28. Mai 2020 / 18:28 Uhr

Kommunikation im Muldental nicht optimal: Schiri-Ausschuss-Chef Kießling geht

Kommunikation im Muldental nicht optimal: Schiri-Ausschuss-Chef Kießling geht

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Rainer Kießling (links) gratuliert Hans-Joachim Reichenbach zu seinem 2000. Einsatz als Schiedsrichter beziehungsweise Assistent.
Rainer Kießling (links) gratuliert Hans-Joachim Reichenbach zu seinem 2000. Einsatz als Schiedsrichter beziehungsweise Assistent. © Jens Paul Taubert
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Am Mittwoch wurde in Grimma der Vorstand des Fußballverbandes Muldental/Leipziger Land gewählt. Ohne Rainer Kießling. Der langjährige Vorsitzende des Schiedsrichterausschusses hatte auf eine erneute Kanditatur verzichtet. „Die Kommunikation zwischen Präsidium und meiner Person war nicht optimal“, begründete er seinen Schritt.

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Grimma. Fußballer dürfen nicht nachtreten. Also sollten es Schiedsrichter erst recht nicht tun. Für Rainer Kießling eine Selbstverständlichkeit. Der 52-Jährige ist selbst Referee und fungierte bis Mittwoch zudem als Vorsitzender des Schiedsrichterausschusses. Zur Neuwahl des Vorstandes des Fußballverbandes Muldental/Leipziger Land in der Grimmaer GGI-Halle trat er allerdings nicht noch mal an: „Die Kommunikation zwischen Präsidium und meiner Person war nicht optimal.“ Nach Details befragt, sagt der Leipziger, er wolle keine schmutzige Wäsche waschen. Und vor allem nicht nachtreten.

Im Gespräch mit dem SPORTBUZZER wird er deutlicher: „Die Anfeindungen gegenüber Schiedsrichtern haben in den vergangenen fünf Jahren deutlich zugenommen – auch in unserer Region.“ Das Problem sei lange verharmlost worden. Erst seit Mitte 2019 habe er das Gefühl, dass Verband und Sportgericht entsprechende Verfehlungen mit gebotener Härte ahndeten, so der Ex-Schiedsrichter-Obmann. Doch das ändere nichts an seinem Entschluss, sein Amt zur Verfügung zu stellen. Die Meinungsverschiedenheiten beruhten ohnehin auf Gegenseitigkeit, sagt der Scheidende.

Fehlender Respekt und Egoismus

Wegen der Gewalt gegen ihre Zunft streikten im vorigen Jahr die Berliner Schiedsrichter im Amateurbereich. In Hessen wurde ein Unparteiischer bespuckt, beleidigt und mit einem Regenschirm geschlagen. Im selben Bundesland sorgte eine Attacke auf einen 22-jährigen Referee sogar bundesweit für Schlagzeilen: Der Schiri hatte dem Spieler die gelb-rote Karte gezeigt und war von diesem anschließend bewusstlos geschlagen worden. Mit einem Rettungshubschrauber musste der Schiedsrichter ins Krankenhaus gebracht werden.

Kießling bemängelt fehlenden Respekt und zunehmenden Egoismus. Schiedsrichter bekämen den Frust in der Gesellschaft immer stärker zu spüren, sie würden beschimpft und bedroht. „Ich hatte so viele junge Schiedsrichter. Die kamen nach ihren ersten Spielen zu mir und sagten, Herr Kießling, das tue ich mir nicht länger an, ich höre auf.“ Dabei hätten die Unparteiischen durchaus Dank verdient. Sie seien es schließlich, die an einem Wochenende mitunter zu zwei oder drei Einsätzen fahren. Mancher komme pro Jahr auf 100 Partien. Stattdessen seien Schiedsrichter im Verein nicht selten das „fünfte Rad am Wagen“.

Gerade junge Anfänger, los geht es ab zwölf Jahren, müssten zusehen, wie sie auf dem platten Land von A nach B kämen: zu Fuß, mit dem Fahrrad oder im Auto der Großeltern. Während einige Mannschaften mit Trikots mehrfach ausgestattet würden, warteten die Schiedsrichter oft viel zu lange auf ihre Ausrüstung. „Dabei sind wir doch auch Sportler, wollen gute Leistungen zeigen und nach Spielschluss unser Bier trinken.“

„Nachgetreten wird nicht“

Er erkenne Kießlings Verdienste an, sagt der wiedergewählte Präsident des Fußballverbandes, Harald Sather (59), einst FIFA-Linienrichter. Er bezeichnet die Fehlentwicklungen auf den Sportplätzen als gesellschaftliches Problem: „Im Fußball wird das deutlich, weil hier Emotionen im Spiel sind.“ Man solle den Ball flach halten, warnt Sather: „Wir jammern auf hohem Niveau. Wir sind einer der Kreisverbände mit den wenigsten Spielabbrüchen in Sachsen.“

Sather bezeichnet den Ex-Obmann als mitunter zu akribisch: „Er füllte manchmal 20 Seiten, wo es auch ein Blatt getan hätte.“ Seine Strenge sei nicht bei jedem, auch nicht bei allen Schiris, gut angekommen. Sicher seien für Herrn Kießling einige Urteile zu milde ausgefallen, holt Sather aus: „Aber Sportgerichte urteilen unabhängig. Das haben wir zu akzeptieren.“ Im übrigen sei der Verband nicht untätig. Junge Schiedsrichter würden beobachtet, begleitet und geschult. „Das Konzept stimmt, nur hast du nicht immer die Leute.“

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Hermann Winkler, Präsident des Sächsischen Fußballverbandes: „Wenn ein 16-jähriger Schiri beschimpft wird, fragt seine zuschauende Freundin nicht selten, wieso er sich das antut und ob beide nicht besser ins Kino gehen sollten.“ Winkler erinnert an das Projekt „Junior Coach“ des DFB. Dabei treten junge Leute in Schulprojekten als Trainer in Erscheinung. „Das wollen wir 1:1 auch für Schiedsrichter umsetzen. Wir brauchen den Nachwuchs. Talente zu finden, wird schwieriger.“ Im Verbandsgebiet, zu dem das Muldental, Borna-Geithain und Döbeln gehören, gibt es derzeit 240 Schiedsrichter im Alter von zwölf bis 77 Jahren. 7000 Spiele – von der E-Jugend bis zur Kreisoberliga – gilt es pro Jahr zu besetzen, wobei die unter Zehnjährigen ganz ohne Schiedsrichter auskommen.

Im Verband sind 8400 Mitglieder in 73 Vereinen organisiert. Damit ist er einer der größten der 13 Kreis- und Stadtfußballverbände in Sachsen. Rainer Kießling wünscht seinem Nachfolger, Thomas Kießig, viel Erfolg. Wer wüsste besser als der scheidende Schiedsrichter-Obmann, wie viel Zeit an dem Ehrenamt hängt: „Täglich investierst du drei Stunden“, sagt der Vermessungsingenieur, der zugleich eine Landesfachgewerkschaft führt, als Bundesgeschäftsführer eines Fortbildungsinstitutes fungiert und dessen Maxime ist: „Nachgetreten wird nicht.“