31. Januar 2020 / 06:00 Uhr

Bayer-Profi Kerem Demirbay über Werksklub-Diskussion, Havertz-Potenzial und Social-Media-Verzicht

Bayer-Profi Kerem Demirbay über Werksklub-Diskussion, Havertz-Potenzial und Social-Media-Verzicht

Tim Lüddecke
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Die Leute hinterfragen nicht, was hinter dem Erfolg steht: Kerem Demirbay spielt seit dieser Saison bei Bayer Leverkusen. 
"Die Leute hinterfragen nicht, was hinter dem Erfolg steht": Kerem Demirbay spielt seit dieser Saison bei Bayer Leverkusen.  © imago images/Jörg Schüler
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Kerem Demirbay wechselte im Sommer von 1899 Hoffenheim zu Bayer Leverkusen. Vor dem Aufeinandertreffen beider Klubs in der Bundesliga spricht der 26-Jährige im SPORTBUZZER-Interview. Es geht um seine Rekordablösesumme, Gitarrenunterricht statt Instagram – und die Meisterchancen von RB Leipzig mit seinem Ex-Trainer Julian Nagelsmann.

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SPORTBUZZER: Herr Demirbay, Sie haben für Traditionsvereine wie den BVB, den HSV, Kaiserslautern oder Fortuna Düsseldorf gespielt – anschließend für 1899 Hoffenheim und seit Sommer für Bayer Leverkusen. Wo liegt der Unterschied?
Kerem Demirbay (26):
Nehmen wir Hamburg, ein Riesenverein, bei dem es in den letzten Jahren allerdings viel Unruhe gegeben hat. Das spürt man natürlich gerade als Spieler. Auf dem Trainingsgelände, wenn man nach Hause fährt, in der Stadt. Dann bin ich nach Hoffenheim gekommen – das ist im Gegensatz zu Hamburg natürlich ein Dorf. Alles ist sehr familiär, sehr harmonisch. Verliert man mal ein Spiel, nimmt einem das eigentlich niemand übel. Verliert man noch ein Spiel, immer noch nicht wirklich. Der Druck ist ein ganz anderer als bei einem Traditionsverein.

Wie ist das in Leverkusen, bei einem sogenannten Werksklub?
Hier gibt es diesen Druck auch, weil die Qualität höher ist – sonst wäre ich nicht gewechselt. Aber mit der Diskussion um Traditions- und Werksklubs kann ich nichts anfangen. Das Problem ist, dass die Leute oftmals nicht hinterfragen, was hinter dem Erfolg steckt. Und das ist sehr viel Arbeit! RB Leipzig stünde sonst sicher nicht an der Tabellenspitze. Der Erfolg dieser Klubs hat natürlich auch mit Sponsoren und strategischen Partnern zu tun, aber vor allem mit Menschen und Persönlichkeiten. Ohne deren Qualitäten gibt es keinen Erfolg.

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Sie geben wenig über den Menschen Kerem Demirbay preis, verzichten auf Social-Media-Profile. Weshalb?
Weil ich nichts davon halte. Wenn es beispielsweise sportlich nicht so gut läuft, muss man sich heutzutage anonym im Internet schon mal beleidigen lassen – und nichts passiert. Bei aller Liebe – ich zähle da eher zur alten Schule. Ich biete solchen Menschen kein Forum. Werde ich dann auf direktem Weg beleidigt, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man entschuldigt sich oder man geht sich aus dem Weg.

Wie reagieren Ihre Teamkollegen auf die Online-Abstinenz?
Die haben mich anfangs natürlich schon gefragt, ob ich auf Instagram unterwegs bin. Manche haben ungläubig reagiert, viele fanden es aber auch irgendwie cool. Ich will einfach bewusst leben. Und wenn mein Sohn mit mir spielt, kann ich dabei nicht so und so (tut so, als würde er Selfies schießen) machen. Das wäre nichts für mich.

Medien? „Es wird nur noch schwarz-weiß berichtet“

Wie nutzen Sie Ihre Zeit?
Ich genieße sie einfach. Gerade bin ich auf der Suche nach einem Gitarrenlehrer, meine Frau hat mir eine geschenkt. Da will ich jetzt angreifen! (lacht)

Nervt Sie das Geposte Ihrer Teamkollegen?
Ich habe das nicht zu beurteilen. Ich bin selbst kein Freund davon, Meinungen von außen besondere Bedeutung beizumessen. Ich befasse mich bewusst auch nicht mit Sportmedien. Man kriegt das zwar irgendwo auch immer mal mit, aber bei mir geht das hier rein, da raus, weil aus meiner Sicht mittlerweile nur noch schwarz-weiß berichtet wird.

Wieso finden Sie das?
Als ich bei Kaiserslautern und Düsseldorf gespielt habe, hieß es immer, dass meine Qualität nicht für die Bundesliga reicht. Doch später, zu meiner Zeit in Hoffenheim, wurde dann auch schon mal über mich als bester Mittelfeldspieler der Liga geschrieben, nachdem ich als „Niemand“ aus der 2. Liga gekommen war. Ich versuche, diese Dinge einfach nicht an mich heranzulassen, weil ich sonst gar nicht mehr lachen, nicht mehr glücklich sein und mich nicht mehr auf meine Arbeit fokussieren könnte. Das ist unnötig verschwendete Energie.

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Demirbay: „Wir Fußballer können nichts dafür, dass wir so viel kosten“

Kümmert Sie als Leverkusener Rekordtransfer eigentlich Ihre Ablösesumme in Höhe von 32 Millionen Euro?
Auch davon mache ich mich komplett frei. Wir als Fußballer können nichts dafür, dass wir so viel kosten. Das hat sich über die Jahre hinweg so entwickelt. Manch einer sagt ja bei den heute möglichen dreistelligen Millionensummen, dass jeder Transfer unter 50 Millionen Euro ein Schnäppchen ist. Fest steht: Alles hat letztlich den Wert, den der Markt hergibt. Aber fragen Sie mich nicht, wie hoch mein Marktwert ist.

Aktuell: 30 Millionen Euro.
Ach so, bin ich damit der wertvollste Spieler bei uns? Ich habe echt keine Ahnung!

„Kai Havertz kann ein ganz Großer werden.“

Das ist Kai Havertz, mit 90 Millionen Euro. Zu Recht?
Kai hat sehr, sehr, sehr viel Qualität. In allen Belangen. Ich habe schon wirklich einen außergewöhnlich guten linken Fuß, behaupte ich mal. Ob seiner besser ist? Weiß ich nicht. (lacht) Aber er muss sich nicht verstecken.

Was macht ihn noch besonders?
Seine Lockerheit. Diese gewisse Ruhe in seinem Alter ist schon erstaunlich. Ich glaube, er wird einen ganz besonderen Weg einschlagen. Wenn er wirklich dranbleibt, dann traue ich ihm international wirklich alles zu, dann kann er ein ganz Großer werden.

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Ähnliches sagt man sich auch über Julian Nagelsmann, der Sie in Hoffenheim trainiert hat.
Julian ist ein Phänomen. Er hat ein unglaublich gutes Gespür für seine Spieler und eine klare Linie, der er stets treu bleibt. In der Art und Weise, wie er Fußball spielen lässt oder aufstellt, ist er hingegen total variabel. Er achtet auf so viele Details – und hat mir persönlich eine ganze Menge mitgegeben.

Zum Beispiel?
Das Prinzip der „minimalen Breite“. Was verstehen Sie darunter?

Gar nichts.
Sie sind der Verteidiger, das Tor steht hinter Ihnen, ich bin der Außenstürmer…

Lassen Sie gut sein. Kann Nagelsmann mit RB Leipzig Meister werden?
Sie haben in der Hinrunde zumindest am konstantesten gespielt. Daher stehen sie zu Recht da oben. Wie lange, das wird man noch sehen.