09. Dezember 2021 / 00:51 Uhr

Kohfeldts Ernüchterung in Wolfsburg: "Sind ein paar Dinge da, die Zeit bedürfen"

Kohfeldts Ernüchterung in Wolfsburg: "Sind ein paar Dinge da, die Zeit bedürfen"

Andreas Pahlmann und Marcel Westermann
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Endgültig ernüchtert: Wolfsburg-Trainer Florian Kohfeldt.
Endgültig ernüchtert: Wolfsburg-Trainer Florian Kohfeldt. © Roland Hermstein
Anzeige

Raus aus der Champions League, vier Pflichtspielpleiten in Folge. Florian Kohfeldt, Trainer des VfL Wolfsburg, möchte "noch nicht von einer Krise sprechen", aber er wirkt ernüchtert - und gibt zu, dass die drei Siege zu seinem Amtsantritt über Probleme hinweggetäuscht haben.

Es dauerte bis drei Minuten vor Mitternacht, ehe die Pressekonferenz nach dem Champions-League-Aus des VfL Wolfsburg begann - und der erste Zorn war bei Trainer Florian Kohfeldt offenbar schon etwas verraucht. Unmittelbar nach dem 1:3 am Mittwochabend gegen Lille hatte er vorm ZDF-Mikro noch sehr verärgert geklungen: "Wir müssen uns vorwerfen, dass wir in einem Spiel, in dem wir abliefern mussten, nicht abgeliefert haben. Das war einfach nicht Champions-League-reif."

Anzeige

Seine Analyse mit ein paar Minuten mehr Abstand war etwas gesetzter, aber sie machte nicht wirklich Mut vor den anstehenden Bundesliga-Heimspielen des VfL gegen Stuttgart und Köln. "Als ich vor ein paar Wochen hier angefangen habe, wirkte es so, als ginge es schnell. Aber es sInd ein paar Dinge da, die Zeit bedürfen", so der Trainer, der zum Auftakt seiner Wolfsburger Amtszeit drei Siege gefeiert hatte - danach gab es keinen mehr, zuletzt vier Pflichtspielpleiten in Folge. Das ernüchtert auch den Trainer, dennoch möchte Kohfeldt "noch nicht von einer Krise sprechen". Gleichwohl sei es so, "dass wir zu viele Leistungen aneinandergereiht hatten, die nicht gereicht haben zu punkten. Das ist nicht befriedigend." Zu groß sind die Baustellen, an denen es jetzt schleunigst zu arbeiten gilt. Kohfeldt: "Es ist meine Aufgabe, diese Dinge zu lösen." Also defensiv wieder besser zu stehen und offensiv wieder mehr Torgefahr zu entwickeln.

Champions League: VfL Wolfsburg gegen Lille - Die Bilder

Champions League: VfL Wolfsburg gegen Lille - Die Bilder Zur Galerie
Champions League: VfL Wolfsburg gegen Lille - Die Bilder © Roland Hermstein

Der Mannschaft sind unter Kohfeldt-Vorgänger Mark van Bommel Intensität und Biss verloren gegangen. Damit fehlt diesem Team eine Art fußballerischer Identität, darauf hatte Maximilian Arnold gerade erst hingewiesen. Nun sei es vielleicht so, dass seine erste Woche beim VfL "über relativ viel hinweg getäuscht hat", so Kohfeldt. "Wir sehen jetzt alle, dass die Mannschaft - und da gehöre ich mit dazu - nicht stabil ist in der Verteidigung, das gilt für die Restverteidung und auch für das Spiel gegen den Ball." Es sei außerdem sichtbar, "dass wir uns doch sehr schwer tun, außerhalb von Standards oder Umschaltsituationen Chancen zu kreieren".

Anzeige

Und so ging es dahin gegen Lille - mal wieder ein frühes Gegentor, mal wieder nur ein eigener Treffer, das war's .Die Wolfsburger hätten vor nur 6600 Zuschauenden in der VW-Arena einen Sieg gebraucht, um nicht Letzter der Gruppe G zu werden, nicht einmal beim späten Treffer durch Renato Steffen wirkte irgendwer glücklich. Kohfeldt brachte es anschließend auf den Punkt: "Es war kein schöner Abend. Wir sind verdient ausgeschieden."

Nach dem enttäuschenden 0:3 am Samstag in Mainz hatte er für den Showdown nicht nur die halbe Startelf, sondern auch die Formation geändert. Maxence Lacroix und Sebastian Bornauw agierten als Innenverteidiger in einer Vierer-Abwehrkette, Aster Vranckx und Yannick Gerhardt gaben die Offensiv-Außen, Luca Waldschmidt spielte im 4-2-3-1-System hinter Sturmspitze Wout Weghorst.

Dass Pavao Pervan nach der Corona-Genesung auf der Bank saß, war klar, etwas überraschend fanden sich neben ihm auch die in Mainz besonders schwachen Jay Brooks, Ridle Baku und Dodi Lukebakio wieder. „In Sachen Aggressivität und Intensität wollen wir keine Fragezeichen auf dem Platz haben“ begründete Kohfeldt vor dem Anpfiff vielsagend am DAZN-Mikrofon. Und er erwähnte die Wichtigkeit der Konterabsicherung...

Und genau da war das Problem. Der VfL zeigte zwar vom Anpfiff an Willen – aber der erste Konter stellte die Weichen, beim 0:1 ließen sich die Wolfsburger nach einer eigenen Ecke schlicht überrennen, Jonathan Ikoné lieferte schließlich noch eine technisch sehr feine Vorarbeit für Torschütze Burak Yilmaz. Wieder mal ein Gegentor in der Anfangsviertelstunde - das war beim VfL bereits daheim gegen Gladbach (da waren es zwei in den ersten sieben Minuten), in Sevilla, in Bielefeld, in Salzburg und gerade erst gegen Mainz (zwei in den ersten vier Minuten) passiert. Der Rest der Partie war Wolfsburger Bemühen mit wenig Torgefahr, nur nach Standards wurde es für Lille ein bisschen knifflig.

Jetzt muss der VfL "die Enttäuschung schnell wegpacken", denn schon am Samstag (18.30 Uhr) geht's gegen den VfB Stuttgart in der Liga weiter. Danach kommt unter der Woche der formstarke 1. FC Köln, ehe das Hinrunden-Finale beim FC Bayern steigt. "In der Tat ist es wichtig, dass wir die Bedeutung der Spiele richtig einordnen. Wir sollten nicht die Illusion haben, dass wir auf einmal beeindruckenden Fußball spielen", sagt Kohfeldt. Dennoch gelte es, "einen ähnlichen Spirit zu entwickeln, wie in der ersten Woche. Es wird nicht alles klappen, aber das hat es in der ersten Woche auch nicht. Wir müssen die Dinge erzwingen." Auf Sicht möchte er "Position und Kombinationsspiel verbessern", aber dazu braucht es wohl ein paar Einheiten mehr und die Winterpause. "Im Moment müssen wir über Dynamik und Intensität kommen. Dann ist Mut ein wichtiges Stichwort."

Was ja schon gegen Lille eine gute Idee gewesen wäre. Auf die Frage, ob es denn nicht zumindest phasenweise möglich gewesen wäre, die Franzosen mit Wille und Leidenschaft ein bisschen mehr unter Druck zu setzen, antwortete Kohfeldt entlarvend kurz und präzise: "Ich hätte es mir auf jeden Fall gewünscht."