02. August 2021 / 19:15 Uhr

Kleine Sensation unter Tokios Regenhimmel: Wie Kristin Pudenz Silber im Diskuswurf holte

Kleine Sensation unter Tokios Regenhimmel: Wie Kristin Pudenz Silber im Diskuswurf holte

Stephan Henke
Märkische Allgemeine Zeitung
Der größte Erfolg ihrer Karriere: Kristin Pudenz gewinnt Silber.
Der größte Erfolg ihrer Karriere: Kristin Pudenz gewinnt Silber. © Getty Images (Montage)
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Die Potsdamerin Kristin Pudenz hat ziemlich überraschend Silber bei den Olympischen Spielen in Tokio gewonnen. Es ist das Ergebnis einer starken Entwicklung der 28-Jährigen, die seit drei Jahren konstant ihre Leistungen abrufen kann. Training, Ernährung und ein Neuro-Athletiktrainer spielen dabei eine große Rolle.

Ungläubig schlug Kristin Pudenz die Hände vor das Gesicht, als sie ihre Weite auf der Anzeigetafel im Olympiastadion von Tokio sah. 66,78 Meter weit hatte die Potsdamerin den Diskus geworfen, neue persönliche Bestleistung – und vor allem: Platz zwei, vorbei an der Kubanerin Yaime Perez, die zuvor auf dem Silberrang lag. "Ich wusste, dass ich an Perez vorbei muss. Perkovic ist eine Werferin, die kann immer nochmal einen aus Versehen weit werfen. Deshalb war es mein Ziel, an Perez vorbeizukommen. Dass es natürlich so gut klappt, hätte ich auch nicht gedacht", sagte Kristin Pudenz nach ihrem sensationellen Silber-Coup von Tokio in der ARD.

Denn weder Perez konnte in ihrem letzten Versuch den Wahnsinnswurf von Pudenz kontern, noch die zweifache Olympiasiegerin Sandra Perkovic (Kroatien), der beim Olympiasieg von Valarie Allman (USA) Platz vier blieb. Vor dem Wettbewerb galt es als ausgemachte Sache, dass die drei die Medaillen unter sich verteilen würden. Allman warf am Montag in einer anderen Liga, gleich ihr erster Versuch landete bei 68,98 Metern.

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Pudenz machte den Wettkampf ihrer Karriere und aus dem Favoritentrio ein Quartett. Bereits im ersten Versuch knackte sie die 63 Meter, wodurch ihr die Qualifikation für die Top-Acht-Werferinnen – und damit drei weitere Versuche – schon fast sicher war. Im zweiten Versuch haute sie 65,34 Meter raus, die schon den Bronzerang bedeuteten. "Wir haben schon nach den 65 Metern eine Flasche Sekt aufgemacht", erzählte Peter Rieger. Der Vorstandsvorsitzende des SC Potsdam schaute sich den Wettkampf mit Kolleginnen und Kollegen in der Vereinszentrale an, bezeichnete die Leistung von Pudenz als "absolut genial".

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Dabei war es nicht nur durch das Ergebnis ein nicht alltäglicher Wettkampf. Eine Stunde musste das Diskuswerfen unterbrochen werden, weil der einsetzende Regen den Wurfring unbenutzbar machte. Mehrere Athletinnen hatten Probleme mit der Standsicherheit, rutschten bei der Drehung weg. "Es war natürlich wichtig, dass sie vor dem Regen einen guten Versuch stehen hatte. Das hat ihr Sicherheit gegeben und die anderen unter Druck gesetzt", sagte ihr Trainer, Jörg Schulte, dem SPORTBUZZER. "Für mich hat das ja so ein bisschen in die Karten gespielt, diese Pause. Ich habe einfach versucht, ruhig zu bleiben und mir zu sagen: Egal, was hier gerade passiert, du hast es drauf. Du bist in einer super Form – und das hat ja dann auch ganz gut geklappt", sagte Pudenz.

"Wir sind beide natürlich geplättet"

Im fünften Versuch schockte sie ihre Konkurrentinnen mit ihrem Silber-Wurf. Danach rang die 28-Jährige sichtlich um Fassung, unterdrückte Freudentränen. Dass sie, trotz immer wieder auftretender Achillessehnenprobleme in dieser Saison, eine Medaille gewinnen würde, schien ihr in diesem Moment offenbar schon bewusst zu werden. "Ich kann’s immer noch nicht richtig fassen. Mal guck’n, wie lange das dauert, bis ich dann denke: Ja, du hast gerade die Silbermedaille", erzählte sie später. Auch ihr Trainer rang um Worte. "Wir sind beide natürlich ein bisschen geplättet. Gehofft hat man natürlich immer sowas, aber es ist natürlich schwer zu glauben", sagte Schulte.

Es ist der vorläufige Höhepunkt der Entwicklung von Pudenz. Seit rund drei Jahren liefert die dreifache deutsche Meisterin konstant ihre Leistungen ab, hat sich auf hohem Niveau stabilisiert. "Ich habe viele Jahre aus der zweiten Reihe zugeschaut und das hat mich stark gemacht für diesen Moment. Und jetzt bin ich umso stolzer, dass sich das ganze ausgezahlt hat", sagte Kristin Pudenz.


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Kontinuierlich hat die Athletin des SC Potsdam ihre Bestleistungen gesteigert, verkraftete auch Rückschläge wie bei den Weltmeisterschaften 2019, als sie bei ihrem ersten großen Wettkampf nur 57,69 Meter warf und Elfte wurde. "Sie ist gewachsen, dank ihrem Trainer und dank dem gesamten Umfeld", sagt Peter Rieger. Unter anderem stellte sie auch ihre Ernährung um, wodurch sie rund acht Kilogramm abgenommen hat.

Und durch die Arbeit mit einem Neuro-Athletiktrainer hat sie die Körper- und Bewegungskoordination – bei der technisch so anspruchsvollen Disziplin äußerst wichtig – weiter gesteigert. "Kristins Stärken liegen in ihren körperlichen Voraussetzungen und ihrem guten Wurfgefühl", sagt Jörg Schulte, der kurz vor dem Wettkampf dem SPORTBUZZER sagte: "Die zuletzt im Training erzielten Weiten waren sehr vielversprechend" - damit sollte er recht behalten.

Für das deutsche Leichtathletik-Team war es die erste Medaille bei diesen Spielen, für die Diskuswerferinnen war es sogar das erste olympische Edelmetall seit Ilke Wyludda 1996 in Atlanta. "So überraschend war das für mich nicht", sagte die 52-Jährige aus Halle/Saale. "Kristin hat in diesem Jahr eine hervorragende Entwicklung hingelegt", erklärte Wyludda.