26. Januar 2022 / 12:44 Uhr

Trainer zu neuen Kinderfußball-Regeln: "Sie lernen, Lösungen zu finden"

Trainer zu neuen Kinderfußball-Regeln: "Sie lernen, Lösungen zu finden"

Jana Baumann
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Trainer Jürgen Wittwer ist für kleinere Teams und kleinere Spielfelder im Kinderfußball.
Trainer Jürgen Wittwer ist für kleinere Teams und kleinere Spielfelder im Kinderfußball. © IMAGO / Joker, privat
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Kleinere Teams, weniger Wettbewerb, feste Auswechslungen und Torhüter erst ab der E-Jugend: Die neuen Regeln, die der DFB für den Kinderfußball einführen will, sind umstritten. Jürgen Wittwer ist seit über 30 Jahren Übungsleiter im Kinderfußball. Er befürwortet die Reform: Bisher ginge es zu früh um Erfolge. Das sei auch schlecht für die fußballerische Ausbildung.

Dieser Artikel ist Teil des Amateurfußball-Bündnisses #GABFAF. Infos auf gabfaf.de.

In über 30 Jahren als Übungsleiter sammeln sich so einige Erfahrungen und Erlebnisse an. Jürgen Wittwer trainiert beim SCE Gütersloh zwei Kinder-Gruppen, einmal von drei bis sechs Jahren und einmal von sechs bis zehn Jahren. Dabei ist dem 65-Jährigen eines besonders aufgefallen: "Häufig werden die jungen Spieler und Spielerinnen nicht so eingesetzt, wie sie es sollten. Dadurch haben sie natürlich weniger Ballkontakte, und die technische Ausbildung kann nicht ausreichend gewährleistet werden. Außerdem geht es schon in jungen Jahren viel um den Wettbewerb. Das ist schade, denn im Vordergrund sollten immer die Bedürfnisse und die Entwicklung des Kindes stehen."

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Schon damals hat der gebürtige Lüdenscheider seinen Kindern auf dem Fußballplatz, auch seinem Sohn, beigebracht, nicht "gegen eine Mannschaft", sondern "mit einer Mannschaft" zu spielen. Ein Spiel könne nur miteinander passieren. Im Fokus solle der Spaß am Fußball stehen.

Das Thema

Der 65-Jährige ist froh, dass jetzt neue Regeln im Kinderfußball umgesetzt werden sollen. Dabei wird auf kleinere Teams, kleinere Spielfelder, häufige Wechsel und weniger Wettbewerb gesetzt. "Im Spiel sollen die Kinder selbst Lösungen finden. Das geht nur durch ein kleineres Feld und kleinere Abstände. Nur so können sie Erfahrungen sammeln und das Erlernte später auch im Jugendbereich anwenden", erklärt er. Länder wie Spanien, Brasilien oder Holland machten es schon seit längerem vor, wie vor allem junge Spieler durch mehr Interaktion auf dem Spielfeld besser ausgebildet werden können. "Wir hängen da etwas hinterher", findet Wittwer.

Auch im Spitzenfußball wird der Raum enger

Wenn die neuen Regelungen wie geplant zur Saison 2024/25 im Kinderfußball verpflichtend werden, sind die Teams kleiner: in der Regel nur zwei (G-Jugend) oder drei (F-Jugend) Kids pro Mannschaft. Dann wird es schwierig, sich aus dem Spiel herauszuziehen. Der Nachwuchs wird ermuntert, aktiv teilzunehmen und sich immer wieder Lösungen für verschiedene Spiel-Szenarien zu überlegen. "Je höher man spielt, umso mehr wird man Gebrauch von diesen damaligen Lösungen machen können, denn auch im Spitzenfußball ist der Raum für die Spieler enger geworden. Da hilft nicht nur Einprogrammiertes", sagt Wittwer.

Tore schießen noch häufig im Vordergrund

Als Nachwuchstrainer stellte Wittwer ebenfalls fest, dass zunehmend das Toreschießen in den Vordergrund rückt. Bei einer Mannschaft, die im Kinderfußball deutlich überlegen ist, fordert er, die Anzahl der Spieler auf der stärkeren Seite zu minimieren. So können mehr Erfolgserlebnisse auf beiden Seiten und für alle Kinder gesammelt werden. Viele Vereine und Trainer haben Schwierigkeiten mit Wittwers Ansichten. "Sie setzen mehr auf den Erfolg, als auf die Entwicklung des Spiels und jedes Einzelnen", meint er.

Deshalb ist es wenig überraschend, dass Jürgen Wittwer sich für Spielenachmittage und Festivals statt Meisterschaftsrunden in der G- und F-Jugend ausspricht. "Auch die Eltern sollten mal ein paar Wochenenden Zeit für sich haben und nicht ständig zu einem Fußballspiel fahren müssen. Ein spielerisches Miniturnier, welches alle drei oder vier Wochen stattfindet, ist meiner Meinung nach die beste Lösung", so der 65-Jährige. Auch kleinere Spielfelder befürwortet er. "Wenn die Spielfelder klein sind und auch die Tore, braucht es nicht unbedingt einen Torhüter. Sonst wird es fast unmöglich, Tore zu schießen." Ebenfalls befürwortet er die geplanten Auswechslungen nach festem Rhythmus, damit alle Spieler gleichmäßig eingesetzt werden.


Kinder sollen im Mittelpunkt stehen

Was der Gütersloher sich für die Zukunft des Kinderfußballs wünscht, weiß er ganz genau: "Die Kinder sollen wieder mehr im Mittelpunkt stehen, stark gemacht werden, Freude am Sport haben und lernen, wieso sie etwas tun." Dabei stehen die Übungsleiter als Helfer zur Seite und unterstützen. "Man kann nicht von einem Menschen verlangen, dass er direkt Auto fahren kann. Das braucht seine Zeit. Auch im Fußball muss im Kleinen und mit Basics angefangen werden. Kindern eine Position auf dem Spielfeld zu geben, ist das Schlimmste, was man ihnen antun kann", so Wittwer. "Ich merke, wie meine Spieler entscheidungsfreudiger- und fähiger werden. Da geht mir das Herz auf."