15. Oktober 2021 / 21:17 Uhr

Ernüchterndes Comeback: Warum Kevin-Prince Boateng bei Hertha BSC noch kein Faktor ist

Ernüchterndes Comeback: Warum Kevin-Prince Boateng bei Hertha BSC noch kein Faktor ist

Ronald Tenbusch
Märkische Allgemeine Zeitung
Der Start von Kevin-Prince Boateng bei der Hertha lief enttäuschend.
Kevin-Prince Boateng konnte in dieser Saison auf dem Spielfeld noch nicht vollends überzeugen © Getty Images (Montage)
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Im Sommer kehrte Kevin-Prince Boateng zu Hertha BSC zurück. Von ihm erhofften sich die sportlichen Entscheider mehr Führung auf und neben dem Platz. In der Kabine scheint der Plan aufzugehen, aber was geht noch auf dem Platz?

Eine galante Körpertäuschung, ein spektakulärer Hackenpass, ein frecher Lupfer – wenn Kevin-Prince Boateng den Ball am Fuß hat, passieren besondere Dinge. Wer das Training von Hertha BSC verfolgt, kommt am 34-Jährigen kaum vorbei. Weil er fußballerische Lösungen findet, die nicht jeder Spieler beim Fußball-Bundesligisten anbietet. Und weil er einen Namen trägt, beim dem es im Ohr eines jeden Fußballfans klingelt.

Kevin-Prince Boateng – der Berliner Junge, der aus dem Stadtteil Wedding hinauszog, um bei den größten Klubs Europas anzuheuern. Der ehemalige Profi von Milan, Tottenham und Barcelona steht für eine sportliche Klasse, von der bei der Hertha häufig geträumt wurde, die aber selten auch im Kader stand. So zumindest die Theorie. Nur einen Moment später liegt Boateng im Trainingsspiel auf dem Rasen und hält sich das Knie. Er steht wieder auf, es geht weiter, aber wie lange noch?

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Boateng verteidigt sich: "Bin nicht gekommen, um Messi oder Ronaldo zu sein"

Es ist die große Frage, die sich in und rund um den Klub gestellt wird: Wie viel Sprit hat der „Prinz“ noch im Tank? Was kann sein Körper nach 15 Jahren Profifußball und unzähligen Verletzungen noch leisten? "Ich bin nicht als 25-Jähriger hierhergekommen. Ich bin nicht gekommen, um Messi oder Ronaldo zu sein. Ich probiere alles, ich gebe Vollgas und gehe an meine Grenzen", so Boateng vor dem Spiel am Samstag (15.30 Uhr/Sky) gegen seinen Ex-Klub Eintracht Frankfurt.

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Nur eine Saison schnürte der Globetrotter seine Schuhe in der Mainmetropole, diese aber bleibt in Erinnerung. Denn am Ende durfte Boateng mit der Eintracht den sensationellen Gewinn des DFB-Pokals bejubeln, im Endspiel durch einen 3:1-Erfolg gegen den FC Bayern. Endlich hatte der von Kopf bis Fuß tätowierte Lautsprecher mit dem "Bad Boy"-Image, der mit einem üblen Tritt gegen DFB-Kapitän Michael Ballack einst zur Hassfigur in Deutschland wurde, auch hierzulande einen Titel gewonnen. Noch dazu in seinem alten Wohnzimmer, dem Berliner Olympiastadion.

Boatengs Bilanz liest sich bislang ernüchternd

Er hatte es allen gezeigt und das Kapitel Bundesliga eigentlich beendet. Im Sommer dieses Jahres überlegte er es sich doch noch einmal anders. Im Herbst seiner Karriere und nach einem gescheiterten Aufstiegsversuch mit dem AC Monza in Italiens 2. Liga rief die alte Liebe Hertha. "Ich bin nach Hause gekommen", sagt Boateng, der bei Hertha ausgebildet wurde. Als 18-jähriges Talent wurde er vom damaligen Trainer Falko Götz in den Profikader hochgezogen und nach zwei Jahren für die damalige vereinsinterne Rekordablöse von 7,9 Millionen Euro von Manager Dieter Hoeneß nach London verkauft.

Er gewann anschließend Titel in Spanien, Italien, England und Deutschland, nahm für Ghana an zwei Weltmeisterschaften teil und hielt vor den Vereinten Nationen eine Rede über den Kampf gegen Rassismus. Doch was sind diese Errungenschaften im Hier und Jetzt und im Berliner Kampf um die sportliche Trendwende noch wert? Die Bilanz des Rückkehrers liest sich nach etwas mehr als 100 Tagen ernüchternd. Als zentral-offensiver Mittelfeldspieler gelangen ihm bislang weder ein eigenes Tor, noch eine Vorlage. Dafür sammelte er bereits vier Gelbe Karten. Kein Herthaner Feldspieler sprintet pro 90 Minuten weniger (acht Mal). Bei den Siegen gegen Bochum und Fürth fielen die entscheidenden Tore für Hertha bevor oder nachdem Boateng auf dem Platz stand. Von 720 möglichen Pflichtspielminuten absolvierte er lediglich 297.


Fussball, Herren, Saison 2021/2022, Hertha BSC, Training, Medienrunde mit Kevin-Prince Boateng (Hertha BSC), 12.10. 2021, Foto: Sebastian Räppold / Matthias Koch
Im Gespräch mit den Berliner Medienvertretern zeigte sich Boateng angriffslustig © Matthias Koch

"Entweder spielt Kevin eine gute Halbzeit oder 60 Minuten. Das ist immer der Plan. Und das wussten wir bei ihm vorher", so Hertha-Trainer Pal Dardai. Denn mit der Verpflichtung Boatengs wollten sich die Verantwortlichen um Dardai und Sport-Geschäftsführer Fredi Bobic deutlich mehr als sportliche Klasse in die Kabine holen. Sie wollten dem hierarchiearmen Kader einen Anführer zur Seite stellen, der in der Öffentlichkeit den Druck von anderen Spielern nimmt. "Ich wurde in meiner Karriere mehr kritisiert als gelobt. Damit kann ich umgehen. Ich will den Jungs helfen. Auf der Bank, wie auch auf dem Platz", so Boateng, dessen Vertrag vorerst nur bis Sommer 2022 läuft.

Matthäus-Kritik? "Das finde ich frech"

Gerade den jüngeren Spielern will der zweifache Vater als Ansprechpartner und Mentor dienen. So wie es in seiner Zeit als Jungprofi bei Hertha Niko Kovac oder Andreas "Zecke" Neuendorf waren. "Ich hatte das Glück, viele gestandene Spieler zu haben, die mir geholfen haben. Heute gibt es diese Spieler kaum noch", so Boateng. Auch deshalb spürt er im Team, trotz der überschaubaren Leistungen auf dem Feld, die Unterstützung der Kameraden. "Ich weiß, die Jungs lieben mich. Sie stehen hinter mir und folgen mir“, so der Routinier: "Ich habe das extra angesprochen. Falls jemand es nicht so sieht, kann er immer gerne mit mir sprechen."

Selbst einen Streit mit Lothar Matthäus geht Boateng nicht aus dem Weg. Der hatte gesagt, die Zeit von Boateng sei seiner Meinung nach vorbei. "Das finde ich frech", entgegnete der Berliner, "vielleicht hat er ja Lust gehabt auf eine Schlagzeile, die hat er bekommen." Gleichzeitig betonte er aber auch, dass durchaus jeden Tag in den den Spiegel schaue und selbst am besten wisse, dass er aktuell nicht gut spiele. 14 Stationen bei zwölf Klubs stehen inzwischen in Boatengs Vita. Sie haben Kevin-Prince Boateng nicht weniger selbstbewusst, aber demütiger werden lassen. Es ist zu spüren, dass er auf seiner vermeintlich letzten Station, bei seinem Jugendklub, etwas zurückgeben will. Zumindest sportlich bleibt aber die Frage offen, inwieweit er das noch kann.