10. Mai 2017 / 10:19 Uhr

Kleiner Mann ganz groß – Diego Demme freut sich auf die Bayern

Kleiner Mann ganz groß – Diego Demme freut sich auf die Bayern

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Marcel Halstenberg und der verletzte Torschütze Diego Demme (unten) im Heimspiel gegen den FC Freiburg.
Marcel Halstenberg und der verletzte Torschütze Diego Demme (unten) im Heimspiel gegen den FC Freiburg. © dpa
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Das Interview mit dem RB-Shootingstar über eine königliche Party, einen Fiat 500, die Squadra Azzura und Joe Kimmich.

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Leipzig. Von wegen Doppel-D, Triple-D! Diego-Demme-Dauerbrenner. D e r Aufsteiger unter den Aufsteigern der Roten Bullen blickt auf eine Bilanz, die nur einen Schluss zulässt: Coach Ralph Hasenhüttl, 49, kann und will nicht mehr ohne den denkenden und (ver-)dichtenden Mittelfeld-Spieler leben. Demme, 25, ist in seinem ersten Bundesliga-Jahr sensationell unterwegs: 30 Spiele, 2692 Minuten, über 360 Kilometer auf der Uhr, ungezählte Pässe und Balleroberungen, keine Extravaganzen, ein Tor. Der deutsch-italienische Held der sozialistischen Arbeit könnte demnächst ein Mann für die italienische Nationalmannschaft werden. Die legendäre La Gazzetta dello Sport hat sich angesagt. Nach Lektüre der rosa Fußball-Bibel wird Nationalcoach Giampiero Ventura, 69, seinen doppelten Espresso austrinken, den Zigarillo ausdrücken, bei Triple-D anrufen und ihm die Squadra Azzura ans Kämpfer-Herz legen.

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Wenn man Ihren Vornamen googelt, ploppen Diego Maradona, Diego Simeone und Diego Costa auf. Diego Demme taucht erst Seiten später auf. Ist Ihnen das auch schon aufgefallen?
Ist es nicht. Ich googele meinen Namen nicht. Googeln Sie Ihren?

Nur manchmal. Ihr Trainer liebt Sie. Weil Sie immer liefern, das große Ganze nie aus den Augen verlieren, keine großen Reden schwingen.
Als Fußball-Profi muss man liefern. Jeden Tag. Im Training, im Spiel. Und außerhalb des Platzes muss man entsprechend leben. Gut essen, gut schlafen, alles immer wieder auf den Prüfstand stellen.



Aber in der Glitzerwelt Fußball will man doch auch glänzen, sich abheben, im Luxus schwelgen, goldene Uhren tragen und schnelle Autos fahren.
Ich brauche das alles nicht. Ich habe einen traumhaften Beruf, tolle Menschen um mich, bin gesund und glücklich.

Erfüllen Sie sich wenigstens von der Champions-League-Prämie einen lang gehegten Traum?
Ich mache mit meiner Freundin einen schönen Urlaub. Das ist für mich Luxus. Mein Traum war die Bundesliga. Den habe ich mir erfüllt. Als wir in der englischen Woche drei Siege geholt haben, wollten wir uns die Champions League nicht mehr nehmen lassen. Und das haben wir nicht. Wenn es Sie beruhigt: Ich habe mir schon vor Längerem ein Auto gekauft. Einen 500er Fiat, Baujahr 1972.

Es gibt Party-Fotos aus der Umkleidekabine in Berlin. Ihre Kollegen leeren Bierflaschen und Schampus, Sie nuckeln an einer Plastikflasche mit Elektrolyten. Nur eine Momentaufnahme?
Ich bin im Bus und im L1 auf andere Getränke umgestiegen. Zweimal im Jahr ist das erlaubt.

Und hatten Ihren daheim wartenden Hund im Sinn.
Ja, der musste um sechs Uhr raus.

Schöne Vorstellung: Der Kapitän von RB Leipzig hat sich und die Seinen unsterblich gemacht und spaziert früh morgens mit Hund durch den Clara-Zetkin-Park und wirft Stöckchen.
Dominik Kaiser ist unser Kapitän. Wenn Domme nicht spielt, ist Willi Orban Kapitän. Wenn beide nicht dabei sind, durfte ich zuletzt die Binde tragen. Meinem Hund ist es übrigens egal, in welcher Liga wir spielen und was gefeiert wird.

Apropos Liga. Sie kamen im Januar 2014 nach Leipzig, haben die zweite Liga in Paderborn gegen die dritte bei RB getauscht. Damals kosteten Sie 350000 Euro, heute sind Sie vier Millionen wert. Alles richtig gemacht?
Das kann man heute so sagen, die Perspektive war einfach besser als in Paderborn

Ihr Anfang war in Leipzig nicht ganz so prickelnd, die beiden ersten Spiele mit Neuzugang Demme gingen in die Hose.
Ja, 0:1 gegen Burghausen, 1:2 in Duisburg. Ich war trotzdem überzeugt, dass wir aufsteigen. Da war zu viel Qualität im Verein. In allen Bereichen.

Das erste Zweitligaspiel ging beim FSV Frankfurt ohne Sie über die Bühne. Sie standen nicht mal im Kader. Kann man davon ausgehen, dass Sie den freien Sonnabend zu einem frustbewältigenden Waldlauf genutzt haben?
Kann man. Natürlich war ich enttäuscht und sauer. Aber da hilft nur eins: Dran bleiben, hart arbeiten, auf die Chance warten. Die kam relativ schnell. Wie gesagt: Als Profi muss man liefern, nicht fragen oder die Schuld bei anderen suchen.

Springen wir in die laufende Saison. Gab es eine Art Erweckungserlebnis, das Ihnen und Ihren Kollegen zeigte: Wir können auch Bundesliga?
Das Heimspiel gegen Dortmund. Wir haben gegen eine Super-Mannschaft top dagegen gehalten, hatten zwischenzeitlich auch Glück, aber auch den Mut, bis zur letzten Minute auf Sieg zu spielen. Hat ja dann auch geklappt. Danach lief es sensationell gut. Ich glaube, wir haben uns jeden einzelnen Punkt verdient.

Wie war die Gefühlslage nach den 0:3-Niederlagen gegen den HSV und in Bremen?
Happy war keiner. Aber es zweifelte auch keiner daran, dass wir wieder Spiele gewinnen werden.

Wie war das noch gleich mit dem vermeintlich eindimensionalen RB-Stil und dem entschlüsselten Code?
Es gab und gibt keinen Code. Jeder wusste und weiß, wie wir Fußball spielen.

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Und der reduziert sich nicht auf pressen, pressen, pressen.
Wir haben auch Lösungen gegen tief stehende Gegner gefunden.

Neue Spielsituationen zu kreieren, um ein Abwehrbollwerk aufzulockern, ist die hohe Kunst. Sind dafür hauptsächlich Naby Keita und Emil Forsberg zuständig?
Wenn Naby mit Ball am Fuß durchs Mittelfeld marschiert, ist er schwer zu stoppen. Und Emils Ballannahme und Mitnahme ist einzigartig. Damit schafft er neue Räume und Situationen. Aber auch Sabi (Marcel Sabitzer) oder Timo (Werner) sind unberechenbar.

Sie selbst sind auch längst mehr als ein Zerstörer, können richtig gut kicken, spielen neuerdings brasilianische Pässe in die Schnittstellen.
Bei RB wird man in jedem Training besser, muss man besser werden. Die Ansprüche steigen. Und, ja, einen geraden Pass kann ich auch spielen.

Haben Sie vor Ihrem ersten Profitor gegen den SC Freiburg geahnt, dass es gleich weh tun würde?
Ja, aber ich wollte dieses Tor unbedingt.

Der Zahn...
...ist bei mir zu Hause in der Vitrine. Das Provisorium hält, demnächst kommt eine Krone. Alles gut.

Die Berliner Luft war gut.
War sie. Wir hätten nach dem Ingolstadt-Spiel gerne sofort das Hertha-Spiel gespielt, konnten es nicht abwarten.

Vorfreude und Überzeugung waren größer als Nervosität?
Absolut. Wir haben Gas gegeben, ein geiles Spiel abgeliefert und uns belohnt.

In der Champions-League-Gruppe würden Sie am liebsten wem begegnen?
Milan und Neapel wären nicht so schlecht.

Die Gazetto Dello Sport wird wegen Ihnen in Leipzig vorstellig. Geht demnächst Ihr nächster Traum in Erfüllung und Sie werden italienischer Nationalspieler?
Nein sagen würde ich natürlich nicht. Aber ich glaube nicht, dass sich der Nationaltrainer viele RB-Spiele angeschaut hat.

Wird sich in der Champions League ändern.
Kann sein.

Am Sonnabend kommen die Bayern. Nur Schaulaufen?
Es ist gut, dass der Druck weg ist. Wir wollen uns mit einem tollen Spiel bei unseren Fans bedanken und punkten.

Darf Ihr Freund Joshua Kimmich nach dem Spiel in Leipzig bleiben und mit Ihnen eine Limo trinken?
Er würde gerne, muss noch seinen Trainer fragen.