08. September 2020 / 14:38 Uhr

"Kreisligaromantik": 4:4-Spektakel zwischen Rehbrücke und Michendorf-Reserve

"Kreisligaromantik": 4:4-Spektakel zwischen Rehbrücke und Michendorf-Reserve

Justin Harder
SPORTBUZZER-Nutzer
Erik Jandt (l. Busendorf), Marvin Hempel (m. Rehbrücke), Jannes Weicht (r. Busendorf), SV 05 Rehbrücke - SV 71 Busendorf, Kreisliga B, 7. Spieltag, Saison 19/20, Nuthetal, 03.10.2019, Foto: Benjamin Feller USER-BEITRAG
Rehbrücke-Stürmer Marvin Hempel traf gegen Michendorf II dreimal. © Benjamin Feller
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Kreisliga B Havelland: Am zweiten Spieltag kam es zum Aufeinandertreffen zwischen dem SV 05 Rehbrücke und Aufsteiger Michendorf II. Justin Harder, Zuschauer der Partie auf dem Sportplatz Rehbrücke, fasst die Ereignisse aus seiner Sicht zusammen.

Was für ein Spiel! Acht Tore, sechs gelbe Karten, zwei rote Karten, Torwartfehler und ein emotionsgeladendes Spiel. Kreisligaromantik, die man sich nicht besser hätte vorstellen können. Mein Beileid an diejenigen, die sich diesen phänomenalen Sonntagskick entgehen lassen haben. Ein Versuch der literarischen Dokumentation der Ereignisse.

Schauplatz, dieser jetzt schon legendären Begegnung, war der Sportplatz in Rehbrücke. Alle 55 Zuschauer kamen bei besten spätsommerlichen Wetter auf ihre Kosten und ich ärgerte mich, dass ich meine Sonnenbrille vergessen hatte. Es war alles angerichtet für einen Fußballnachmittag der Extraklasse. Pünktlich um 15 Uhr nahm der, noch gut gelaunte, Schiedsrichter den Ball von der "Schiedsrichterauflaufballhaltehilfe" und gab den Startschuss zum unterhaltsamsten Spiel meines noch jungen Fußballerdaseins.

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Der Reihe nach. Auf dem sehr kleinen Spielfeld in Rehbrücke kamen die Gastgeber besser in das Spiel hinein und markierten bereits nach wenigen Minuten erste gefährliche Angriffe, die Lars Fröhlich, der gut aufgestellte Keeper der Gäste, stark parieren konnte. Der erste Aufreger bereits nach neun Minuten. Zwei Michendorfer lagen nach einer Ecke durch Rehbrücke auf dem Boden. Die Entscheidung klar: Elfmeter für Rehbrücke. Selbst der angeblich gefoulte Kapitän der Gastgeber konnte die Entscheidung nicht nachvollziehen und verhöhnte die Entscheidung des jungen Schiedsrichters. Marvin Hempel verwandelte sicher und brachte Rehbrücke frühzeitig in Front.

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Die Michendorfer Emotionen kochten bereits zu diesem Zeitpunkt über und die ersten gelben Karten wurden verteilt. Michendorf kam in der Folge verstärkt durch Einwürfe – ja, Einwürfe – zu Torgefahr. Felix von Manowsky schleuderte die Einwürfe über 20-30 Meter auf das Rehbrücker Tor, in einer Manier, vor der sich jeder Torhüter fürchtet. Die Antwort auf den Gegentreffer folgte nach 18 Minuten. Nicholas Tönse tauchte auf einmal alleine vor dem leeren Tor auf und musste lediglich einschieben. Das gelang ihm aber erst nach seinem dritten Torabschluss, nachdem sich gefühlt jeder Rehbrücker in die Schüsse des Youngsters hineingeworfen hat.

Aus einem Meter Torentfernung stocherte er den Ball über die Linie. Mitten drin der Torwart der Gastgeber Benjamin Vieweg, der bei dem Einschieben des Balles durch Nicholas Tönse noch einen Tritt abbekam, der chronologisch nach dem Überqueren der Linie geschah. Dem Augenschein nach haben sich Stürmer und Torhüter gegenseitig Tritte ausgeteilt, die wenig unauffällig an Connor McGregor in seinen besten Zeiten erinnert haben. Beide hätten Rot sehen müssen, jedoch wurde nur der Stürmer der Michendorfer Reserve vom Platz gestellt. Tor gemacht - Soll erfüllt, könnte man sagen. Michendorf II zu diesem Zeitpunkt für die nächsten 70 Minuten in Unterzahl.

Das Spiel blieb auf Augenhöhe, doch durch einen Geniestreich von Marvin Hempel in der 36. Spielminute, bei dem alle Kinnladen der Anwesenden auf dem Boden wiederzufinden waren, gingen die Rehbrücker 2:1 in Führung. Aus unglaublichem spitzen Winkel schoss der Angreifer das Leder in die Maschen. Fröhlich im Tor der Michendorfer war machtlos. Jeder hätte es ihm auch verübelt, wenn er diesen Hammer gehalten hätte. Den kann sich Hempel einrahmen und seinen Kindern beim Schlafengehen erzählen. Mit einem Halbzeitstand von 2:1 gingen beide Mannschaften in die Kabine, zumindest nachdem sie noch bestimmt zehn Minuten mit dem Schiedsrichter diskutiert haben.


Nun zur zweiten Halbzeit. Jeder der dachte, es kann nicht mehr besser werden, wurde eines besseren belehrt. Zum Auftakt in eine unbeschreibliche Halbzeit kam es gleich zu einer Kuriosität. Der Rehbrücker Schlussmann bekam einen mittelscharfen Rückpass aus 16 Metern genau auf den Mann gespielt, konnte ihn jedoch auf dem ebenen Geläuf nicht annehmen und der Ball rutschte ihm unter seinen Fuß ins eigene Tor. Der Rettungsversuch, der von der Geschwindigkeit her an den dramatischen Gang in Zeitlupe von Astronauten vor dem Raketeneinstieg erinnert, blieb erfolglos und somit trug sich der Schlussmann in die Torschützenliste ein - unfreiwillig.

Die mitgereisten Michendorfer Fans konnten ihr Glück kaum fassen und rechneten das Tor Markus Schulz, einer Michendorfer Legende - ja, er war schon in Schwedt - an, da er den Rehbrücker Torwart mit seiner Aura in bester Gandalf-Manier blendete. Der Michendorfer Freudentaumel hielt allerdings nur für eine kurze Zeit an, denn Hempel machte erneut einen Strich durch die Rechnung. In der 58. Spielminute brachte er die Rehbrücker wiederholt in Führung. Die Sache schien gegessen, doch nach einem perfekt getretenen Eckball in der 65. Minute schraubte sich Raik Rückborn in die zweite Etage des Rehbrücker Nachmittagshimmels, grüßte kurz Gott im Paradies und nickte mit voller Wucht zum umjubelten 3:3 Ausgleichstreffer ein.

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Ebenso ästhetisch war die unglaubliche Parade auf der anderen Seite. Lars Fröhlich entschärfte einen stark getretenen Freistoß aus 20 Metern. Der Ball war perfekt im Winkel platziert und hätte von seiner Schönheit her wahrscheinlich doppelt gezählt. Rehbrücke jubelte schon. Man munkelt, sogar die Anzeige zeigte schon das 4:3 an, da sprang der Michendorfer Keeper in den Winkel und entschärfte den strammen Schuss, in einer Pose die sich Picasso nur erträumen hätte können. In Michendorf wird diese Parade bestimmt bis an sein Lebensende und darüber hinaus erzählt.

Dann geschah das Unglaubliche. Michendorf ging in Führung und die Art des Treffers spiegelt das gesamte Spiel und den gebrauchten Tag des Rehbrücker Schlussmanns wider. Max Ewert schoss aus halblinker Position am Strafraumrand in bester Robben-Manier ab, Vieweg versucht den Ball festzuhalten, doch diese Aktion diente als unfreiwillige Vorlage für Mark Werner, der cool blieb und die Michendorfer in Führung brachte. Vieweg geht mit einem Tor und einer Vorlage aus diesem Spiel und ist zumindest für die Michendorfer Reserve der MVP.

Die hektische Schlussphase begann. Die inzwischen ausgewechselte Michendorfer Legende Schulz provozierte an der Seitenlinie durch Wasserspritzen den Rehbrücker Außenspieler, der sich daraufhin mit einer Backpfeife an Schulz revanchierte. Der inzwischen überforderte Schiedsrichter sah die Aktion nicht, wurde jedoch vom Trainer der Gastgeber auf das unsportliche Verhalten hingewiesen und zückte daraufhin den roten Karton. Eine sehr sportliche Geste des Trainers! Das Spiel ging weiter mit sehr vielen Unterbrechungen. Felix von Manowsky bewies seiner Talente als Neymar und schickte durch einige Schauspieleinlagen seine Bewerbung direkt nach Hollywood.

Das Spiel war ruppig und die Stimmung aufgeheizt. Das Beste, was diesem Spiel passieren konnte, war wahrscheinlich der verdiente Ausgleich. In der zweiten Minute der Nachspielzeit schloss Erxleben nach perfekter Flanke aus 5 Metern ab und besiegelte die Punkteteilung in Rehbrücke. Michendorf hatte in den letzten Sekunden noch die Siegchance, als drei SGM-Akteure allein auf's Rehbrücker Tor zu rannten. Der Schiedsrichter entschied jedoch auf Abseits und pfiff die Begegnung - zum Wohle aller Beteiligten ab. Dieses Spiel hätte keinen Sieger verdient gehabt und beide Mannschaften können gut mit der Punkteteilung leben.

Das Ende vom Lied: Beide Mannschaften haben in einem Spiel wahrscheinlich mehr Adrenalin verbraucht, als in einer kompletten Saison, Vieweg streicht diesen Tag aus dem Kalender, Michendorf erzielt mit zwei Torschüssen vier Tore und jeder, wirklich jeder, freut sich auf das Rückspiel! Die Zuschauer bedankten sich nach dem Spiel für einen denkwürdigen Nachmittag, von dem selbst ich noch meinen Kindern berichten werde.