14. August 2021 / 08:00 Uhr

Köln-Trainer Steffen Baumgart über seinen Spielstil, das Beckenbauer-Credo und die Impfdebatte

Köln-Trainer Steffen Baumgart über seinen Spielstil, das Beckenbauer-Credo und die Impfdebatte

Andreas Kötter
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Steffen Baumgart geht mit dem 1. FC Köln in die neue Bundesliga-Saison.
Steffen Baumgart geht mit dem 1. FC Köln in die neue Bundesliga-Saison. © IMAGO/Jan Huebner (Montage)
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Steffen Baumgart geht in seine erste Bundesliga-Saison als Cheftrainer des 1. FC Köln. Vor dem ersten Spiel gegen Hertha BSC spricht der ehemalige Coach des SC Paderborn über das Defensivverhalten seiner Mannschaft, Kommunikation mit seinen Stürmern und die Impfdebatte

Vor seinem ersten Bundesliga-Spiel als Cheftrainer des 1. FC Köln am Sonntag (17.30 Uhr, DAZN) gegen Hertha BSC spricht Steffen Baumgart im Interview mit dem SPORTBUZZER, dem Sportportal des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND), über seinen mutigen Spielstil, mit dem er in die neue Saison gehen will. Außerdem erklärt er die Einfachheit des Fußballspiels und verrät, wie er zur Impfdebatte um die Stadion-Zuschauer steht.

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SPORTBUZZER: Steffen Baumgart, "Mein defensives Spiel fängt weiter vorne an", lautet Ihr Credo. Müsste man statt dieser offensiv ausgerichteten Verteidigung nicht erst einmal die Schotten dicht machen angesichts von zuletzt 60 Gegentreffern?

Steffen Baumgart (49): Das ist der große Unterschied: Sie überlegen, was man verlieren kann. Mein Spiel aber beruht darauf, was ich gewinnen kann. Machst du hinten einfach nur die Räume eng, um dann kontern zu können, oder fangen wir mit dieser Arbeit doch gleich ganz vorne an, wo wir Ballverluste des Gegners noch schneller bestrafen können. Bei mir ist das Glas eher halb voll, nicht halb leer. Natürlich werden wir Gegentore bekommen. Aber ich habe keine Verlustängste. Für mich zählt, wie viele Tore wir erzielen. Der FC hat in der vergangenen Saison 36 Treffer erzielt, im Schnitt pro Spiel also nur 1,1 Tore. Bei meinen bisherigen Mannschaften lag der Schnitt bei 2,3, in Paderborn haben wir in der 2. Liga einen Torrekord aufgestellt.

Wie vermitteln Sie diese Spielweise den Stürmern?

Eine Mannschaft, in der auch nur einer den Stehgeiger gibt, wird keinen dauerhaften Erfolg haben. RB Leipzig ist deshalb so erfolgreich, weil das Lauern auf den zweiten Ball längst zu den normalsten Abläufen gehört. Die Arbeit gegen den Ball ist heute unerlässlich.

Wie würde der Spieler Baumgart mit dem Trainer zurechtkommen?


Wir beide kämen sehr gut miteinander aus, weil es bei mir immer um Geradlinigkeit geht. Die meisten Trainer, die ich hatte, haben das ebenso gesehen und konnten unterscheiden zwischen dem Spieler und dem Menschen. Schon damals wollte ich wissen, warum ich links und nicht rechtsherum laufen soll. Natürlich bin ich mit dieser Haltung auch mal angeeckt, aber das habe ich in Kauf genommen, zumal es mir immer nur um den Fußball und die Sache an sich geht.

Sie reagieren auf die gesellschaftliche Überhöhung des Fußballs mit gesundem Menschenverstand.

Fußball ist ein sehr einfacher Sport. Ich kann vom diametral abkippenden Sechser, von der falschen Neun sprechen. Diese ganzen Begrifflichkeiten wollen das Fußballspiel intelligenter machen als es tatsächlich ist. Am Ende spielen wir alle Fußball, weil es ein einfacher, ein sehr klarer Sport ist.

Baumgart: Im Fußball geht es "ums Spielen"

Also hatte Franz Beckenbauer recht, als er sagte 'Geht’s raus und spielt’s Fußball'?

Klar, das sage ich meinen Jungs auch. Worum geht es denn beim Fußball trotz des vielen Geldes und der medialen Aufmerksamkeit? Ums Spielen! Ich habe nicht studiert, und wahrscheinlich hätte ich auch gar nicht studieren können, weil mir die Voraussetzungen fehlten. Das, was ich aber sehr gut kann, das ist Fußball. Fußball spiele ich mit großer Leidenschaft, gerade, weil es noch ein Spiel ist. Ich darf den ganzen Tag Fußball spielen, darf mich dabei dreckig machen, und meine Klamotten werden sogar für mich gewaschen. Das, was ich als kleiner Junge gemacht habe, darf ich auch als großer Junge machen.

Können Sie auch die typisch kölsche Euphorie, nach zwei Siegen von Europa zu träumen, steuern?

Wenn es läuft, gewöhnt man sich schnell ans Gewinnen. In Paderborn war ein 1:0 plötzlich zu wenig, weil wir vorher oft drei oder vier Treffer erzielt hatten. Der Anspruch hatte sich verändert. Damit muss man umgehen können. Am besten geht das, indem man dafür sorgt, dass die positive Situation so lange wie möglich andauert.

Der FC lässt nur Geimpfte ins Stadion. Wie stehen Sie zur Impfdebatte?

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Ich persönlich empfehle jedem, sich impfen zu lassen. Einen Zwang, sich impfen zu lassen, lehne ich aber ab. Wir leben zum Glück in einem freien Land – ich selbst weiß, wie das Leben in einer Diktatur ist – und sollten auch den freien Willen respektieren. Und wenn sich Menschen nicht impfen lassen wollen, müssen wir auch damit umzugehen lernen.