball-Meisters VfL Wolfsburg, fordert vorm Bundesliga-Start Reformen. Die Liga müsse professioneller werden, sagt er - und nennt im großen SPORTBUZZER-Interview Beispiele.

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Mit dem Spiel des 1. FFC Frankfurt gegen Turbine Potsdam beginnt am Freitagabend (18.30 Uhr, live auf Eurosport) die neue Saison der Frauenfußball-Bundesliga. Titelverteidiger VfL Wolfsburg ist wieder Favorit, der FC Bayern (bei dem Jens Schauer Thomas Wörle als Trainer abgelöst hat) ist wieder der große Rivale. Vorm Saisonstart spricht Ralf Kellermann, Sportlicher Leiter der Wolfsburger Frauen, über das VfL-Team und die Liga, in der sich seiner Meinung nach einiges ändern muss, damit der deutsche Frauenfußball nicht den internationalen Anschluss verliert.

Herr Kellermann, wird es auch in dieser Bundesliga-Saison wieder auf einen Zweikampf zwischen dem VfL und dem FC Bayern hinauslaufen?

Ja, wenn diese beiden Teams am Ende nicht Erster und Zweiter werden, dann ist da in den Vereinen etwas schiefgelaufen. Das heißt nicht, dass die Liga uninteressant wäre oder dass die beiden Top-Klubs alle Spiele gewinnen werden. Essen, Freiburg, Potsdam, Frankfurt, Hoffenheim oder ein Überraschungsteam können immer schwere Gegner sein. Aber die Qualität der Kader in Wolfsburg und München hebt sich doch schon deutlich vom Rest der Liga ab.

Beide Top-Klub hatten einige Veränderungen im Kader, wer hat den größeren Sprung nach vorn gemacht?

Schwer zu sagen. Ich finde, dass sich die Bayern seit Jahren kleiner machen als sie sind. Jedes Jahr Nationalspielerinnen zu verpflichten und dann immer zu sagen: Wolfsburg steht über uns – das hätte ich als Verantwortlicher nicht zugelassen und das passt auch nicht zur grundsätzlichen Philosophie des FC Bayern. Und ich bin mir sicher: Eine zu defensive Haltung macht sich irgendwann auch in den Köpfen bemerkbar. Mit dem neuen Trainer ändert sich das wahrscheinlich.

Und auf was kommt es für den VfL an?

Mit Nilla Fischer und Caroline Hansen haben wir zwei absolute Leistungsträgerinnen verloren, das ist schon enorme Qualität, die jetzt nicht mehr für den VfL Wolfsburg da ist. Aber auch in der Vergangenheit haben wir überragende Spielerinnen wie zum Beispiel Martina Müller, Nadine Keßler, Josie Henning oder Conny Pohlers ersetzen müssen – und haben es hinbekommen. Das Gesicht unseres Teams hat sich verändert und ich finde, dass wir in Breite noch an Qualität dazugewonnen haben. Es sind viele Neuzugänge dabei, die Stammplatz-Ansprüche haben dürften. Das sorgt für Konkurrenzkampf und führt schon im Training zu mehr Tempo, mehr Dynamik, mehr Aggressivität, das war schon zu beobachten.

Bleibt der Ehrgeiz groß, wenn man national alles gewinnt?

Das ist ja seit vielen Jahren das Faszinierende an unserer Mannschaft: Da sind einige dabei, die könnten gerade in einem Jahr mit WM oder EM sagen: Meister und Pokalsieger war ich schon, das ist jetzt vielleicht gar nicht mehr wichtig. Aber das passiert nicht. Dass wir fünfmal in Folge Pokalsieger und dreimal in Folge Meister geworden sind, kann man darum gar nicht hoch genug bewerten. Das ist eine ganz große Stärke, die diese Mannschaft auszeichnet. Und jetzt kommen Spielerinnen dazu, die sind noch nie deutscher Meister geworden.

International ändert sich die Konkurrenz-Situation gerade, Lyon und Wolfsburg sind nicht mehr allein das Maß aller Dinge.

Es sind jetzt aus Deutschland, England, Frankreich und Spanien je Mannschaften in der Champions League dabei – und aus einem dieser vier Länder wird der Sieger kommen, da lege ich mich fest. Für uns heißt das Ziel wie immer Viertelfinale. Es sind Teams dabei, die eine großen Sprung nach vorn gemacht habe – allen voran Barcelona.

Das Ziel des Viertelfinale, der Traum ist es, den Champions-League-Titel zu holen – aber jedes Jahr wird es schwieriger, diesen Wettbewerb zu gewinnen...

Wir haben weiterhin einen Kader, der die Champions League gewinnen kann. Aber wenn wir sehen, was internationale Top-Klubs wie etwa Manchester City oder Barcelona für eine Strahlkraft haben und wie dort die infrastrukturellen und wirtschaftlichen Möglichkeiten sind, dann müssen wir sagen: Dass wir im Frauenfußball weiterhin in einem Atemzug mit dem FC Barcelona oder Manchester City und demnächst vielleicht mit Real Madrid und Manchester United genannt werden, ist schon eine große Auszeichnung. Wir arbeiten daran, dass das so bleibt. Die Champions-League-Erfolge von 2013 und 2014 waren schön, aber sie waren auch außergewöhnlich und sind nicht so ohne Weiteres zu wiederholen. Aber mit der aktuellen Mannschaft können wir es wieder schaffen!

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Die VfL-Frauen feiern das Double mit den Fans vor dem AOK-Stadion ©
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Inwieweit war die WM ein Muster für die Entwicklung des Frauenfußballs?

Man konnte bei der WM schon eine Menge erkennen. Wenn die eigene Liga boomt, treten die Spielerinnen auch im Nationaltrikot mit einem ganz anderen Selbstbewusstsein an – und man sieht die Unterschiede. Das Halbfinale England gegen USA war ein Hammer-Spiel, mit wahnsinnigem Tempo. Das andere Halbfinale – Niederlande gegen Schweden – war, vorsichtig formuliert, etwas anderes. Für mich folgt daraus: Wir brauchen in Deutschland eine starke Liga – mit unseren Nationalspielerinnen und auch mit Top-Spielerinnen aus anderen Ländern.

Fehlt es der deutschen Liga an Attraktivität?

Nein. Aber es geht noch deutlicher attraktiver.

Was kann man da tun?

Einiges, gefordert ist da vor allem der DFB. Die Liga muss professioneller werden. Ich rege seit Jahren strengere Zulassungsverfahren an. Mönchengladbach spielte in der Bundesliga und hat ein Flutlicht, dessen Lux-Zahl eigentlich gar nicht reicht. Bei den Vorgaben für die Infrastruktur gibt es immer noch zu viele weiche Bestimmungen und zu viele Ausnahmen – von den Medienarbeitsplätzen bis zum VIP-Raum. Dann müsste es aus meiner Sicht vorgeschrieben sein, dass Trainer mittelfristig in der Frauenfußball-Bundesliga die Fußballlehrer-Lizenz haben – ist es aber nicht. Als ich vor drei Jahren gesagt habe, wir müssen Rasenheizung für alle Standorte zwingend vorschreiben, wurde ich groß angeguckt. Aber jetzt schauen Sie auf den Spielplan – wenn eines unserer Auswärtsspiele im März ausfallen sollte, haben wir quasi keine Chance, das nachzuholen. Das nächste Thema ist die Präsentation der Liga. In dieser Woche war eine Pressekonferenz zum Liga-Start, von der kaum einer etwas mitbekommen hat. Das muss ein viel besserer, medienwirksamerer Aufschlag sein, davon hätten alle etwas.

Fehlt es dann beim DFB am Willen oder an der Kompetenz?

Statt einer Antwort gebe ich Ihnen ein Beispiel: Im DFB-Pokal der Frauen ist man nach fünf Gelben Karten gesperrt. Als Bundesligist, der in der zweiten Runde einsteigt, hat man aber maximal nur fünf Spiele, die Gelbsperren-Regelung ergibt also keinen Sinn, zumal sie bei den Männern schon vor vielen Jahren geändert wurde.

Ist denn der neue Fernsehvertrag mit Eurosport und das freitägliche Live-Spiel ein Schritt in die richtige Richtung?

Ja, der feste Sendeplatz für den Frauenfußball ist grundsätzlich enorm viel wert – und etwas, wofür wir lange gekämpft haben. Freitagabend ist ein guter Termin, da bekommt man wahrscheinlich eine höhere Quote als Samstagmittag. Und generell finde ich, dass Flutlichtspiele im Fernsehen immer gut aussehen und eine gute Atmosphäre transportieren. Auch das macht das Produkt Frauenfußball höherwertig.

Das klingt alles gut, aber so richtig transparent ist das für den Fan noch nicht – denn offenbar redet auch die ARD mit, die in der Samstag-Sportschau die Zusammenfassung eines Top-Spiels zeigen will, das dann am Samstag stattfinden muss und live im Internetstream oder auf einem der dritten Programme übertragen wird. Das klingt zum einen danach, dass das Eurosport-Spiel am Freitag gar nicht immer das attraktivste Spiel des Spieltages sein muss und dass es im Spielplan noch einige Verlegungen geben kann…

Ja, es bleibt schwierig und vor allem den letzten Teil sehe ich kritisch – weil uns die vom DFB im Vorfeld der Saison zugesagte Planungssicherheit verloren geht. Wir haben ja auch immer mehr Fans, die uns zu Auswärtsspielen begleiten und immer mehr Fans, die von weiter her zu unseren Heimspielen kommen. Für die kann das ein Riesenaufwand sein, wenn kurzfristig Spiele verlegt werden. Und wenn wir erst vier bis fünf Wochen vor einem Spiel dieses so richtig bewerben können, dann kostet uns das Zuschauer.

So könnte der VfL Wolfsburg seine Neuzugänge einbauen

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So könnten die VfL-Frauen in der kommenden Saison spielen ©

Im Grunde geht es um mehr Professionalisierung – würde es da helfen, wenn weitere Top-Klubs der Männer wie Schalke oder Dortmund den Frauenfußball für sich entdecken?

Mit diesen Klubs müsste man vielleicht auf anderer Ebene reden, ihnen auch die gesellschaftspolitische Dimension eines Engagements im Frauenfußball klarmachen. Und wir müssen schauen, ob Klubs wie Köln, Leverkusen oder Bremen, die schon einen Frauen-Bundesligisten haben oder hatten, ihren Aufwand vielleicht auch mal erhöhen wollen, denn immer noch kann man mit vergleichsweise geringerem finanziellen Engagement im Frauenfußball viel erreichen. Und dann käme man vielleicht in eine positive Spirale: Mehr große Vereine führen zu einem professionelleren Auftritt der Liga, was wiederum weitere Vereine dazu animiert, sich professioneller aufzustellen.

RB Leipzig gehört zu den Klubs, die jetzt den Frauenfußball entdecken…

Ja, ich wundere mich ein bisschen darüber, dass sie das noch relativ langsam angehen lassen. Ich sehe da perspektivisch eher einen anderen Standort wieder in der deutschen Spitze.

Welchen?

Frankfurt. Wenn der 1. FFC nächstes Jahr in Eintracht Frankfurt aufgeht, kommt da sehr viel Knowhow zusammen. Siggi Diedrich weiß als FFC-Macher sowieso, wie es geht. Und Fredi Bobic als Eintracht-Sportvorstand macht nur Sachen, von denen er überzeugt ist. Ich glaube, es dauert nicht mehr lange, bis wir mindestens wieder einen Dreikampf um die deutsche Meisterschaft haben.

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