04. April 2021 / 20:30 Uhr

Kommentar: Der BVB blickt in den Abgrund – und muss sich eine grundsätzliche Frage stellen

Kommentar: Der BVB blickt in den Abgrund – und muss sich eine grundsätzliche Frage stellen

Sönke Gorgos
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Wie geht es beim BVB weiter? Rund um das Spiel gegen Frankfurt dominierten die Personalien Marco Reus und Erling Haaland - und nicht die Leistung auf dem Platz.
Wie geht es beim BVB weiter? Rund um das Spiel gegen Frankfurt dominierten die Personalien Marco Reus und Erling Haaland - und nicht die Leistung auf dem Platz. © IMAGO/Getty/Montage
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Nach der Niederlage gegen Eintracht Frankfurt und dem Wirbel um Erling Haaland und Marco Reus steht Borussia Dortmund in der Bundesliga mit dem Rücken zur Wand. Für SPORTBUZZER-Redakteur Sönke Gorgos ist klar: Beim BVB gehört jetzt alles auf den Prüfstand - auch der eigene Anspruch.

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Aufreizend langsam ging Marco Reus vom Platz – dabei waren beim Schicksalsspiel von Borussia Dortmund erst 80 Minuten gespielt. Es stand 1:1, der BVB brauchte gegen Eintracht Frankfurt dringend einen Sieg, um sich seine Chancen auf die Champions League zu erhalten. Jede Sekunde zählte. Dennoch hatte Reus, immerhin Kapitän und Identifikationsfigur des BVB, aus unerfindlichen Gründen keine Eile. Das Bild des langsam vom Platz trottenden Kapitäns steht sinnbildlich für die Krisenstimmung beim BVB, der nach dieser Saison vieles, wenn nicht alles, auf den Prüfstand stellen muss. Damit sind nicht nur die Rolle von Reus und die von Mats Hummels nach dem 1:2 gegen die SGE angesprochenen Punkte wie Defizite in Chancenverwertung und Technik gemeint, sondern sehr viel Grundlegenderes.

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Das Problem heißt auch Kaderplanung – und da wäre mehr Selbstkritik angebracht, als sie Hans-Joachim Watzke und Michael Zorc am Sonntag zeigten. Die Bosse attackierten ungewohnt heftig die eigene Mannschaft, die sie doch über Jahre selbst zusammengebaut haben. Zorc wird für sein gutes Händchen gelobt, hat bei aller unbestrittenen spielerischen Klasse aber auch immer wieder große Baustellen aufgemacht, die sich – und das dürfte ebenfalls gesichert sein – negativ auf den sportlichen Erfolg ausgewirkt haben.

Ja, Spieler wie Pierre-Emerick Aubameyang, Ousmane Dembélé, Jadon Sancho oder Erling Haaland haben beim BVB individuell brilliert – aber um welchen Preis? Sie alle tanzten den Verantwortlichen, Trainern wie Managern, immer wieder auch auf der Nase herum, als sie sich zu groß für den Klub fühlten – wie jüngst Haaland, dessen Vater und Berater zwei Tage vor dem so wichtigen Spiel gegen Frankfurt medienwirksam durch Europa jetteten, um ihren Klienten bei Spitzenklubs anzubieten. Das ist nicht nur schamlos, sondern hätte von Haaland selbst unterbunden werden müssen. So viel Mündigkeit ist einem 20-Jährigen zuzutrauen. Dass Zorc und Lizenzspielerchef Sebastian Kehl sich ebenfalls nicht in der Lage sahen, das Verhalten zu verurteilen, ist sogar noch bitterer.

Solche Fälle, und da hat Rekordnationalspieler Lothar Matthäus recht, gibt es beim FC Bayern nicht. Bei Karl-Heinz Rummenigge, Uli Hoeneß & Co. muck(t)en Spieler nicht auf – das kann man gut oder schlecht finden, dem sportlichen Erfolg ist es zuträglich. Auch innerhalb der Mannschaft sind Unterschiede offensichtlich: Die Bayern zeichnet seit Jahren eine absolute Gier aus, die der Borussia in entscheidenden Momenten immer wieder abgeht. Vielleicht sogar abgehen muss, weil dafür einfach die falschen Spieler eingekauft wurden? Das kaum erklärbare Verhalten von Reus bei seiner Auswechslung und die dauergenervte Körpersprache von Haaland gegen Frankfurt lassen zumindest Fragezeichen aufkommen, ob bei allen Spielern die Prioritäten richtig gesetzt waren.

Der BVB, der jetzt wegen der Auswirkungen einer verpassten Champions-League-Quali in den Abgrund blickt (Hummels: "Sportlich und finanziell eine Katastrophe"), muss sich fragen, welche Rolle er in der Bundesliga einnehmen will. Ernsthafter Titel-Konkurrent für die Bayern und Leipzig? Oder aber Durchlauferhitzer für künftige Weltstars, denen man ob ihrer Jugend Undiszipliniertheiten und Fehler zugestehen muss? Derzeit versucht die Borussia krampfhaft, beides zu sein. Dass das nicht funktioniert, haben die letzten Jahre auf eindrucksvolle Weise gezeigt. Daran wird auch ein fachlich zweifellos überzeugender Trainer Marco Rose nichts ändern – genauso wenig wie seine Vorgänger von Thomas Tuchel über Lucien Favre bis Edin Terzic es vermochten.