27. März 2022 / 22:40 Uhr

Kann man hier noch starten? Anschlag entfacht neue Debatte um F1-Austragungsort Dschidda

Kann man hier noch starten? Anschlag entfacht neue Debatte um F1-Austragungsort Dschidda

Karin Sturm
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Trotz des Raketenangriffs nahe der Strecke startete der GP von Saudi-Arabien am Sonntagabend.
Trotz des Raketenangriffs nahe der Strecke startete der GP von Saudi-Arabien am Sonntagabend. © IMAGO/Motorsport Images/PanoramiC (Montage)
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Der Einschlag einer Rakete zu Beginn des Formel-1-Rennwochenendes in Saudi-Arabien entfacht eine neue Debatte über den Grand Prix in Dschidda. Fahrer mussten von einer Absage abgebracht werden. Wohl aus politischen Gründen.

Die Rauchwolke des Raketenangriffs hing auch am Tag danach noch am Himmel nahe der Formel-1-Strecke von Dschidda. Doch nach heftigen Diskussionen wohl auch über einen Boykott der Fahrer hatten die Grand-Prix-Macher von Saudi-Arabien am frühen Samstagmorgen ihr Rennen gerettet. Die besorgten Piloten ließen sich offenbar überzeugen, der Weltverband FIA und die Formel-1-Bosse verkündeten: Alles läuft weiter wie geplant.

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Umfassende Sicherheitsgarantien der saudischen Regierung seien demnach der Grund für die Entscheidung, teilten die FIA und die Rennserie am Samstag gemeinsam mit. Kurz darauf übermittelte auch die Gewerkschaft der Piloten (GPDA) ihren Willen zur Teilnahme am zweiten Saisonlauf am Sonntag, den Weltmeister Max Verstappen vor Charles Leclerc und Carlos Sainz gewann. Erst um 2.30 Uhr Ortszeit hatten alle Parteien am Samstagmorgen eine Übereinkunft erzielt.

Doch woher kam die plötzliche Kehrtwende der Fahrer? Offiziell haben die Erläuterungen der saudischen Behörden, mit welchen auch technischen Mitteln, sprich, Raketenabwehrsystemen, die Sicherheit am Rest des Wochenendes garantiert werden könne, die Fahrer überzeugt. Der renommierte britische BBC-Journalist Andrew Benson bekam allerdings Hinweise, dass da auch noch etwas anderes mitgespielt haben könnte. Diskrete Andeutungen in die Richtung, dass der Formel-1-Zirkus gewisse Probleme bekommen könnte, Saudi-Arabien wieder zu verlassen, sollte man das Rennen platzen lassen. Es gibt dazu einen Präzedenzfall aus dem Jahr 2019, als etwa 200 Mitglieder der Profi-Wrestling-Serie WWE über sechs Stunden lang am Flughafen festgehalten wurden, als es Streitigkeiten mit den saudischen Veranstaltern über Geld und eine vorzeitig abgebrochene TV-Übertragung gab.

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"Ein schwieriger Tag für die Formel 1"

Am Samstagmorgen veröffentlichte die GPDA, auch über ihren Präsidenten Alexander Wurz, dann ein Statement, in dem in vielen Worten offensichtlich versucht wurde, einerseits wenig zu sagen, andererseits aber zwischen den Zeilen anzudeuten, dass man wohl mit dem Weitermachen nicht so wirklich glücklich ist. Es heißt darin lediglich, dass es "ein schwieriger Tag für die Formel 1" und "ein belastender Tag für uns Formel-1-Fahrer" gewesen sei. "Es war schwierig, den Rauch nach dem Zwischenfall zu sehen und trotzdem ein voll konzentrierter Rennfahrer zu bleiben und dabei alle menschlichen Ängste und Sorgen auszublenden." Während der anschließenden Krisensitzung habe man nicht nur den Entscheidern der Formel 1 zugehört, "sondern auch den Ministern der saudischen Regierung, die uns erklärt haben, wie die Sicherheitsvorkehrungen auf ein Maximum hochgefahren werden", und sich dann zum Fahren entschlossen. Der Ton des Statements lässt offen, ob wirklich alle Fahrer voll hinter dem Beschluss stehen.

Dem Vernehmen nach erklärten die Funktionäre den Piloten auch die möglichen Folgen einer vorzeitigen Abreise. Angeblich kassiert die Rennserie für den Zehnjahresvertrag mit Saudi-Arabien Antrittsgelder von insgesamt 900 Millionen Dollar. Aber nach diesem Wochenende stellt sich einmal mehr die Frage: Kann man dort wirklich einfach weiterfahren, in einem Land, das nicht nur massiver Menschenrechtsverletzungen im eigenen Land angeklagt ist, sondern das auch seit sieben Jahren im Jemen, unterstützt von den USA, einen Angriffskrieg führt, der eine humanitäre Katastrophe für die dortige Zivilbevölkerung auslöst?

Einige Teamchefs wie Jost Capito von Williams, Günther Steiner von Haas, aber auch Mike Krack von Aston Martin forderten eine grundsätzliche Debatte nach diesem Wochenende, um in Zukunft nicht wieder in eine ähnliche Situation zu kommen. Der neue Weltverbandschef Mohammed bin Sulayem, der beteuert hatte, "sie zielen auf die Infrastruktur, nicht die Zivilisten und natürlich nicht auf die Strecke", ging schnell zur Tagesordnung über: "Lasst uns ein Rennen fahren", sagte er aus Dubai.

(mit dpa)