14. Januar 2020 / 08:20 Uhr

Kocak vermisst die Mentalität: Hat Hannover 96 kein Talent für Talente?

Kocak vermisst die Mentalität: Hat Hannover 96 kein Talent für Talente?

Dirk Tietenberg, Andreas Willeke und Jonas Szemkus
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Hannover 96 und das Problem mit dem Unterbau: Warum klappt es so selten mit eigenen Talenten? 
Hannover 96 und das Problem mit dem Unterbau: Warum klappt es so selten mit eigenen Talenten?  © Florian Petrow / Michael Walmueller / Maike Lobback
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Kenan Kocak nahm nach dem Test in Bremen kein Blatt vor den Mund - der Nachwuchs von Hannover 96 sei noch weit entfernt von den Profis. Hakt es in der Talentschmiede der Roten? Akademiechef Michael Tarnat und U23-Coach Christoph Dabrowski äußern sich zur Trainerkritik.

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Nach dem Doppeltest-Wochenende gegen Paderborn (0:1) und Bremen (1:3) kritisierte 96-Trainer Kenan Kocak die Mentalität der Talente aus der 96-Akademie. „Das muss man so knallhart sagen.“ Wie sehen das die Verantwortlichen? Und wie geht es in der Talentschmiede weiter?

Die Mentalität: Angeschoben hatte Kocak die Kritik nach einem harten sportlichen Urteil über den 19 Jahre jungen Sebastian Soto. „Wenn Soto so spielt, hat er keine Chance“, sagte Kocak nach dem Bremen-Spiel. „Das ist wenig Aggressivität, wenig Mentalität. Soto hat Qualität, aber er muss sie auf den Platz bringen.“ Tat er nach Ansicht des Trainers nicht. Auch die anderen Gasttalente Tim Walbrecht (18), Mick Gudra (19), Marco Draws (20), Justin Neiß (19) und Benjamin Hadzic (20) sollten sich angesprochen fühlen. „Alle jungen Spieler sind gut beraten, wenn sie nicht nur auf ihre Qualität schauen, sondern auch auf ihre Mentalität.“

U23-Coach Dabrowski schützt seine Spieler

Sind die 96-Talente zu satt? NLZ-Scout und Sturm-Ikone Dieter Schatzschneider „kann den Kenan nur zu 100 Prozent bestätigen. Es fällt auf, dass es alles gute Fußballer sind, die aber wenig Mentalität haben. Willensbildung kann man aber trainieren. Sie sind zu schnell mit ganz wenig zufrieden.“ Eigentlich ein Schlag ins Gesicht für die NLZ-Verantwortlichen und -Trainer.

U19-Trainer Stephan Schmidt wollte sich gestern nicht äußern. U23-Trainer Christoph Dabrowski stellt sich vor seine Talente. „Dass nicht alle Spieler bereit sind, morgen Bundesliga oder 2. Liga zu spielen, ist klar. Aber wir haben talentierte Spieler mit genügend Mentalität. Ich weiß das, ich arbeite tagtäglich mit ihnen.“

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Nachwuchschef Tarnat um Beschwichtigung bemüht

Akademiechef und Ex-Bayern-Star Michael Tarnat versucht, die angespannte Lage zu beruhigen. „Ich glaube, er hat das gar nicht so böse gemeint. Und was ist mit Mentalität gemeint? Diese Spieler sind nicht faul. Sie sind einfach noch nicht so weit.“ Tarnat glaubt: „Der Trainer wird gemeint haben, dass sie den Profis aktuell nicht weiterhelfen. Aber das war uns klar, dass sie nicht auf Anhieb helfen, für sie war es gut, reinzuschnuppern, zu lernen, was es heißt Profi zu sein. Die Jungs brauchen Zeit.“

Für die Spieler ist die Trainerkritik ebenfalls ein Schlag. „Sind sie nicht bereit, zu lernen?“, fragt sich Tarnat. „Darüber werden wir offen mit den Spielern reden, aber ich sage: Mentalität haben die alle.“ Zur Kritik an Soto, den Tarnat vor anderthalb ins NLZ holte, sagte Tarnat nur: „Der Junge ist 19.“ Allerdings lehnte Soto ein 96-Profiangebot als zu niedrig ab. Sein Verdienstwunsch liegt bei mehr als einer halben Million Euro im Jahr.

7 Millionen Euro jährlich: Akademie kostet zu viel

Die Verträge: Die entscheidenden Verträge laufen aus. Michael Tarnat, U23-Trainer Dabrowski und U19-Trainer Schmidt sind nur bis zum Sommer angestellt. „Tarnat hat die Aufgabe, mit allen Trainern zu sprechen“, sagt 96-Chef Martin Kind. „Noch gibt’s von keinem eine verbindliche Aussage.“ Auch von Tarnat selbst hat Kind keine Aussage zur Zukunft: „Er muss sich auch äußern.“ Der Ex-Profi sagt: „Ich bin da entspannt. Mir ist es erst mal wichtig, dass wir die Trainerverträge verlängert kriegen.“ Dabrowski hat es ebenfalls nicht eilig: „Es ist erst Januar, es ist noch früh“, sagt der U23-Coach. „Ich arbeite gern hier, habe einen tollen Job.“ Aber: „Klar möchte ich irgendwann den nächsten Schritt machen“ – in den Profifußball. Denkbar, dass er den Schritt schon in diesem Sommer wagt. Denkbar auch, dass dann sowohl Tarnat als auch Dabrowski und Schmidt 96 verlassen. Havelses Trainer Jan Zimmermann gilt als Wunschlösung für die U23 – mit Perspektive für die Profis.

Die Kosten: 7 Millionen Euro verschlingt die neue Akademie jährlich. So hoch ist zum Vergleich der normale Etat vieler Zweitligisten. 96 muss die Kosten herunterfahren. Waldemar Anton hat den Durchbruch geschafft, als die Akademie nur ein Drittel der jetzigen Summe gekostet hat.

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Tor: Martin Hansen (Rückennummer 25) ©
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Hoffnungsträger Stehle und Kirsch

Die Hoffnung: Hoffnung: Simon Stehle (18) muss sich bei Kocaks Manöverkritik nicht angesprochen fühlen. Den Toptorjäger aus der U19 findet der Cheftrainer nach wie vor interessant. Kind hegt auch für die ferne Zukunft Hoffnung für den starken U16-Jahrgang. „Wir haben mit Marian Kirsch einen Torwart im Nationaltrikot“, betont Kind. „Darauf können wir stolz sein.“ Kirsch hatte sich sogar gegen ein Angebot der Bayern und für 96 entschieden. Solche Entschlüsse haben Zukunft.

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