08. Juni 2021 / 08:30 Uhr

Klartext von Wolfsburg-Kapitän Guilavogui: "Ich bin froh, dass Glasner weg ist"

Klartext von Wolfsburg-Kapitän Guilavogui: "Ich bin froh, dass Glasner weg ist"

Engelbert Hensel
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Klartext: VfL-Kapitän Josuha Guilavogui über seine Frust-Saison und Ex-Trainer Oliver Glasner (kl. Foto, l.).
Klartext: VfL-Kapitän Josuha Guilavogui über seine Frust-Saison und Ex-Trainer Oliver Glasner (kl. Foto, l.). © Imago Images
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Josuha Guilavogui war beim VfL Wolfsburg fast immer erste Wahl, aber in der vergangenen Saison verlor der Kapitän des Fußball-Bundesligisten seinen Stammplatz, was ihm gar nicht gefiel.

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Erst gesetzt, dann verletzt, und dann beim VfL nur noch zweite Wahl - das gefiel Josuha Guilavogui gar nicht. Aber der Kapitän des Wolfsburger Fußball-Bundesligisten ließ seinen Frust während der Saison öffentlich nicht raus. Jetzt jedoch macht er es. Im SPORTBUZZER-Interview spricht der Kapitän offen und ehrlich über sein schlimmes Jahr und geht dabei mit Ex-VfL-Trainer Oliver Glasner, der gerade zu Eintracht Frankfurt gewechselt ist, hart ins Gericht.

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Sie haben in der vergangenen Saison Ihren Stammplatz beim VfL verloren, haben Sie darüber nachgedacht, die Kapitänsbinde zurückzugeben?
Ja. Ich hatte nach dem Rückspiel in Donezk im vergangenen Sommer ein Gespräch mit unserem Manager Jörg Schmadtke. Damals hatte ich schon gespürt, dass die Saison für mich sehr kompliziert werden könnte. Und nachdem ich während meiner Verletzung in der ersten Saisonhälfte gelesen hatte, dass es für mich hier keine Stammplatz-Garantie gibt, ist ja genau das eingetreten.

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Hand aufs Herz: Wie frustriert waren Sie nach der Saison?
Puh, ich weiß nicht genau, wie ich das sagen soll. Schauen wir ein bisschen zurück. Ich habe mit dem VfL die Champions League und die Europa League erlebt, wir waren Vizemeister, haben den Pokal gewonnen, haben zweimal Relegation gespielt. Ich war fast immer Stammspieler, ein wichtiger Teil. Und jetzt plötzlich nach einer Verletzung spielt man gefühlt nur noch fünf oder zehn Minuten pro Spiel. Ich denke, da weiß man, was ich in diesem Jahr erlebt habe. Innerlich war ich wie ein Vulkan, aber nach außen hin habe ich mir das nicht anmerken lassen, sondern habe immer versucht, meine Mitspieler zu unterstützen.



Wir sprechen also über Ihr schlimmstes Jahr beim VfL?
Ja, ich habe nie geglaubt, dass mir so etwas passiert. Ich möchte nicht arrogant klingen, aber ich konnte mir nicht vorstellen, nur dann spielen zu dürfen, wenn wir in den Spielen vorn liegen und eigentlich schon gewonnen hatten. Selbst in meinem ersten Jahr als Profi habe ich mehr gespielt als in der vergangenen Saison.

Warum haben Sie so wenig gespielt?
Das weiß ich nicht. Wenn es nur an meiner Leistung gelegen hätte, dann hätte ich das akzeptiert. Ich bin alt genug, um einschätzen zu können, ob es für mich noch reicht oder nicht. Ich will nicht sagen, dass es unfair war, mich nicht spielen zu lassen, die Mannschaft hat eine tolle Saison gespielt, hat 61 Punkte geholt, ist in die Champions League gekommen. Das Verhältnis zu Oliver Glasner war einfach nicht mehr so wie noch 2019, als er zu uns kam.

Wie war es damals?
Gut, wir haben oft zusammengesessen und haben über alles Mögliche geredet. In diesem Jahr war es einfach anders. Warum? Ich weiß es nicht. Der Trainer ist einen Tag vor unserem letzten Spiel der vergangenen Saison zu mir gekommen und hat gesagt: Josh, ich werde dich morgen spielen lassen, du hast es verdient.

Und wie haben Sie geantwortet?
Ich habe ihm gesagt: Nein, ich spiele nicht!

Wie hat Glasner reagiert?
Er hat es nicht verstanden. Nachdem er es mir gesagt hatte, habe ich mit Marcel Schäfer gesprochen und habe ihm meine Beweggründe geschildert. Es hatten auch einige Spieler mitbekommen, dass der Trainer zu mir gekommen war. Sie haben mich gefragt, worum es ging. Ich habe ihnen alles geschildert und sie hatten Verständnis. Für mich ist ganz klar: Wenn ich mich in dem Moment anders verhalten hätte, wäre ich nicht mehr derselbe Mann gewesen. Fußball ist die eine Sache, aber noch wichtiger ist, wie du als Mensch bist. Ich hätte nicht mehr in den Spiegel gucken können, wenn ich dieses Geschenk angenommen hätte.

Wie hat der Trainer Ihnen gegenüber begründet, dass Sie so wenig spielen?
Mal war das Bauchgefühl ein Argument, dann hat er mir mal gesagt, er möchte das Team nicht verändern, weil es viele Spiele in Folge gewonnen hatte. Dann wollte er, dass ich Innenverteidiger spiele, später sprach er von Rotation. Aber wie oft haben wir am Ende wirklich rotiert? Ich glaube, wir sind die Mannschaft, die am wenigsten rotiert hat.

Sind Sie froh, dass Glasner zu Eintracht Frankfurt gewechselt ist?
Ganz ehrlich: Ja, ich bin froh, dass er weg ist, weil es für mich persönlich die schlimmste Beziehung war, die ich jemals zu einem Trainer in meiner Laufbahn hatte. Für mich war klar: Wenn er bleibt, dann möchte ich weg – das Erreichen der Champions League hat dabei keine Rolle gespielt.

Jetzt ist er weg, bleiben Sie?
Ich weiß es nicht, ich muss mit dem neuen Trainer reden. Ich habe gelesen, dass Jörg Schmadtke möchte, dass ich bleibe. Dafür möchte ich mich bei ihm bedanken, denn er hat mich in dieser für mich komplizierten Saison immer unterstützt. Wir haben oft miteinander gesprochen, das gilt auch für Marcel Schäfer. Auch er ist oft zu mir gekommen und dann haben wir geredet.

Der Franzose Josuha Guilavogui begann seine fußballerische Laufbahn in Toulon, wechselte 2005 in die Jugenabteilung des AS Saint-Étienne und wurde ab 2008, mit 18 Jahren, an die Profimannschaft des französischen Erstligisten herangeführt. Unter Trainer Alain Perrin kam er 2009 zwar zu seinem Debüt in der Ligue A, wurde danach allerdings nur noch selten in den Kader berufen. Zur Galerie
Der Franzose Josuha Guilavogui begann seine fußballerische Laufbahn in Toulon, wechselte 2005 in die Jugenabteilung des AS Saint-Étienne und wurde ab 2008, mit 18 Jahren, an die Profimannschaft des französischen Erstligisten herangeführt. Unter Trainer Alain Perrin kam er 2009 zwar zu seinem Debüt in der Ligue A, wurde danach allerdings nur noch selten in den Kader berufen. ©

Wie geht es jetzt für Sie beim VfL weiter?
Ich möchte gern bleiben. Mein Sohn ist in Wolfsburg geboren, meine Tochter spricht fast perfekt Deutsch. Für uns als Familie wäre ein Wechsel schon ein großer Schritt. Wir fühlen uns hier wohl, ich mag den Verein. Aber ich bin ein Spieler, der spielen muss. Wenn ich jetzt sage, ich nehme mein Geld hier und setze mich auf die Bank, dann ist das für mich so etwas wie der Anfang der Rente. Aber so bin ich nicht. Und so werde ich auch nicht sein, wenn ich 33, 34 oder 35 Jahre alt bin.

Sind Sie der einzige Spieler, der unzufrieden mit dem Trainer war?
Dazu möchte ich mich nicht äußern. Es hat uns schon während der Saison ausgezeichnet, dass nichts nach Draußen gedrungen ist. Jeder hat immer auf dem Platz Gas gegeben und keiner wollte den Erfolg gefährden. Wir sind eine richtig geile Truppe und haben eine richtig gute Stimmung im Team.

Gibt es Angebote von anderen Klubs?
Ja, es gab Gespräche mit anderen Vereinen. Aber ich möchte erst mal mit dem neuen Trainer sprechen.

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Wie haben Sie Mark van Bommel als Spieler erlebt?_
(schmunzelnd) Er war ein sehr harter Spieler… Ein Leader, wie es etwa Patrick Vieira, Roy Keane oder Diego Simeone waren, richtig gute Zweikämpfer eben.

So wie Sie es auch sind…
...normalerweise habe ich pro Saison fünf Gelbe Karten, aber in der vergangenen Saison habe ich das nicht geschafft, weil ich nicht viel spielen durfte (grinst). Aber im Ernst: Mark van Bommel hatte eine tolle Karriere, er hat bei den besten Mannschaften in Europa gespielt.

Ist es denkbar, dass Sie in der neuen Saison nicht mehr VfL-Kapitän sind?
Der Trainer entscheidet, wer Kapitän wird. Für mich ist es eine Ehre, die Binde zu tragen. Aber ich war auch ohne Binde ein Spieler, der immer seine Meinung gesagt und die Mannschaft unterstützt hat. Ich denke, ich kann nach so einer Saison auch nicht einfach sagen: Ich möchte hier Kapitän bleiben und hier Stammspieler sein.