12. November 2020 / 18:17 Uhr

Klassiker 2.0: Turbine Potsdam trifft erstmals auf Eintracht Frankfurt

Klassiker 2.0: Turbine Potsdam trifft erstmals auf Eintracht Frankfurt

Christoph Brandhorst
Märkische Allgemeine Zeitung
Potsdams Lara Prasnikar im Duell im August gegen Frankfurts Sophia Kleinherne.
Seitenwechsel: Lara Prasnikar (l., hier noch im Turbine-Trikot) spielt jetzt an der Seite von Frankfurts Sophia Kleinherne. © Jan Kuppert
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Frauen-Bundesliga: Das Duell zwischen Potsdam und Frankfurt hat Tradition. Jetzt versuchen beide Clubs, auf unterschiedliche Weise den Anschluss an die nationale Spitze zu halten. Es kommt zum Duell der Systeme.

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Auch wenn inzwischen andere den Ton angeben, hat wohl kaum ein Duell den deutschen Frauenfußball mehr geprägt als dieses: Frankfurt gegen Potsdam. Da gab es in der Vergangenheit brisante Begegnungen, knappe Titelentscheidungen, freilich auch das eine oder andere verbale Scharmützel zwischen Havel- und Mainstädtern. Zur Wahrheit dieses „Klassikers“ gehört aber auch, dass es in den Partien der jüngeren Vergangenheit oft nur um die goldene Ananas ging. Um die nationalen Trophäen spielten die Clubs aus Wolfsburg und München – erst recht international gaben andere den Ton an. In dieser Saison versuchen die langjährigen Rivalen aus Potsdam und Frankfurt, auf neuen Wegen mit der Konkurrenz aus den Lizenzvereinen Schritt zu halten – jeder auf seine eigene Weise. Und so wird das Spiel am Freitagabend (19.15 Uhr/Eurosport) im Stadion am Brentanobad auch zu einem Duell der Systeme.

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Die Frankfurterinnen tragen seit diesem Jahr den Eintracht-Adler auf dem Trikot. Monatelang hatte Manager Siegfried Dietrich die Fusion des traditionsreichen 1. FFC mit dem großen Nachbarn um Sportvorstand Fredi Bobic vorbereitet, die nun im Sommer vollzogen wurde. „Wir bleiben in derselben Stadt, im selben Stadion und haben uns sehr schnell an unseren neuen Vornamen gewöhnt“, hatte Dietrich, der jetzt als Sportdirektor auch Generalbevollmächtigter von Eintrachts Fußball AG ist, nach der „Hochzeit“ gesagt. Doch der 1. FFC, mit seiner Tradition von vier Europapokaltiteln und sieben Meisterschaften, wurde im August, auf den Tag genau 22 Jahre nach seiner Gründung, aufgelöst.

Die Trikots von Turbine Potsdam seit 2005

<b>Saison 2005/06 (Heimtrikot)</b> Klassisch: Im blauen Jersey mit weißen Akzenten an der Seite jubeln Ariane Hingst (l.) und die Torschützin zum 1:0, Conny Pohlers (r.), am 14. Mai 2006 beim Heimspiel gegen den 1. FFC Frankfurt. Am Ende der Saison sprang das Double aus Meisterschaft und DFB-Pokal-Sieg für die Turbinen heraus. Zu erwähnen sei die Tordifferenz von 115:13. Allein Conny Pohlers konnte sich mit 36 Toren zur besten Torschützin der Bundesliga krönen. Zur Galerie
Saison 2005/06 (Heimtrikot) Klassisch: Im blauen Jersey mit weißen Akzenten an der Seite jubeln Ariane Hingst (l.) und die Torschützin zum 1:0, Conny Pohlers (r.), am 14. Mai 2006 beim Heimspiel gegen den 1. FFC Frankfurt. Am Ende der Saison sprang das Double aus Meisterschaft und DFB-Pokal-Sieg für die Turbinen heraus. Zu erwähnen sei die Tordifferenz von 115:13. Allein Conny Pohlers konnte sich mit 36 Toren zur besten Torschützin der Bundesliga krönen. ©

Auch in Potsdam hat man längst erkannt, dass es im Alleingang schwierig wird. So besiegelte der Club vor der Saison eine zunächst auf drei Jahre angedachte Kooperation mit Männer-Bundesligist Hertha BSC, die in erster Linie finanzielle Hilfestellung bieten soll. Auch der neue Trainer Sofian Chahed kam von dort. „Ich finde es gut, dass Turbine seinen eigenen Weg geht und ein reiner Frauenfußballverein bleibt“, sagte er, als er mit der Mannschaft schon auf dem Weg Richtung Main war. Turbine-Präsident Rolf Kutzmutz hatte in der Vergangenheit mehrfach ausgeschlossen, dass sich der Brandenburger Traditionsverein gänzlich einem etablierten Männer-Bundesligisten angliedert. Und Trainer-Legende Bernd Schröder prägte den Satz: „Wir werden uns nicht Hertha oder Union Potsdam nennen!“

Trotz unterschiedlicher Herangehensweisen verfolgt man in Potsdam wie in Frankfurt das gleiche Ziel: die Rückkehr auf die europäische Frauenfußball-Bühne. Da kommt es den beiden früheren Aushängeschildern des Sports gelegen, dass in dieser Spielzeit erstmals auch Platz drei für die Teilnahme an der Champions League berechtigt. Die Liga bewirbt den Zweikampf, in dem es seit Langem mal wieder um mehr geht als das Prestige, schon als „Classico 2.0“. Die Nase vorn hat noch die Chahed-Elf, die als Dritte zwei Zähler vor den Frankfurterinnen liegt. „Wir müssen nicht gewinnen“, sagt der Turbine-Trainer. Der Druck liege wohl eher auf Eintracht-Seite. Und die habe bis Weihnachten mit den Topspielen gegen den VfL Wolfsburg und Bayern München auch noch das schwerere Restprogramm.


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Trotzdem wolle man nach den Pleiten gegen eben diese Teams natürlich lieber jetzt als später wieder in die Erfolgspur, betont Chahed. „Es wird ein Duell auf Augenhöhe“, prophezeit er. Und warnt: „Frankfurt hat nicht nur einen neuen Namen, sondern sich auch sehr gut verstärkt.“ Denn neben Nationalkeeperin Merle Frohms wechselte ja auch Turbines letztjährige Top-Torschützin Lara Prasnikar nach Hessen, was in Potsdam für einigen Unmut sorgte.

Die Slowenin kehrt nun pünktlich zum Showdown mit ihrem Ex-Club aus der Corona-Quarantäne ins Aufgebot zurück. Sie hatte sich wie 21 weitere Personen aus dem Umkreis der slowenischen Nationalmannschaft mit dem Virus infiziert. Von Turbine hatte es Verteidigerin Sara Agrez und Ersatzkeeperin Zala Mersnik erwischt. „Sie sind am Freitag wieder dabei“, gibt Chahed grünes Licht für das Duo.

Länger verzichten muss er hingegen auf Viktoria Schwalm, über deren Verletzung der Verein allerdings noch keine Angaben machte. Bergauf geht es für Marie Höbinger. Die Österreicherin, die jüngst ihren Vertrag an der Havel vorzeitig bis 2023 verlängert hat, befindet sich nach einer Innenbandverletzung zwar schon wieder im Aufbautraining, komme aber, so Chahed, am Freitag noch nicht in Frage – für den ersten „Klassiker 2.0“ zwischen Turbine und der Eintracht.