11. Mai 2020 / 13:15 Uhr

"Kopfball-Ungeheuer": Das nimmt Alexandra Popp seit dem Titel 2014 als Kompliment

"Kopfball-Ungeheuer": Das nimmt Alexandra Popp seit dem Titel 2014 als Kompliment

Jasmina Schweimler
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
JTET Popp
JTET Popp
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75 Jahre wird der VfL Wolfsburg alt: Grund genug, um an besondere Fußball-Momente zu erinnern – und an wichtige, kuriose und spezielle Tore. In unserer Serie "Jeden Tag ein Tor" stellen wir jeweils einen dieser Treffer vor und erzählen die Geschichte dahinter. Heute geht es um ein Tor in einem dramatischen Saisonfinale - und um das Bild dazu.

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Traum schien ausgeträumt

Hochkarätige Filme haben immer auch starke Nebenrollen. In diesem Krimi am 8. Juni 2014 im Wolfsburger VfL-Stadion hatte Luisa Wensing diese Nebenrolle, und es schien die einer tragischen Figur zu werden. Flach hatte Kozue Ando, Stürmerin des 1. FFC Frankfurt, den Ball aufs Tor geschossen, VfL-Verteidigerin Wensing lenkte ihn auf der Linie mit der Hacke an den Pfosten, von dort sprang er ihr ans Knie und dann ins Netz. Es war der Treffer zum 1:1-Ausgleich für Frankfurt, knapp zehn Minuten vor Schluss, die Wolfsburgerinnen sanken zu Boden. Der Traum von der Titelverteidigung schien ausgeträumt, denn dem Gast aus Hessen würde bei diesem echten Meisterschafts-Finale am letzten Spieltag der Saison ein Unentschieden reichen, Wolfsburg brauchte einen Sieg.

Dann kam die 88. Minute, Kerstin Garefrekes foulte VfL-Kapitänin Nadine Keßler im Mittelfeld und bereitete so quasi den Auftritt der Hauptdarstellerin vor: Alexandra Popp. Die heutige DFB-Kapitänin erinnert sich: „Stephanie Bunte knallte den Freistoß dann gefühlt von der Mittellinie halblinks in den Sechzehner. Ich weiß noch, wie Yvonne Hartmann und Martina Müller mich da freigeblockt haben und ich den Ball anschließend perfekt mit dem Kopf getroffen habe." Ball drin, 2:1, die Schale blieb in Wolfsburg. "Und das auch noch vor einer Rekordkulisse, das war der Wahnsinn! Das werde ich mein Leben lang nicht vergessen.“


Kulisse bis heute Liga-Rekord

Knapp 12.500 Zuschauer hatten sich bei über 30 Grad im Stadion versammelt, bis heute, sechs Jahre später, ist das noch immer Ligarekord. „Wenn ich an den Tag zurückdenke, denke ich an ekelhafte Hitze, an Wassermangel und an ein extrem intensives Spiel, es war sehr emotional“, so Popp. Bereits nach 30 Minuten waren alle Getränke an den Ständen vergriffen, trotzdem peitschten die Fans den VfL unaufhörlich nach vorne. Der FFC, der Wolfsburg im Achtelfinale des DFB-Pokals besiegt hatte, bestand quasi nur aus Stars. Garefrekes, Simone Laudehr, Dzsenifer Marozsan, Melanie Behringer, Lira Alushi, Celia Sasic und und und.

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Verena Faißt brachte die Wolfsburgerinnen in Führung, "da war das Ding ja quasi geritzt“, erinnerte sich Popp. Doch dann kam die Schlussphase, die dem VfL die zweite von bis heute fünf deutschen Meisterschaften brachte - die dramatischste und wohl emotionalste. Für Popp ist der Siegtreffer "eines der wichtigsten Tore meiner Karriere.“ Wie klingt das Wort "Kopfballungeheuer" für sie? "Ich nehme das definitiv als Kompliment. Denn es zeigt, dass man diesbezüglich so Respekt vor mir hat.“

Zu verdanken hat sie diese Stärke unter anderem Papa Popp, denn „das habe ich damals tatsächlich viel mit ihm trainiert. Als ich klein war, war ich viel am Kopfballpendel. Ich habe das über die Jahre jetzt nicht explizit weiter trainiert, aber man entwickelt sich natürlich. Und wir haben ja damals gegen Frankfurt gesehen, wie entscheidend das dann in so einer Situation sein kann.“

Jeden Tag ein Tor: Hier gibt es alle Teile der Serie!

Seit 2012 ist die 29-Jährige nun in Wolfsburg, erst vor kurzem verlängerte sie ihren Vertrag vorzeitig noch einmal bis 2023, obwohl zuvor im Raum stand, dass eventuell 2022 Schluss ist. „Ich denke von Jahr zu Jahr, jünger werde ich ja auch nicht", sagt Popp. "Ich habe bis 2023 verlängert, und so lange werde ich auch hier sein. Alles was dann noch so kommt, wird man dann sehen.“ Jetzt liegt der Fokus aber erst einmal darauf, die restliche Saison zu Ende zu spielen. „Ich fühle mich gut, wir trainieren sehr knackig, was auch sehr wichtig ist, damit wieder eine höhere Belastung reinkommt. Ich habe Hoffnung, dass wir die Saison noch zu Ende bringen können.“


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Die ganze Dramatik eingefangen in einem Augenblick

Dass der VfL dann seine sechste Meisterschaft feiern kann, ist sehr wahrscheinlich. Dass es wieder so emotional und so dramatisch wird wie bei dem Krimi 2014, eher nicht. Wer die Bilder von damals sieht, kann ein wichtiges Detail entdecken: Als Popps Kopfball im Netz gelandet war, sich alle Mitspielerinnen auf die jubelnd abdrehende Torschützin stürzen wollen, schlägt Luisa Wensing die Hände vors Gesicht - als könne sie es nicht fassen, dass ihr Missgeschick wenige Minuten zuvor doch nicht den Titel gekostet hat. Die ganze Dramatik dieses Titelgewinns, dieses Krimis mit Happy-End, eingefangen in einem Augenblick.

Einen Titel zu verteidigen, so Popp, das sei „schon eine andere Schublade, denn dann bist du plötzlich der Gejagte und da hast du schon etwas mehr Druck, das Ganze dann zu bestätigen und zu zeigen, dass die Erfolge im Jahr zuvor keine Eintagsfliege waren.“ 13 Titel hat der VfL jetzt geholt, seit 2013 in jedem Jahr mindest einen. "Und das", so Popp schmunzelnd, "finde ich jetzt nicht so schlecht...“