30. Dezember 2017 / 06:00 Uhr

Kreisliga-Spieler verliert Bein nach Zweikampf: „Die Amputation war eine Erlösung“

Kreisliga-Spieler verliert Bein nach Zweikampf: „Die Amputation war eine Erlösung“

Robert Hiersemann
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Diese eine WhatsApp-Nachricht von Weltmeister Toni Kroos war etwas ganz besonderes für Kreisliga-Spieler Stefan Schmidt.
Diese eine WhatsApp-Nachricht von Weltmeister Toni Kroos war etwas ganz besonderes für Kreisliga-Spieler Stefan Schmidt. © Imago-Montage/privat
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Es kann jeden Fußballer treffen. Stefan Schmidt hat es erlebt: In einem Kreisligaspiel verletzte er sich so schwer, dass ihm später sein Bein amputiert wurde. Im Interview spricht er über einen besonderen WhatsApp-Gruß von Weltmeister Toni Kroos, die Stunden nach der OP und seine Pläne für die Zukunft.

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Es kann jeden Fußballer treffen, egal ob Profi oder Amateur.

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Stefan Schmidt hat es erlebt: Ein Kreisligaspiel, ein unglücklicher Zweikampf und alles war vorbei. Es war diese eine Situation, die das Leben des 23-Jährigen komplett auf den Kopf stellte.

Mai 2017, Schmidt sprintet im entscheidenden Spiel um die Meisterschaft der Kreisliga A (Saarland) zwischen dem SV Schafbrücke und dem FC St. Arnual auf den gegnerischen Torwart zu. Es kommt zum Zusammenstoß, Schmidt bleibt verletzt liegen. Diagnose: Schien- und Wadenbeinbruch. Not-OP! Doch es wird noch schlimmer: Keime schleichen sich in die Wunde, eine Thrombose entsteht. Stefan schwebt in Lebensgefahr, wird ins künstliche Koma versetzt. Um ihn zu retten, amputieren die Ärzte seinen rechten Unterschenkel.

Ein Gespräch mit einem jungen Kreisliga-Fußballer, der Tragisches erlebte und trotzdem niemals aufgab.

SPORTBUZZER: Vor knapp einem halben Jahr, am 24. Mai 2017, kam es zu dem tragischen Zusammenprall auf dem Fußballplatz. Wie erlebten Sie die Situation?
Stefan Schmidt: Ich weiß noch alles. Der Ball wird steil gespielt. Ich bin Außenspieler und laufe hinterher, der Torwart kommt heraus, rutscht auf dem Boden dem Ball entgegen und wir krachen zusammen. Es hat mir nur eine halbe Sekunde gefehlt, um hochzuspringen. Dann wäre nichts passiert und ich hätte heute noch mein Bein.

Stattdessen erlitt ihr rechtes Bein einen Totalschaden.
Ich hatte beim Zusammenprall gespürt, wie mein Bein in sich zusammenbricht. Ich hatte kaum Schmerzen, mein Bein fiel einfach wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Es war seltsam. Ich konnte in meinen Körper hineinfühlen. Ein komisches Gefühl, was ich keinem anderen auf der Welt wünsche.

Und dann lagen Sie da auf dem Rasen.
Ich war bekannt dafür zu schreien, wenn ich auf dem Fußballplatz falle, auch wenn es mal nicht so schlimm war. Doch in dieser Situation war ich ganz still. Knapp 1100 Zuschauer standen am Spielfeldrand, doch keiner sagte etwas, es war so ruhig. Alle wussten, dass etwas Schlimmes passiert war.

Paulo Sergio schickt einen Gruß

Wie ging es weiter?
Ich wurde abtransportiert, die vielen Zuschauer klatschten für mich. Ein tolles Gefühl. Das ist man als Kreisliga-Spieler nicht gewohnt. Dann ging es direkt ins Krankenhaus.

Noch an diesem Tag erfolgte die Not-OP.
Ich war im Rauschzustand. Adrenalin, das deformierte Bein, Schmerzmittel. Im Krankenhaus habe ich nur wenig mitbekommen. Ich weiß noch, dass mir die Ärzte vor der OP sagten, dass das Bein jetzt gerichtet wird. Direkt nach der OP war alles in Ordnung. Doch wenig später spürte ich einen Druckschmerz im rechten Unterschenkel. Es wurde zwar mit Kühlungen behandelt, doch das war nicht ausreichend. Es wurde zu spät reagiert. Nach drei Tagen wurde ich ins Winterburg Klinikum nach Saarbrücken verlegt. Dort wurde ich dann "gerettet." Denn durch den erhöhten Druck im Bein wurde das Gewebe nicht ausreichend durchblutet.

Geben Sie den Ärzten die Schuld daran, dass Sie Ihr Bein verloren haben?
Ja, ich gebe den Ärzten die Schuld. Es wurde nicht das gemacht, was erforderlich war. Deshalb habe ich das Bein verloren. Wir gehen gegen das Krankenhaus vor.

Wie kommen Sie damit psychisch zurecht?
Es nützt doch nichts, sich negative Gedanken zu machen. Ich habe mich schon kurz nach der Amputation mit meiner Situation abgefunden. Es muss weitergehen, ich muss weitermachen. Ich lebe doch. Für meine Familie war die Amputation schlimmer als für mich.

Schlimme Verletzungen im Fußball:

Arsenals Eduardo erlitt nach einem brutalen Foul im Spiel gegen Birmingham City 2008 einen Schien- und Wadenbeinbruch. Seinen 25. Geburtstag musste er dadurch in einem Londoner Krankenhaus feiern. Zur Galerie
Arsenals Eduardo erlitt nach einem brutalen Foul im Spiel gegen Birmingham City 2008 einen Schien- und Wadenbeinbruch. Seinen 25. Geburtstag musste er dadurch in einem Londoner Krankenhaus feiern. ©

Wie bitte?

Ich musste im Krankenhaus meine Eltern trösten. Es wurde die eine oder andere Träne verdrückt. An dem Tag als es hieß, dass morgen amputiert wird, ist für meine Eltern eine Welt zusammengebrochen. Und ich sagte den Ärzten, „los, dann machen Sie das halt.“

Warum reagierten Sie so?

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Das Bein sah schlimm aus. Es war schwarz, blau, offen. Es lag Verwesungsgeruch im Raum. Das hatte nur noch wenig mit einem Bein zu tun. Ich spürte einen schmerzhaften Druck. Es klingt schlimm, aber die Amputation war eine Erlösung für mich.

Welche Unterstützung haben Sie in dieser schweren Zeit erfahren?

Freunde, Verwandte und andere Vereine haben sich gemeldet. Selbst Toni Kroos meldete sich. Ich kenne ihn nicht persönlich, aber ich lag im Krankenhaus und auf einmal bekam ich eine WhatsApp von ihm. Ein Video. Eine Grußbotschaft, in der er mir viel Kraft und Glück wünscht. Ich war total perplex. Er hörte über Freunde von Freunden von meinem Schicksal.

Man bekommt nicht alle Tage eine WhatsApp-Nachricht von einem Profi von Real Madrid. Wer meldete sich noch?

Auch Thomas Helmer, Paulo Sergio und viele Bundesligavereine haben mitbekommen, war mir passiert ist, und haben mir per Video oder Nachricht Mut zugesprochen. Das war ein tolles Gefühl.

Stefan trainiert wieder
Real-Madrid-Star Toni Kroos meldet sich per WhatsApp bei Stefan

Sie haben inzwischen eine Prothese für Ihr rechtes Bein. Wie geht es jetzt weiter?

Vor meiner Verletzung war ich Fachverkäufer im Lebensmittelbereich. Dort möchte ich bald wieder arbeiten. Und ich will auch in Zukunft Sport treiben. Der Para-Sportverband kam schon auf mich zu. Ich war schon immer sehr schnell, will jetzt die 100 Meter und die 400 Meter laufen. Mein großer Traum sind die Paralympics.

Der SPORTBUZZER wünscht Stefan viel Glück bei der Erfüllung seiner Träume!