16. Januar 2021 / 16:20 Uhr

Kommentar zum Rassismus-Eklat um Amiri: Union-Boss Ruhnert begibt sich auf Stammtisch-Niveau

Kommentar zum Rassismus-Eklat um Amiri: Union-Boss Ruhnert begibt sich auf Stammtisch-Niveau

David Joram
Märkische Allgemeine Zeitung
Oliver Ruhnert versucht den Rassismus-Eklat um Amiri kleinzureden. SPORTBUZZER-Redakteur David Joram hält das für gefährlich.
Oliver Ruhnert versucht den Rassismus-Eklat um Amiri kleinzureden. SPORTBUZZER-Redakteur David Joram hält das für gefährlich. © imago images/Contrast/Matthias Koch/Montage
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Oliver Ruhnert, der Manager des 1. FC Union Berlin, versucht in einer digitalen Medienrunde, den Rassismus-Vorfall im Freitagabendspiel gegen Bayer Leverkusen kleinzureden. Dahinter steckt Taktik oder Unwissenheit. Beides ist gefährlich, meint SPORTBUZZER-Redakteur David Joram.

In der Krisenkommunikation gibt es einen eisernen Grundsatz: Wenn Sturm aufzieht, nicht wegducken, sondern den Sturm steuern. Ein bisschen Moderation hier, ein paar Worte des Bedauerns dort. Das funktioniert mal besser und mal schlechter. Gerade jedenfalls versucht sich der 1. FC Union Berlin daran, der einen Rassismus-Eklat zu moderieren hat – was mehr schlecht als recht klappt.

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Die dunkle Vorgeschichte ist schnell erzählt: Beim 1:0 (0:0)-Sieg des Berliner Fußball-Bundesligisten im Heimspiel gegen Bayer Leverkusen soll ein Union-Profi, dem Vernehmen nach Innenverteidiger Florian Hübner, den Leverkusener Nadiem Amiri mit den Worten „Scheiß Afghane“ betitelt haben. So schilderte es Amiris Mitspieler Jonathan Tah dem Streamingdienst DAZN. Unions Trainer Urs Fischer versprach am späten Freitagabend Aufklärung, Manager Oliver Ruhnert beriet sich in der Nacht noch intensiv mit Pressesprecher Christian Arbeit, der öffentlich erklärt hatte: „Es geht um eine rassistische Beleidigung, die passiert ist.“

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Am Samstag klang die Aufarbeitung des Vereins, kundgetan in einer digitalen Medienrunde durch Ruhnert, dann so: „Wir selbst haben diese Informationen nicht. Der Spieler hat gesagt, dass er sich nicht so geäußert hat. Für uns hat es diese rassistische Thematik, wie sie jetzt dargestellt wird, nicht gegeben.“

Warum Hübner nach dem Spiel dann in die Leverkusener Kabine verschwand, um sich bei Amiri zu entschuldigen? Bei jenem Amiri, der über Bayer 04 mitteilen ließ: „Er ist in die Kabine gekommen. Es sind unschöne Worte gefallen, die ihm sehr leid tun.“ Ruhnert sagte dazu, man habe sich gegenseitig entschuldigt für gewisse Dinge, die auf dem Platz passiert seien.

Ruhnert-Taktik ist nicht nur plump, sondern auch gefährlich

Der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) wird die Vorfälle, die es laut Ruhnert so nicht gegeben habe, dennoch untersuchen. „Es besteht der Verdacht, dass der Berliner Spieler Florian Hübner seinen Leverkusener Gegenspieler Nadiem Amiri, dessen Eltern aus Afghanistan stammen, rassistisch beleidigt haben könnte“, teilte der DFB am Samstag mit. Entsprechende Ermittlungen solle es Anfang nächster Woche geben. Und das ist auch gut so.

Die drohende Sperre für Hübner dürfte der Grund sein, warum Ruhnert die Vorwürfe so entschieden zurückweist, unter anderem versehen mit dem Hinweis, dass Hübner ohnehin kein Rassist sein könne – schließlich habe er eine Ehefrau, die von der Hautfarbe her „anders ist als weiß“. Diese Taktik ist nicht nur plump, sie ist auch gefährlich. Ruhnert relativiert damit Rassismus, er begibt sich auf Stammtisch-Niveau. Oder, auch das legen diese Aussagen nahe: Er weiß es einfach nicht besser. Der Schwarz-Weiß-Rassismus vergangener Tage, als die Das-wird-man-wohl-noch-sagen-dürfen-Haltung noch en vogue war, greift längst zu kurz, die Thematik ist komplex.


Echte Aufklärung klingt anders

Rassistische Denkmuster sind in der Gesellschaft weit verbreitet, das zuzugeben fällt nur vielen Menschen schwer. Nicht umsonst gibt es Anti-Rassismus-Trainerinnen wie Tupoka Ogette, die rassismuskritisches Denken vermitteln. Die deutsche Fußballbranche, die von „Jungtürken“ (Doppelpass-Experte Marcel Reif) schwadroniert, hätte einen solchen Exkurs bitter nötig – das offenbaren nun leider auch die Ruhnert-Aussagen.

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Echte Aufklärung klingt jedenfalls anders – stattdessen hat Union nun ein Glaubwürdigkeitsproblem. Einerseits propagiert der Verein öffentlichkeitswirksam Anti-Rassismus, andererseits versucht der Manager die Vorwürfe mal eben schnell unter den Teppich zu kehren. Auch die Leverkusener Spieler hätten in einem hitzigen Spiel schließlich verbal hingelangt, so Ruhnert. Der Versuch, Beleidigungen mit Rassismus gleichzusetzen, offenbart vor allem eines: die mangelnde Themenkenntnis des Managers.

Wie es in der Causa Hübner weitergeht, entscheidet sich final wohl erst vor dem DFB-Kontrollausschuss. Unions Plan: Wenn Aussage gegen Aussage steht, könnte Hübner vielleicht sogar ohne Sanktionen davonkommen. Der bittere Beigeschmack aber wird bleiben, die schlechte Krisenkommunikation auch. Und ob Union in dieser Sache etwas dazulernen wird, scheint nach Ruhnerts Ausführungen mehr als fraglich.