03. August 2020 / 22:00 Uhr

Kommentar zur Vertragsauflösung von Ralf Rangnick: Ehrenbürger Rangnick - warum nicht?

Kommentar zur Vertragsauflösung von Ralf Rangnick: Ehrenbürger Rangnick - warum nicht?

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
Nach langen Jahren hört Ralf Rangnick in der Fußballsparte des Red-Bull-Konzerns auf.
Nach langen Jahren hört Ralf Rangnick in der Fußballsparte des Red-Bull-Konzerns auf. © Simon Hofmann/Bongarts/Getty Images
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Ralf Rangnick hat seine Ära beim Fußball-Imperium Red Bull beendet. Der Fußballvisionär trieb die Entwicklung RB Leipzigs wesentlich voran. Nun verlässt der 62-Jährige den Verein durch den Hinterausgang – ein sehr stiller Abschied. Vielleicht sollte sich Leipzigs Politik daran erinnern, wer die Baulücke Profifußball gefüllt hat.

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Leipzig. Die erste RB-Saison ohne Mister RB, Ralf Rangnick. Wie wird sie sein? Nun, sie ist bereits gespielt, endete mit Platz drei in der Bundesliga, einem zeitigen Aus im DFB-Pokal und führte mindestens bis ins Viertelfinale der Champions League. Die erste Saison ohne den Mann, der Leipzig zurück auf die große Fußball-Landkarte geholt hat und ohne den viele Menschen keinen mehr oder minder hoch dotierten Job bei RB oder im Umfeld hätten, ist Geschichte. Bis aufs königliche Endturnier in Lissabon.

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Und so geht die Saison 2019/2020 nicht nur als jene in die RB-Historie ein, in der fundamental anders als unter Rangnick Fußball gespielt wurde. Mit weniger Balljagd und Vertikalität, mit mehr Ballbesitz und Anlehnungen an Pep Guardiolas Tiki-Taka. Es war eine Saison, die man trotz der Orgien an Heim-Unentschieden und sich ewig hinziehenden Verletzungsproblemen attraktiv und erfolgreich nennen darf. Es war auch eine Spielzeit, an deren Ende viel Geld für Timo Werner fließen wird – weil die RB-Chefs dem Nationalspieler einen ablösefreien Wechsel ausgeredet haben. Gleiches ist Oliver Mintzlaff, Markus Krösche und Co. auch in der Causa Dayot Upamecano gelungen. Hut ab. Zumindest im Fall Werner hat der Schwabe Rangnick seinen Einfluss bei seinem schwäbischen Ziehsohn geltend gemacht.

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Ralf Rangnick übernimmt zum zweiten Mal den RB-Trainerposten. Zur Galerie
Ralf Rangnick übernimmt zum zweiten Mal den RB-Trainerposten. ©

Es war eine Saison, die mit einem Trainingslager in Österreich ihren Anfang nahm. Ein Camp, bei dem auch Ralf Rangnick vor Ort war. Er saß alleine auf der kleinen Seefelder Tribüne, schaute sich die Einheiten seines hochbegabten Nachfolgers Julian Nagelsmann an. Er und seine Expertise waren nicht mehr gefragt. Rangnick war isoliert, sogar in der Hotel-Sauna der Roten Bullen auf sich alleine gestellt. Er fand nicht mal einen Jogging-Partner, der mit ihm laufen wollte/durfte.

Baulücke Profifußball gefüllt

Und man war hin- und hergerissen zwischen: Weshalb tut er sich das an und weshalb tut man ihm das an? Hatte Rangnick bei den Verabredungen mit Boss Mintzlaff anlässlich seines Wechsels zur internationalen Red-Bull-Fußball-Sparte etwas falsch verstanden? War sein künftig gegen null gehender Einfluss aufs operative RB-Geschäft nicht zu der mit allen Wassern gewaschene Fußball-Koryphäe durchgedrungen? Dachte er, dass er auch ohne vertraglich fixierten Auftrag den jungen Menschen um Nagelsmann und Sportdirektor Krösche als eine Art Elder Statesman und Graue Eminenz zur Seite stehen darf, ja muss? Weshalb haben sich Rangnick/Mintzlaff und Dietrich Mateschitz im Sommer 2019 nicht in die Augen geschaut und unter Männern von Ehre und Stolz einen Schlussstrich gezogen? Alsdann zog sich die „Zusammenarbeit“ wie Kaugummi, wurde die Trennung ein Jahr später als notwendig vollzogen.

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Dass ein Mann wie Ralf Rangnick RB Leipzig durch den Hinterausgang verlässt, ist unglaublich. Und wenn schon die Abschiedskultur der Rasenballer nach all den Verletzungen und Verwerfungen ausbaufähig ausgefallen ist, sollte sich vielleicht Leipzigs Politik daran erinnern, wer der Stadt die Baulücke Profifußball gefüllt hat. Ralf Rangnick. Ein Ehrenbürger Rangnick? Warum nicht.