21. Juli 2021 / 16:23 Uhr

Kevin Kuske über Königssee: "Der seelische Schaden ist groß"

Kevin Kuske über Königssee: "Der seelische Schaden ist groß"

David Joram
Märkische Allgemeine Zeitung
Nach starkem Regen hat Schutt und Geröll die Bob- und Rodelbahn am Königssee völlig zerstört.
Nach starkem Regen hat Schutt und Geröll die Bob- und Rodelbahn am Königssee völlig zerstört. © dpa
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Die Bobnation trauert um ihr liebstes Kind: Nach der Zerstörung der Kunsteisbahn am Königssee durch ein Unwetter ist auch der frühere Potsdsmer Anschieber Kuske geschockt.

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Die schockierenden Bilder hatte Kevin Kuske schnell auf seinem Handy. „Noch in der Nacht habe ich ein Video von einem Feuerwehrmann bekommen, der früher selbst Bobfahrer war“, erzählt der Potsdamer Kuske. Und noch weitere zahlreiche Nachrichten habe er erhalten, so richtig fassen konnte es der frühere Weltklasse-Anschieber trotzdem nicht. „Für mich persönlich war das ein absoluter Schock.“ Kuske, 42, spricht über die Bob- und Rodelbahn in Schönau am Königssee. Dort, in den Berchtesgadener Alpen, wo Bayern wirklich so schön ist wie es gerne wirbt, blickt die Bob- und Rodelnation gerade mit Bestürzen hin. Die weltweit älteste Kunsteisbahn, für Kuske auch „die schönste Bahn der Welt“, ist regelrecht zerlegt worden.

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Ersten Schätzungen zufolge soll der Schaden im zweistelligen Millionenbereich liegen, angerichtet von Geröllmassen, die das Unwetter am Samstag ins Tal schickte. Welche finanziellen Mittel exakt nötig sind, um die Bahn wieder flott zu machen, bleibt abzuwarten. „Es wird auf jeden Fall einiges kosten“, meint Kuske.

2010, Vancouver: Der Potsdamer Kevin Kuske (r.) gewinnt als Bob-Anschieber zum vierten Mal Gold, dieses Mal im Zweier mit Pilot André Lange.
Kevin Kuske (r.) war als Bob-Anschieber vor allem mit André Lange sehr erfolgreich. © dpa

Nahezu der komplette Bahnkörper wurde zerstört. Thomas Schwab, der Generalsekretär des Bob- und Schlittenverbands für Deutschland, sagte gegenüber der „Heimatzeitung“: „Es schaut aus wie auf einem Schlachtfeld.“

Am Königssee, wo im Winter Bobs, Rennrodel und Skeletons in rasender Geschwindigkeit unterwegs sind und es im Sommer eher ruhig zugeht, waren am Montag und Dienstag Bagger, Kipper und Räumfahrzeuge unterwegs. Zahlreiche Helfer von Bundeswehr und Technischem Hilfswerk unterstützten die Bahnarbeiter bei den ersten Aufräumarbeiten nach dem schweren Unwetter am Wochenende, das die Bob- und Rodelbahn am Leistungszentrum Berchtesgaden/Königssee schwer in Mitleidenschaft gezogen hat.

„Unsere Aufräumarbeiten können warten. Wir haben der Gemeinde angeboten, dass die Leute, die hier aktiv sind, zuerst den betroffenen Menschen in unserer Region helfen. An der Bahn muss keiner wohnen“, sagte Schwab, der laut Deutscher Presse-Agentur an den Aufbauplänen und der Wiedereröffnung im Oktober 2022 festhalten will.

„Als ich wusste, was passiert ist, musste ich sofort an meinen schönen Karriereabschluss dort 2018 denken“, sagt Kevin Kuske. Fünf Weltcups gewann der Potsdamer am Königsee, feierte Welt- und Europameistertitel. Den Grundstein seiner so erfolgreichen internationalen Karriere, die Kuske vier olympische Goldmedaillen einbrachte, habe er einst im Zweierbob mit André Lange, einer weiteren deutschen Bob-Ikone, gelegt. „Das sind schöne Erinnerungen, deshalb ist das jetzt besonders schmerzlich.“ Jede Kurve kannte der einst so schnelle wie kraftvolle Anschieber, er wusste, wo gebremst und beschleunigt werden musste, wo mehr und weniger Feingefühl nötig war. „Das war eine Bahn mit sehr viel Charakter“, sagt Kuske, „und rein optisch war sie ein absolutes Highlight.“

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Kuske arbeitet mittlerweile als Stützpunkttrainer in Potsdam, wo er die norddeutschen Talente technisch und athletisch ausbildet. Speziell für die jungen Bobsportlerinnen und Bobsportler sei die Zerstörung der Bahn ein herber Verlust. „Königsee ist die Mutterbahn des Verbands, hier konnten die Nachwuchskräfte immer beschwerdefrei trainieren“, ein Rieseneinschnitt sei das Unglück, „national, aber auch international.“

Für den Verband sei es nun auch schwierig, für die Olympischen Winter-Spiele im Februar 2022 in Peking zu planen, meint Kuske. Zwar versucht Bob-Bundestrainer René Spies Optimismus zu verbreiten („wir haben drei weitere Bahnen in Deutschland, auf die wir ausweichen können“), aber eben keine mehr wie Königsee. „Der seelische Schaden ist groß“, sagt Kuske.