29. Oktober 2022 / 08:47 Uhr

Köln-Geschäftsführer Christian Keller: "Mittlerweile gibt es Drittligisten, die besser aufgestellt sind als wir"

Köln-Geschäftsführer Christian Keller: "Mittlerweile gibt es Drittligisten, die besser aufgestellt sind als wir"

Andreas Kötter
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Christian Keller ist seit April Geschäftsführer des 1. FC Köln.
Christian Keller ist seit April Geschäftsführer des 1. FC Köln. © IMAGO/Eibner (Montage)
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Christian Keller, Geschäftsführer des 1. FC Köln, erklärt im SPORTBUZZER-Interview seine schwere Aufgabe beim Bundesliga-Klub, spricht über die Doppelbelastung durch die Conference League und sagt, warum er sich für den Sport nicht verbiegen lässt.

Als Mitarbeiter einer Beratungsfirma sanierte Christian Keller einst den heutigen Zweitligisten Jahn Regensburg und etablierte sich in den kommenden Jahren dort ab 2013 als Sportlicher Leiter. Am 1. April 2022 übernahm er als Geschäftsführer Sport die schwierige Aufgabe beim finanziell angeschlagenen 1. FC Köln, der am Sonntag (19 Uhr, DAZN) am 12. Spieltag der Bundesliga die TSG Hoffenheim erwartet.

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SPORTBUZZER: Herr Keller, Sie gelten in der Branche nicht nur als "Retter", sondern auch als "ehrliche Haut". Ehrlich – eine Ausnahme im Profi-Fußball?

Christian Keller (43): Was soll ich dazu sagen? (schmunzelt) Mir ist wichtig, dass ich authentisch bin und das, was ich mache, zielführend ist. Für den Fußball werde ich mich nicht verbiegen. Ich glaube auch, dass es relativ wichtig ist zu wissen, dass jeder ersetzbar ist. Wenn ich den Job nicht mache, macht ihn jemand anders. Profi-Fußball ist zwar kein einfacher Job, aber eben auch keine Raketenwissenschaft.

Auf der Mitgliederversammlung haben Sie den FC als "Sanierungsfall" bezeichnet. War das nicht ein bisschen zu viel Ehrlichkeit?

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Ich habe nur eine Bestandseinschätzung abgegeben, das hatte nichts mit Kritik zu tun. Wir wissen alle, dass die Pandemie jedem Fußballklub sehr geschadet hat. Als neue Geschäftsführung ist es unsere Pflicht, ein klares Erwartungsmanagement abzubilden und eine klare Erwartungshaltung zu schaffen. Es geht darum, den Mitgliedern, die letzten Endes unsere Gesellschafter sind, nichts vorzumachen, sondern – ich benutze Ihre Worte – offen, ehrlich und sachlich zu sagen, dass wir finanzwirtschaftlich die kommenden Jahre vor extremen Herausforderungen stehen.

"Wir haben eine Infrastruktur, die war in den 60er-Jahren mal top"

Was würde in der freien Wirtschaft mit einem Unternehmen geschehen, das so dasteht wie der FC?

Ich komme ja ursprünglich aus dem Sanierungsmanagement und würde dasselbe in der freien Wirtschaft machen. Also zunächst Bestandsaufnahme, um dann in Ruhe zu überlegen, mit welchen Strategien wir das Ruder rumreißen können. Bis diese Maßnahmen greifen, kann es aber etwas dauern. Warum haben wir denn im Sommer "nur" Spieler mit Potenzial verpflichtet, von denen die meisten die Bundesliga bis dato nur aus dem Fernsehen kannten? Weil es finanzwirtschaftlich nicht anders ging. Das schließt übrigens nicht aus, dass wir von den Qualitäten jedes einzelnen Neuzugangs überzeugt sind. Oder nehmen Sie unsere infrastrukturellen Möglichkeiten: Wir haben eine In­fra­struk­tur, die war in den 60er-Jahren mal top im deutschen Fußball. Mittlerweile gibt es Drittligisten, die besser aufgestellt sind als wir.

Warum haben Sie sich angesichts dieser schwierigen Voraussetzungen überhaupt für Köln entschieden?

Das war eine relativ leichte, primär auch eine emotionale Entscheidung: Weil der FC sich so um mich bemüht hatte. Ich hätte wohl ein schlechtes Gewissen gehabt, abzusagen. Im Familienrat hat meine Mama gesagt: "Junge, das macht man nicht, da musst du jetzt hingehen." Das will etwas heißen, denn egal, wie alt die Kinder sind, eine Mutter will sie am liebsten immer in der Nähe wissen. Und Köln ist für jemand, der wie ich aus einem ganz kleinen Dorf, nicht so weit entfernt vom Bodensee, kommt, alles andere als nah.

Köln-Boss Keller: Baumgart "ein sehr reflektierter Trainer"

Wie aber stellt man eine auch dauerhaft wettbewerbsfähige Truppe zusammen ohne Geld?


Geld erhöht die Wahrscheinlichkeit auf Tore, schießt aber erfreulicherweise nicht alleine welche. Es gibt auch weiche Faktoren, die erfolgsbestimmend sind im Fußball, wie eine klare Spielidee, die systematisch und konsequent verfolgt wird, und ein funktionierendes Kollektiv, eine Mannschaft, die gemeinsam durch dick und dünn geht. Das kommt heute, wo von vielen nur noch von Einzelspielern als Marke gesprochen wird, oft zu kurz. Und es braucht eine klare Mannschaftsführung, bei der jeder weiß, was er kann, was er nicht kann, was er darf, aber auch, was er nicht darf. Diese weichen Faktoren können monetäre Rückstände, die dazu führen, dass man nicht die höchste individuelle Spielerqualität rekrutieren kann, ein Stück weit wettmachen. Ganz ohne Talent geht es aber natürlich nicht. Und das haben wir erfreulicherweise in unserem Kader. Trotzdem gibt es Klubs, die noch höher veranlagte Spieler haben.

Nach einem sehr guten ersten Saisondrittel ist der FC zuletzt ins Stolpern geraten, und es gibt in den Reihen der FC-Anhänger Stimmen, die es für besser hielten, aus der Conference League auszuscheiden.

Das sehe ich komplett anders. Die Mannschaft hat sich diese internationale Teilnahme in der vergangenen Saison und in diesem Jahr durch die Play-offs mit harter Arbeit verdient. Und die bisherigen Partien haben gezeigt, dass wir in der Conference League durchaus wettbewerbsfähig sind. Das beißt sich überhaupt nicht damit, dass die Bundesliga unser Kerngeschäft bleibt. Und was diese Stimmen betrifft: Wichtig ist, dass wir daran glauben, in beiden Wettbewerben erfolgreich sein zu können.

Schmerzt es Sie eigentlich, dass Sie Steffen Baumgart, der einen hervorragenden Trainerjob macht, wohl nur die allerwenigsten Wünsche erfüllen können?

Das ist nun mal der Job. Im Übrigen muss ich mir die Frage gar nicht stellen, weil wir uns sehr offen und konstruktiv austauschen. Aufgrund seiner, impulsiven, emotionalen Art während des Spiels mag man das vielleicht nicht glauben, aber im Innenverhältnis ist Steffen ein sehr reflektierter Trainer, der weit über den Tellerrand hinausblickt. Er ist absolut in der Lage, die Gesamtzusammenhänge zu verstehen, und trägt alle Notwendigkeiten stets mit.

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