10. November 2020 / 15:27 Uhr

Kommt das Pachtmodell für Leipzigs Außensportanlagen auf den Prüfstand?

Kommt das Pachtmodell für Leipzigs Außensportanlagen auf den Prüfstand?

Stephanie Riedel
Leipziger Volkszeitung
Auch das Stadion des Friedens in Gohlis ist eine von der Stadt verpachtete Anlage. Zuständig ist hier die SG MoGoNo.
Auch das Stadion des Friedens in Gohlis ist eine von der Stadt verpachtete Anlage. Zuständig ist hier die SG MoGoNo. © LVZ
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Vereine, die in Leipzig eine Außensportanlage von der Stadt gepachtet haben, tragen jede Menge Verantwortung. Und sie drohen immer häufiger in den damit verbundenen Anforderungen unterzugehen. Stadtrat Oliver Gebhardt will das ändern. Einen positiven Ratsbeschluss vorausgesetzt, soll die Verwaltung Alternativen zur aktuellen Pachtpraxis prüfen.

Leipzig. Ist das aktuell praktizierte Pachtmodell für Leipziger Sportstätten eigentlich noch sinnvoll und zeitgemäß? Das soll die Stadtverwaltung der Messestadt prüfen, zumindest wenn es nach Oliver Gebhardt (Die Linke) geht. Der Stadtrat hat einen entsprechenden Antrag gestellt, der in der Ratssitzung am Mittwoch entschieden werden soll. Gebhardts Ziel: "die Werterhaltung der Sportanlagen weiterhin gewährleisten".

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Pächter vor ungeheuren Aufgaben

Bei Außensportanlagen, vor allem bei Fußballplätzen, ist die Sachlage im Moment die: Sportverein und Kommune schließen einen Pachtvertrag, in dem das fragliche Gelände dem Club zur Nutzung überschrieben wird. Damit einher geht die Pflicht, das Gelände zu pflegen, instand zu halten und auch weiterzuentwickeln. Nicht nur aber vor allem Letzteres ist für Vereine, die ausschließlich ehrenamtlich organisiert sind, eine große Herausforderung. ´"Vor allem im Fußball steigen die Mitgliederzahlen. Die zur Verfügung stehenden Flächen reichen für den Trainings- und Spielbetrieb oft nicht mehr aus", so Gebhardt, der neben seiner Abgeordnetentätigkeit den Fußballverband der Stadt Leipzig (FVSL) als Vizepräsident unterstützt. Die logische Folge: Neue Nutzungsmöglichkeiten müssen geschaffen werden, beispielsweise durch den Bau von Kunstrasenplätzen.

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Durch das Pachtmodell sind hier die Vereine selbst in der Pflicht und stehen vor ungeheuren Aufgaben. Gutachten müssen erstellt, Anträge eingereicht, Fördermittel beantragt werden. Bis zum tatsächlichen Bau können da schon mal vier bis fünf Jahre vergehen. "Das nötige sport- und baufachliche Know-How ist bei aktiven Ehrenamtlern oft nicht vorhanden, weshalb externe Fachleute mit ins Boot geholt werden müssen", weiß Oliver Gebhardt. Um das zu finanzieren, gehen die Vereine bei der Antragsstellung entsprechend in Vorleistung – und bleiben bei Nichtgenehmigung auf den Kosten sitzen. Passiert ist das dem Leipziger SC: Seit drei Jahren arbeitet die Fußballabteilung an der Finanzierung und Realisierung eines neuen künstlichen Grüns - und scheiterte im Sommer. Der Bauantrag wurde abgelehnt. Der Club bleibt hartnäckig, doch das kostet Zeit, Kraft und Geld.

Das Problem mit der Umsatzsteuer

Apropos Geld: Abseits von Kosten für Gutachter, Experten und Co. können Projekte nur bei entsprechender eigener Finanzkraft realisiert werden. Zwar fließen von der Kommune und dem Land Fördermittel (90 Prozent). Doch die restlichen zehn Prozent müssen die Vereine durch Eigenmittel selbst aufbringen. Je nach Höhe der Projektkosten handelt es sich mitunter um fünf -bis sechsstellige Beträge. Die Vereine sind auf jahrelange Akquise und großzügige Spenden angewiesen.

Vereine, die zu den Glücklichen gehören und genügend Platz für ihre Sportler haben, sind immerhin noch in Sachen Pflege in der Pflicht. Für die in diesem Zusammenhang entstehenden Aufwendung, seien es die Aufwandsentschädigung des Platzwarts, das Benzin für den Rasenmäher oder neue Fliesen für die Kabinen, erhalten die Clubs Pflegekostenzuschüsse von der Stadt. Die spielten bis dato umsatzsteuerlich keine Rolle. "Das scheint sich, zumindest in Einzelfällen geändert zu haben", erklärt Oliver Gebhardt, Die Folge: Einigen Leipziger Vereinen flatterten in jüngerer Vergangenheit Zahlungsaufforderungen des Finanzamts ins Haus, und zwar rückwirkend für die vergangenen vier bis fünf Jahre. Die Begründung: Der Pflegekostenzuschuss im wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb sei mit 19 Prozent der Umsatzsteuer zu unterwerfen. Die Forderungen belaufen sich auf mehrere Tausend bis Zehntausend Euro.

Oliver Gebhardt engagiert sich seit Jahren für den Leipziger Sport: Die Rahmenbedingungen im Ehrenamt sollen sich weiterentwickeln.
Oliver Gebhardt engagiert sich seit Jahren für den Leipziger Sport: Die Rahmenbedingungen im Ehrenamt sollen sich weiterentwickeln. © Stephanie Riedel

„Das Finanzamt betrachtet einen Verein als Gartenpflegeverein. Ein Sportverein ist jedoch kein Unternehmen, das auf dem globalen Markt unterwegs ist“, sagt Gebhardt, der mit dem FVSL einen betroffenen Verein rechtlich unterstützt, der Klage erhoben hat. Der Ausgang der Klage ist wegweisend für alle Vereine, die eine Pachtsportanlage der Stadt Leipzig betreiben.


Alternativen finden und prüfen

Für Gebhardt ist eine Diskussion über das Leipziger Pachtmodell deshalb unabdingbar. "Immerhin geht es um die langfristige Gestaltung der Sportpolitik.“ Alternative Herangehensweisen gibt es überall in Deutschland, aber auch direkt vor den Toren der Messestadt. So befindet sich das Sportgelände an der Kriekauer Straße in Taucha in Besitz der Kommune. Mit Rasen- und Kunstrasenplatz sowie kleiner Tribüne ist die Anlage ein echtes Schmuckstück. Die SG Taucha 99 ist "nur" Mieter ihrer Heimspielstätte.

Nach dem Willen von Gebhardt soll die Stadtverwaltung bis zum dritten Quartal 2021 Alternativen zur aktuellen Verfahrensweise aufzeigen und prüfen. Laut dem am Mittwoch zur Abstimmung stehenden Antrag sollen dabei unter anderem betriebswirtschaftliche und steuerrechtliche Vor- und Nachteile aufgezeigt werden. Und ganz wichtig: Die Kommune soll bei ihrer Prüfung die Einschätzung der Pachtvereine und Sportfachverbände einbeziehen. Dieser Teil des Antrags sorgte in der Verwaltung vorab für wenig Begeisterung. Im dem Antrag beiliegenden so genannten Verwaltungsstandpunkt heißt es, eine zu frühe Beteiligung der Betroffenen würde den Arbeitsprozess "beschweren" und "möglicherweise unrealistische Erwartungen" wecken.