06. Oktober 2019 / 15:52 Uhr

Kommentar zu Kessing-Lob an Katar: Die Probleme nicht verstanden

Kommentar zu Kessing-Lob an Katar: Die Probleme nicht verstanden

Stefan Döring
RedaktionsNetzwerk Deutschland
SPORTBUZZER-Redakteur Stefan Döring kommentiert das Doha-Lob von DLV-Präsident Jürgen Kessing.
SPORTBUZZER-Redakteur Stefan Döring kommentiert das Doha-Lob von DLV-Präsident Jürgen Kessing. © dpa, imago/Sven Simon
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Der Präsident des deutschen Leichtathletik-Verbands DLV, Jürgen Kessing, versteht die Kritik an Katar nicht. Damit verpasst er eine Chance, die Probleme anzusprechen, meint SPORTBUZZER-Redakteur Stefan Döring.

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In den vergangenen elf Tagen wurde an dieser Stelle viel über die Probleme der Leichtathletik-WM in Katar berichtet. Teils unmenschliche klimatische Bedingungen, um eine Sportveranstaltung auszurichten. Fehlendes Zuschauerinteresse, dem nur mit „No-Ticket-Days“ und herangekarrten Arbeitern entgegengewirkt werden konnte. Zweifelhafte Menschen- und Frauenrechte. Ein unwürdiger Umgang mit den über zwei Millionen Gastarbeitern im Land, die oftmals wie Zwangsarbeiter behandelt werden. Doch all das scheint Jürgen Kessing, Präsident des deutschen Leichtathletik-Verbands nicht wahrhaben zu wollen.

Wenn man gesehen, gehört, gelesen hat, was im Vorfeld und innerhalb der ersten Tage alles verbreitet worden ist, deckt sich das nicht mit meinen persönlichen Erfahrungen und Einblicken. Organisatorisch ist das alles für uns hervorragend gelaufen“, sagte er auf der Abschluss-Pressekonferenz des DLV am Sonntag. Schließlich seien die Menschen freundlich und hätten dem deutschen Team jeden Wunsch von den Lippen abgelesen. Auch hätten die Veranstalter jede Kritik angenommen und im deutschen Sinne umgestellt worden. Und für die Frauen würde in Katar viel getan werden.

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Amnesty International kritisiert Bedingungen in Katar

Keine Frage, die Menschen im Land sind unglaublich freundlich, fast devot. Viele haben allerdings auch einfach Angst, etwas falsch zu machen. Denn Kritik an der Arbeit bedeutet oftmals Probleme mit dem Arbeitgeber. Spricht man mit einigen der über zwei Millionen Gastarbeiter im Land, sind diese zwar oft zufrieden mit den Bedingungen. Doch sie machen auch keinen Hehl daraus, dass diverse Rechte beschnitten sind. Hinter vorgehaltener Hand hört man immer wieder, dass Pässe einkassiert wurden und die Menschen de facto als Zwangsarbeiter bezeichnet werden könnten.

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Das sieht übrigens auch Regina Spöttl, die Beauftragte für die Golfregion bei Amnesty International, so. „Zwangsarbeit wird so definiert, dass jemand a) etwas machen muss, was er oder sie gar nicht will. Und b), wenn er oder sie unter Androhung von Strafen dazu gezwungen wird. Das ist leider in den Golfstaaten durch das ausbeuterische Sponsorensystem Kafala gegeben“, sagte sie auf SPORTBUZZER-Nachfrage. „Die Arbeiter werden oft einfach ohne Pässe, Arbeitsgenehmigungen und Geld zurückgelassen. Menschen werden dann zu Spielbällen der Macht. Es fehlt insgesamt an der permanenten und konsequenten Umsetzung der Gesetze.“

Kessings Lob geht an der Realität vorbei

Mit diesem Hintergrund verhehlen die Aussagen Kessings die wirklichen Probleme des Landes. Daran ändert auch nichts, dass die Veranstalter der WM auf die Anregungen des deutschen Verbands positiv reagiert hätten. Denn mit den nach wie vor teils widerlichen Bedingungen für Arbeiter, hat das alles nichts zu tun. Denn diese müssen schließlich ohne Klimaanlage im Stadion schwerst körperlich bei unmenschlichen klimatischen Bedingungen auf den unzähligen Baustellen des Landes arbeiten.

Dabei hatte Spöttl noch gehofft, dass Sportler die Leichtathletik-WM in Doha auch für Kritik am Land nutzen. „Wir freuen uns über jede kritische Stimme, weil damit das Thema in den Fokus rückt. Nur so kann den Arbeitern in der Golfregion geholfen werden. Unsere Aufgabe ist es, den Druck auf die Regierungen aufrechtzuerhalten“, sagte sie. Insofern sind die Aussagen von Kessing erst recht nicht zu verstehen und führen die berechtigte Kritik teils ad absurdum. Die Aussagen erinnern so schon fast an das legendäre Zitat von Franz Beckenbauer, nachdem er vor einigen Jahren Baustellen für die Fußball-WM 2022 besucht hatte: „Ich habe keine Sklaven gesehen.“

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