08. April 2020 / 11:03 Uhr

Krisenmarathon für Olympiasieger Cierpinski: "Licht am Horizont"

Krisenmarathon für Olympiasieger Cierpinski: "Licht am Horizont"

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Waldemar Cierpinski (r), zweimaliger Marathon-Olympiasieger, und sein Sohn Falk vor ihrem geschlossenen Sportgeschäft in Halle/Saale.
Waldemar Cierpinski (r), zweimaliger Marathon-Olympiasieger, und sein Sohn Falk vor ihrem geschlossenen Sportgeschäft in Halle/Saale. © dpa
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Zweimal Marathon-Olympiasieger, seit 30 Jahren Geschäftsmann - und nun als Krisenmanager gefordert. Das Sportgeschäft von Waldemar Cierpinski in Halle ist seit 9. März geschlossen. Vor allem die hohen Mietkosten belasten den Unternehmer. Das Land will nun helfen.

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Halle/Saale. Laden dicht, Zukunft offen, Hoffnung lebt: Vor gut einem Monat musste Marathon-Olympiasieger Waldemar Cierpinski sein großes Sportgeschäft in der Hallenser Innenstadt schließen - doch Aufgeben gehörte nie zum Wortschatz des ehemaligen Ausdauerläufers, der in seiner Sportkarriere „250 000 Kilometer durch die Welt gerannt“ ist. Auch in den harten Zeiten der Corona-Krise hat der Geschäftsmann ein Ziel vor den Augen. „Das Wichtigste, was ich als Marathonläufer gelernt habe: Es gibt immer Licht am Horizont, am Ende des Tunnels“, sagt der 69-Jährige. Auf den Punkt gebracht heißt das: Überleben.

Ende der Misere nicht in Sicht

Not macht erfinderisch: So fährt der Olympiasieger von 1976 und 1980 schon mal Pakete mit Laufschuhen oder Sportutensilien per Fahrrad zum dankbaren Kunden. Und sein Sohn Falk, Geschäftsführer von Cierpinski Sport, kurbelt das Online-Geschäft an. „Wir haben jetzt einen kleinen Lieferservice. Das läuft über WhatsApp-Fotos und telefonische Beratung“, sagt der 41-Jährige, der selbst lange zur Spitzengruppe unter den deutschen Marathonmännern gehörte.

Sein erstes Olympiagold: Waldemar Cierpinski überquert am 31. Juli 1976 bei den Sommerspielen in Montreal als Erster die Ziellinie.
Sein erstes Olympiagold: Waldemar Cierpinski überquert am 31. Juli 1976 bei den Sommerspielen in Montreal als Erster die Ziellinie. © dpa
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„Bei uns fährt keiner Ferrari, aber das Geschäft lief gut, wir sind ja jetzt schon im 30. Jahr“, schildert Falk Cierpinski. Mit 1000 D-Mark waren die beiden 1990 als mutige Selfmade-Unternehmer gestartet. Und heute? Die Monatsmiete von 17.000 Euro und die laufenden Rechnungen - das sind jetzt die großen Probleme. „Die bestellten Waren kommen ja trotzdem, und in zehn Tagen sind dann die Rechnungen fällig - bei null Umsatz“, erklärt Cierpinski junior. „Wir haben wenig Personal und mit 1300 Quadratmetern viel Ladenfläche. Wenn da mal ein Stopp kommt, dann überholen dich die Kosten blitzschnell“, sagt Falk Cierpinski.

Ein Ende der Misere ist nicht in Sicht - Hoffnung macht aber eine zugesagte Finanzspritze als Versprechen der Politik. „Sachsen-Anhalt hat 9000 Euro freigegeben, als Unterstützung für ein Vierteljahr“, berichtet Waldemar Cierpinski. Eine halbe Monatsmiete. Und: Noch ist das Geld nicht da. „Das ist ein guter Wille, das ist okay“, sagt „Waldi“, wie er von Kollegen und Freunden nur gerufen wird. „Aber überleben kann man damit nicht. Das ist einfach zu wenig.“

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Seine Angestellten sind in Kurzarbeit, Miete, Lohn- und Stromkosten drücken nun. „Wir können jetzt auch nicht das neue Kassensystem einführen“, sagt der Chef, „denn dann müssten wir einen Kredit über 20.000 Euro aufnehmen.“ Die anderen Sportgeschäfte in der Saalestadt, weiß Cierpinski, „haben alle das gleiche Problem“.

"Das wird jetzt spannend"

In der Tat. „Am härtesten trifft es die kleineren Fachhändler, die Ein-bis-drei-Mann-Unternehmen, die Familienunternehmen. Die müssen da jetzt irgendwie überwintern, um zu überleben“, sagt Stefan Hertel, Pressesprecher des Handelsverbandes Deutschland (HDE). Der Dachverband für rund 300 000 Einzelhandelsunternehmen in Deutschland mit etwa drei Millionen Beschäftigten plädiert für ein Entgegenkommen der Vermieter. „Das liegt ja auch in deren Eigeninteresse: Wenn man jetzt nicht hilft, dann geht’s schief, dann gehen viele pleite. Dann hat der Vermieter auch keinen Geschäftspartner mehr!“, warnt Hertel.

Waldemar Cierpinski aus der DDR läuft 1980 als Erster der Marathonis im Moskauer Leninstadion ein und gewinnt die Goldmedaille bei den Olympischen Sommerspielen.
Waldemar Cierpinski aus der DDR läuft 1980 als Erster der Marathonis im Moskauer Leninstadion ein und gewinnt die Goldmedaille bei den Olympischen Sommerspielen. © dpa

„Ich hoffe, dass wir es alle schaffen. Das wird jetzt spannend. Wie lange wir das durchhalten, wissen wir nicht“, sagt Doppel-Olympiasieger Cierpinski, dem DDR-Kultreporter Heinz Florian Oertel am 1. August 1980 in Moskau schon zu Lebzeiten ein Denkmal setzte - mit drei prägnanten Sätzen in neun Sekunden: „Liebe junge Väter oder angehende - haben Sie Mut! Nennen Sie Ihre Neuankömmlinge des heutigen Tages ruhig Waldemar! Waldemar ist da!“

Sohn Falk war schon zwei Jahre früher da. Der Junior kam 1978 auf die Welt. Talent, Ausdauer und auch den Kampfgeist des Vaters hat er wohl geerbt. „Wir ziehen das jetzt durch!“, sagt der Geschäftsführer, der täglich im Laden ist und Kontakt zur „Laufkundschaft“ hält. Man glaubt ihm die Zuversicht auch - denn mit Krisen auf langer Strecke kennt er sich ja aus: „Das ist jetzt wie ein Marathon.“

Ralf Jarkowski