01. Dezember 2020 / 13:38 Uhr

Kommentar zur Löw-Entscheidung: Das Problem sind die DFB-Strukturen - kein Gegenpol zu Bierhoff

Kommentar zur Löw-Entscheidung: Das Problem sind die DFB-Strukturen - kein Gegenpol zu Bierhoff

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Ein Teil des DFB-Problems: Oliver Bierhoff ist zu mächtig. Deshalb war klar, dass Bundestrainer Joachim Löw im Amt bleibt, meint Heiko Ostendorp.
Ein Teil des DFB-Problems: Oliver Bierhoff ist zu mächtig. Deshalb war klar, dass Bundestrainer Joachim Löw im Amt bleibt, meint Heiko Ostendorp. © Geisser/imago images
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Joachim Löw bleibt weiterhin Bundestrainer. Diese Entscheidung kommt nicht überraschend, wenn man sich mit den Strukturen beim DFB auseinander setzt. RND-Sportchef Heiko Ostendorp kritisiert, dass es kein Gegenpol zu Oliver Bierhoff gibt.

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Forderungen zu stellen ist leicht. Erst recht, wenn es irgendwo kriselt und die Ergebnisse ausblieben. Dann kommen sie um die Ecke, die Kritiker, die Experten, die zig Millionen Bundestrainer – das ist gut so und gehört zum Geschäft. Gerade im Fußball-Business lohnt sich aber häufig auch ein Blick hinter die Kulissen, auf die andere Seite der Medaille. So auch im Fall Joachim Löw.

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"Der Bundestrainer muss weg", so lautete die einhellige öffentliche Meinung. In Kolumnen, TV-Shows und – logischerweise in den sozialen Netzwerken, wurde der Weltmeister-Trainer von 2014 hinterfragt, zerlegt, teilweise für komplett unfähig erklärt. So läuft es heutzutage nun mal. Vor allem, wenn man mit dem DFB-Team eine historische 0:6-Klatsche in Spanien kassiert hat. Doch ganz so einfach ist es eben doch nicht. Völlig unabhängig von fehlenden Alternativen und einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt für eine Entlassung stellt sich die Frage: Wer hätte Löw denn eigentlich rauswerfen können?

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Der neue DFB-Präsident Fritz Keller hat seine Richtlinienkompetenz beim Amtsantritt abgegeben. Formaljuristisch entscheidet laut Paragraph 34 der DFB-Satzung das Präsidium über "die Personalwahl hinsichtlich des Bundestrainers". Doch in der Realität sind es natürlich nicht Steffen Schneekloth, Dirk Janotta oder Hannelore Ratzeburg, die über die Zukunft von Löw bestimmen. Im sogenannten Präsidialausschuss, der die Empfehlung ans Präsidium abgibt, sitzen neben Keller gestandene Leute wie Rainer Koch oder Peter Peters, doch den (sportlichen) Takt gibt nur einer vor: Oliver Bierhoff.

Der DFB-Direktor ist mächtig wie nie zuvor, das hat die Causa Löw erneut gezeigt. Wenn es im Verband etwas Wichtiges zu besprechen gibt, läuft es über seinen Tisch. Wenn Personalentscheidungen anstehen, hat er meist seine Finger im Spiel. Die meisten Köpfe, die die Zukunft des Fußballs beim DFB mitgestalten sollen, hat Bierhoff geholt. Da ist es fast logisch, dass ihm kaum jemand widerspricht. Genauso logisch, dass der DFB-Direktor seinen wichtigsten Angestellten, mit dem er seit über einem Jahrzehnt vertrauensvoll (und fast durchgehend erfolgreich) zusammenarbeitet, nicht fallen lässt. Nicht nach einem Aus in der WM-Vorrunde. Und auch nicht nach einem 0:6 gegen Spanien.


Wer also Löws Rauswurf fordert, müsste zunächst eigentlich erstmal nach einer Strukturreform schreien. Wenn es beim DFB endlich wieder Reibung und offene Diskussionen geben soll statt Mauscheleien und Machtkämpfe hinter dem Rücken, braucht es einen Gegenpart zu Bierhoff. Derzeit ist er nämlich der Einzige, der von seiner Kompetenz sportpolitische Entscheidungen treffen kann. Auch das ist ein Teil der Wahrheit.