02. Februar 2020 / 18:51 Uhr

Kontroverse um Wechsel von Daniel Frahn zum SV Babelsberg 03: "Kündige meine Mitgliedschaft"

Kontroverse um Wechsel von Daniel Frahn zum SV Babelsberg 03: "Kündige meine Mitgliedschaft"

Mirko Jablonowski und Stephan Henke
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Die Fans von Chemie Leipzig mit einem Plakat in Richtung Daniel Frahn.
Die Fans von Chemie Leipzig mit einem Plakat in Richtung Daniel Frahn. © Jan Kuppert
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Regionalliga Nordost: Die Verpflichtung des ehemaligen Angreifers von RB Leipzig und dem Chemnitzer FC spaltet das Fanlager des SV Babelsberg 03. Während im Internet ein Shitstorm losbricht, wird Daniel Frahn von den eigenen Fans überwiegend positiv begrüßt. Die Anhänger von Chemie Leipzig protestieren dagegen lautstark gegen den neuen Stürmer ihres Gegners.

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Die Fans von Chemie Leipzig griffen zu einem Wortspiel. „SVB: Im Abstiegskampf ist jedes Mittel rechts“, schrieben sie auf ein Plakat, das sie vor dem Gastspiel beim SV Babelsberg 03 am Sonntagnachmittag in ihrem Fanblock entrollten. Es war ihr Kommentar zur Verpflichtung von Daniel Frahn, die Babelsberg am Freitagabend bekanntgab. Als der Stadionsprecher den Namen Frahns bei der Aufstellung verlas, gab es lautstarke Pfiffe aus dem Chemie-Block und „Nazis-Raus-Rufe“, bei seiner Einwechslung hielten sie das geschmacklose Plakat „Daniel Frahn – heim ins Reich“ hoch.

SVB Initiator von "Nazis raus aus den Stadien"

Die Leipziger gelten, wie auch der Regionalliga-Konkurrent aus Babelsberg, als Verein, der sehr offensiv für Anti-Faschismus und Anti-Rassismus eintritt. Der SVB initiierte die Kampagne „Nazis raus aus den Stadien“ und trägt das Logo des Bündnisses „Seebrücke“ auf dem Trikot, das sich für die Entkriminalisierung der Seenotrettung einsetzt. Frahn hingegen ist in den letzten Monaten in die Schusslinie geraten, weil ihm eine Nähe zu rechtem Gedankengut vorgeworfen wurde.

In Bildern: Am 20. Spieltag der Regionalliga Nordost schlägt der SV Babelsberg 03 zu Hause Chemie Leipzig mit 1:0.

SVB-Neuzugang Daniel Frahn saß zu Beginn noch auf der Bank. Zur Galerie
SVB-Neuzugang Daniel Frahn saß zu Beginn noch auf der Bank. © Jan Kuppert
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Der gebürtige Potsdamer äußerte sich nach dem 1:0-Sieg der Babelsberger gegen Chemie erstmals öffentlich. „Ich habe im Vorfeld eine große Vorfreude, aber natürlich auch Anspannung verspürt. Ich wusste nicht, was mich erwartet. Es gibt viele Kritiker, sicherlich auch zu Recht. Ich empfand es aber als sehr angenehm. Dass die Jungs in Grün (die Anhänger von Chemie Leipzig, d. Red.) das anders sehen, ist völlig normal. Das ist Fußball. Ich freue mich einfach, wieder im Karli kicken zu können. Ich hoffe, dass mir die Kritiker die Chance geben zu beweisen, wer Daniel Frahn wirklich ist und nicht wie er in den Medien dargestellt wird.“ Im Statement zum Wechsel distanzierte er sich „von rechtem Gedankengut und Menschen mit dieser politischen Einstellung“, er sei kein Nazi.

Shitstorm im Internet

Der SVB hatte für die sportlich nachvollziehbare Verpflichtung des ehemaligen Zweitligaspielers und Ex-Kapitäns von RB Leipzig teilweise harsche Kritik kassiert. Während es beim Spiel gegen Chemie von Babelsberger Seite bis auf vereinzelte „Hau-ab-Rufe“ nach der Partie in der Nordkurve ruhig blieb und Frahn von der Haupttribüne bei seiner Einwechslung mit viel Applaus begrüßt wurde, verlagerte sich die Empörung ins Internet. „Das war es für mich! Nach über 20 Jahren sag ich damit tschüss 03! Das Maß ist damit voll! Morgen kündige ich meine Mitgliedschaft!“, lautete ein Kommentar bei Twitter, ein anderer: „Ich würde jetzt im Strahl kotzen, hätte ich euer Trikot gekauft oder eine Mitgliedschaft abgeschlossen. Manche Dinge muss man nicht verstehen. Wertesysteme zum Beispiel.“

Das zielt auf Frahns Vorgeschichte. Im März 2019 hob er während einer Partie des Chemnitzer FC beim Torjubel ein T-Shirt mit der Aufschrift „Support your local hools“ (Unterstütze deine lokalen Hooligans) hoch. Am 3. August der nächste Eklat. Der verletzte Frahn zeigte sich beim Auswärtsspiel in Halle im Fanblock mit regionalen Neonazi-Größen. Chemnitz kündigte zwei Tage später den Vertrag des Kapitäns wegen der „offenkundig zur Schau gestellte Sympathie zu führenden Köpfen der rechts gesinnten Gruppierung ‚Kaotic Chemnitz’ und der aufgelösten Gruppe ‚NS-Boys’“, er habe sich dadurch „massiv vereinsschädigend“ verhalten. Das Chemnitzer Arbeitsgericht erklärte die Kündigung Mitte Dezember für unwirksam, am 28. Januar einigten sich beide Parteien auf eine Vertragsauflösung.

Mehr zu Daniel Frahn

Zu diesem Zeitpunkt trainierte Frahn schon drei Wochen mit den Babelsbergern mit, nachdem der 32-Jährige kurz nach seinem Rausschmiss beim CFC mit einer ersten Bitte beim stark abstiegsgefährdeten SVB abgeblitzt war. Trainer und Mannschaft sprachen sich nach SPORTBUZZER-Informationen deutlich für eine Verpflichtung aus, nicht nur aus sportlicher Sicht. Vielmehr verhalte er sich auch innerhalb des Teams überaus korrekt.

Verein will Frahn zweite Chance geben

Doch wegen der Vorgeschichte Frahns, der von 2007 bis 2010 schon einmal für die Babelsberger spielte, gingen der Verpflichtung lange Diskussionen innerhalb der Vereinsgremien voraus. Katharina Dahme, Aufsichtsratsvorsitzende des SVB, schrieb auf ihrer privaten Facebook-Seite: „Niemals wäre ich bereit, die eigene Glaubwürdigkeit gegen den Klassenerhalt einzutauschen. Deswegen war für mich klar: Wenn wir über eine Verpflichtung reden, dann nur, wenn Daniel Frahn das Problem nicht kleinredet, sondern die Tragweite erkennt und sich glaubwürdig davon abwendet.“ Dies sei Frahn laut Dahme gelungen, außerdem gab sie zu bedenken, „ob es unter Umständen doch möglich ist, dass die vom CFC und dann in den Medien verbreitete Darstellung nicht stimmte“.

Vom FV Turbine Potsdam bis RB Leipzig: Die Karriere von Daniel Frahn in Bildern.

Vom FV Turbine Potsdam bis RB Leipzig: Die Karriere von Daniel Frahn in Bildern Zur Galerie
Vom FV Turbine Potsdam bis RB Leipzig: Die Karriere von Daniel Frahn in Bildern ©

Wie schon der Verein in seiner Stellungnahme, sprach sich auch Dahme für eine zweite Chance für Frahn aus. Ähnlich hatten es die Babelsberger schon einmal gemacht, als sie Süleyman Koc wieder in ihren Reihen aufnahmen. Der Deutsch-Türke war wegen seiner Beteiligung an mehreren Raubüberfällen verurteilt worden. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis kehrte er zu Babelsberg zurück und spielte später sogar für den SC Paderborn in der Bundesliga.

Frahn hatte andere Angebote

Bei Frahn merkten einige Fans allerdings an, dass er nach der Trikot-Aktion und der Nähe zur rechten Szene bereits seine zweite Chance verspielt hätte. „Mir ist auch klar: Indem wir ihm helfen, seinen Ruf zu retten, büßen wir selbst ein Stück Glaubwürdigkeit ein. Weil mich das genauso trifft wie viele unserer engagierten Fans, weiß ich, dass das schmerzhaft und ungerecht ist“, schreibt Katharina Dahme. Den bequemen Weg geht aber auch Frahn nicht mit dem Babelsberg-Wechsel. Nach SPORTBUZZER-Informationen hatte er auch Anfragen mehrerer Regionalligisten, darunter wohl auch von Energie Cottbus. Dem Vernehmen nach nahm Frahn zudem finanzielle Abstriche in Kauf.

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