22. Januar 2021 / 14:02 Uhr

Kommentar zum Hübner-Urteil: Der Fußball verspielt beim Thema Rassismus die nächste Chance

Kommentar zum Hübner-Urteil: Der Fußball verspielt beim Thema Rassismus die nächste Chance

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Kritisiert die DFB-Entscheidung im Fall von Florian Hübner: SPORTBUZZER-Redakteur David Joram.
Kritisiert die DFB-Entscheidung im Fall von Florian Hübner: SPORTBUZZER-Redakteur David Joram. © imago images/Karina Hessland
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Der Vorfall beim Bundesliga-Spiel zwischen Union Berlin und Bayer Leverkusen hätte besser aufgearbeitet werden müssen. Vor allem fehlen Transparenz und die Bereitschaft zum Dialog. Ein Kommentar von SPORTBUZZER-Redakteur David Joram.

Der Fußball ist ein Traditionsgeschäft. Darauf legen vor allem Traditionsvereine viel Wert, von denen viele um 1900 herum gegründet wurden. Damals, 1909 um genau zu sein, dichtete der Münchner Christian Morgenstern folgende schöne Zeilen: "Und er kommt zu dem Ergebnis: nur ein Traum war das Erlebnis. Weil, so schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf."

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"Die unmögliche Tatsache", so heißt Morgensterns Gedicht. Es könnte auch als Überschrift dienen für die oft wiederkehrenden Muster im deutschen Fußball, wenn es um Rassismus geht. Zum Beispiel im jüngsten, viel beachteten Fall, der den Bundesligisten Union Berlin und dessen Spieler Florian Hübner betrifft. Der Innenverteidiger war verdächtigt worden, den Leverkusener Nadiem Amiri rassistisch beleidigt zu haben. Inzwischen hat der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes die Dinge untersucht und ein Urteil bekannt gegeben: Hübner wird zwei Spiele gesperrt wegen "unsportlichen Verhaltens".

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Leider greift diese Begründung etwas kurz. Man wüsste schon gerne ein paar Details mehr, denn Fußballspieler verhalten sich schließlich ständig unsportlich. Es gehört quasi zum schlechten Ton, dem Gegner verbal und nonverbal die Knüppel zwischen die Beine zu hauen. Alles, was der Konkurrenz schadet, hilft ja der eigenen Elf, so die ehrrührige Annahme. Dass Hübner wohl deutlich übers Ziel hinausgeschossen hat, scheint klar; Amiri saß nach dem Spiel mit Tränen in den Augen in der Kabine. Aber Rassismus? Nein, sagen die Unioner, habe es nicht gegeben. Die kolportierten Worte "Scheiß Afghane" (Amiris Eltern stammen aus Afghanistan)? Sollen so nicht gefallen sein. Entsprechend bestätigt fühlt sich Union durch den DFB nun. Das Thema: abgehakt. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf? Der Verdacht schwingt mit.

Was in diesem Fall leider völlig fehlt, ist Transparenz und die Bereitschaft zu einem rassismuskritischen Dialog. Die deutsche Fußballgemeinde tut gern so, als wisse sie schon alles zum Thema. Aber wo fängt Rassismus eigentlich an, wo hört er auf? Welche Perspektiven werden stärker gewichtet, welche schwächer? Was hat sich seit 1909 verändert? "Ganz unabhängig davon, ob es beabsichtigt war oder nicht: Wenn rassistische Stereotype aufgerufen werden, wenn Menschen sich dadurch verletzt fühlen, ist es eine rassistische Äußerung." Das sagte jüngst Professor Simon Meier-Vieracker, ein Sprachforscher, in einem Interview mit dem Tagesspiegel.

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Amiris Tränen hätten der Beginn einer glaubwürdigen Diskussion unter Einbeziehung von Expertinnen und Experten sein können. Dem DFB und den Vereinen aber reicht ein „Nein“ zu Rassismus. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

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