12. Januar 2022 / 20:16 Uhr

Kommentar zu den Vorwürfen gegen Beerbaum: Der Verband hinkt dem Skandal hinterher

Kommentar zu den Vorwürfen gegen Beerbaum: Der Verband hinkt dem Skandal hinterher

Hannah Scheiwe
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Gegen den Stall von Ludger Beerbaum werden schwere Vorwürfe erhoben. SPORTBUZZER-Redakteurin Hannah Scheiwe kritisiert, dass der Reitverband zu zurückhaltend reagiert.
Gegen den Stall von Ludger Beerbaum werden schwere Vorwürfe erhoben. SPORTBUZZER-Redakteurin Hannah Scheiwe kritisiert, dass der Reitverband zu zurückhaltend reagiert. © IMAGO/Nordphoto
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Die Vorwürfe gegen Olympiasieger Ludger Beerbaum sind heftig: Es geht um Tierquälerei in seinem Stall. Die Deutsche Reiterliche Vereinigung hat darauf reagiert - aber deutlich zu zurückhaltend, wie SPORTBUZZER-Redakteurin Hannah Scheiwe meint. 

Der nächste Reitsportskandal ist da: Nur etwa ein halbes Jahr nach den Debatten um das Springreiten beim Modernen Fünfkampf wirft eine RTL-Reportage dem Stall eines der bekanntesten Springreiter Deutschlands Tierquälerei vor: Es geht um Ludger Beerbaum, mehrfacher Olympia-Goldmedaillengewinner. Seinem Stall wird angelastet, Pferde im Training gebarrt zu haben. Das bedeutet, dass den Tieren beim Sprung über ein Hindernis eine Stange gegen die Vorderbeine geschlagen wird, damit sie höher springen. Es handelt sich um eine verbotene Methode.

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Im vergangenen Sommer, als die Moderne Fünfkämpferin Annika Schleu ein Pferd mit einer Gerte schlug, hatte sich die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) noch schnell und eindeutig davon distanziert. "Das sind keine Reiter", sagte FN-Präsident Hans-Joachim Erbel damals über die Fünfkämpfer und Fünfkämpferinnen, und befürchtete, dass der Reitsport dadurch insgesamt in Verruf gerate.

Genau das passiert jetzt, wo der Stall eines Weltklassereiters solchen Vorwürfen ausgesetzt ist und kein “Amateurreiter”. “Wenn der das schon macht, wer dann noch alles?”, dürften sich nach den Aufnahmen viele fragen. “Möglicherweise ist Beerbaum kein Einzelfall, sondern nur die sichtbar gewordene Spitze eines Eisbergs“, kommentiert etwa bereits der Deutsche Tierschutzbund. Die Reaktion der Reiterlichen Vereinigung kommt nun, wo sie selbst betroffen ist, zu langsam und zurückhaltend. Der Verband hinkt dem Skandal hinterher.


Die FN hat zwar, gezwungenermaßen, noch in der Nacht zu Mittwoch nach der Ausstrahlung der RTL-Reportage Stellung bezogen und die in dem Bericht gezeigten Trainingsmethoden verurteilt. Der FN sind die Vorwürfe aber schon seit Juli 2020 bekannt. Als Reaktion darauf richtete der Verband im Januar 2021 eine Kommission mit Fachleuten ein, die “strittige Trainingsmethoden überprüfen und, wo nötig, Vorschläge für Regelwerksänderungen machen” solle. Das sollte eigentlich bis Ende 2021 passieren, wurde aber nicht eingehalten. Das ist eine schwache Leistung eines Verbandes, dem daran gelegen sein sollte, dass der Reitsport nicht pauschal der Tierquälerei bezichtigt wird, und der dabei auch in Kauf nehmen muss, Profis vor den Kopf zu stoßen und auszuschließen, wenn sie sich nicht an Regeln halten.

Der Verdacht liegt nach diesen Bildern nahe, dass solche Vorgehensweisen nicht nur mutmaßlich im Stall eines Ludger Beerbaum passieren. Wenn der Verband das Gegenteil beweisen und zeigen will, dass doch vielen Reiterinnen und Reitern am Wohl ihrer Tiere gelegen ist und nur das toleriert wird, muss er jetzt aktiv handeln und nicht nur in Zugzwang reagieren. Wer sich nicht an die Regeln des Tierschutzes hält, hat in diesem Sport nichts zu suchen. Zudem sollte sich der Verband dringend mit dem Druck innerhalb der Branche befassen – und der Frage: Warum gerät ein Profistall wie der von Beerbaum überhaupt in den Verdacht auf verbotene Methoden zurückzugreifen?