07. August 2020 / 18:10 Uhr

Kugelstoß-Olympiasieger Udo Beyer wird 65

Kugelstoß-Olympiasieger Udo Beyer wird 65

Peter Stein
Märkische Allgemeine Zeitung
Kugelstoß-Legende Udo Beyer vor seinem Reisebüro in Potsdam.
Kugelstoß-Legende Udo Beyer vor seinem Reisebüro in Potsdam. © Bernd Gartenschläger
Anzeige

In der MAZ-Serie "Olympische Geschichten" blickt Kugelstoßer Udo Beyer auch auf seinen Auftritt vor 40 Jahren in Moskau zurück, als der Goldjunge von 1976 vier Jahre später Bronze gewann.  

Die große Party wird es nicht geben. Wenn Kugelstoß-Olympiasieger Udo Beyer am Sonntag seinen 65. Geburtstag feiert, soll es „nur eine kleine, familiäre Runde“ geben. In diesen Corona-Zeiten müsse man vernünftig sein, außerdem kämpft er darum, sein Reisebüro am Laufen zu halten. „Es geht irgendwie weiter“, meint der Potsdamer, der auf eine erfolgreiche Karriere als Leichtathlet zurückblicken kann.

Anzeige

Obwohl er viermal an Olympischen Spielen teilnahm, haute er gleich bei seinem ersten Auftritt im Zeichen der fünf Ringe einen raus – und zwar im Kugelstoßring von Montreal 1976. Mit gerade mal 20 Jahren hatte er sich als Dritter nur als Nachrücker für die DDR-Nationalmannschaft qualifiziert und gewann mit 21,05 Meter überraschend die Goldmedaille. Im Appartement des Olympischen Dorfes hatte Beyer sein Bett in der Abstellkammer gemeinsam mit dem Geher Hans-Georg Reimann, dazu gesellten sich in der Wohnung noch dessen Geher-Kollegen Peter Frenkel und Karl-Heinz Stadtmüller sowie Marathonläufer Waldemar Cierpinski. Ehe dieser sein Gold gewann (der Marathonlauf findet traditionell zum Abschluss der Spiele statt), saß Beyer schon längst wieder daheim in Potsdam vorm Fernseher.

In den Katakomben die Konzentration verloren

Vier Jahre später bei den Olympischen Spielen in Moskau galt Beyer dann als großer Favorit. 1978 hatte er den Weltrekord auf 22,15 Meter verbessert, war Europameister in Prag und auch „DDR-Sportler des Jahres“ geworden. „Ich stieß mit einer Bandage am Handgelenk. In der Qualifikation war noch alles okay. Zum Endkampf kam dann ein Kampfrichter auf mich zu und sagte, das sei nicht erlaubt, das müsse erst ein russischer Arzt begutachten, obwohl ich ein entsprechendes Attest vorlegen konnte. Ich wurde in die Katakomben des Stadions geführt, stand da eine Weile rum, aber nichts passierte“, erinnert sich Beyer. „Der Wettkampfstart rückte immer näher, plötzlich hieß es, Kommando zurück. Das hat mich leider komplett aus der Fassung gebracht, meine Konzentration war weg. Ich war selbst Schuld, hätte denen nicht so auf den Leim gehen sollen, hätte über den Dingen stehen müssen. Die haben ihren Heimvorteil rigoros ausgenutzt“, meint er heute über die Trickserei der Freunde, wie die Sowjets zu DDR-Zeiten genannt wurden. Prompt holten die Kugelstoßer vom Olympia-Gastgeber UdSSR Gold und Silber, für Beyer blieb „nur“ Bronze.

Party mit den Handballern

DDR-Sportchef Manfred Ewald lud ihn hinterher sogar von der offiziellen Feier für die Medaillengewinner aus, weil er enttäuscht habe. Erst auf Intervention der DDR-Handballer durfte er dabei sein. Diese hatten mit Beyers Bruder Hans-Georg – sie entstammen einer siebenköpfigen Familie aus Eisenhüttenstadt – sensationell Olympia-Gold gewonnen – ausgerechnet gegen die Sowjetunion. Die Party im Olympischen Dorf war feucht-fröhlich. Udo Beyer wusste hinterher nicht mehr, „wie ich ins Bett kam“.

Aktuelles aus der Region

Olympia 1984 in Los Angeles fiel wegen des Ostblock-Boykotts für die 1,95 Meter große und 135 Kilo schwere Kugelstoß-Ikone aus, dabei hatte der Potsdamer vom Armeesportklub Vorwärts, ein Jahr zuvor beim Länderkampf in den USA – eben in LA – mit der Weltrekordweite von 22,22 Meter gewonnen. 1986 steigerte Beyer, der 2013 im Dokumentarfilm „Einzelkämpfer“ Doping zu DDR-Zeiten eingestand, den Rekord noch einmal auf 22,64 Meter. 1988 reichte es bei Olympia in Seoul zu Platz vier.

Dann war Schluss. Beyer schloss sein Diplomstudium und sollte als Trainer anfangen. Doch im April 1989 stellte der Olympiasieger beim ASK den Antrag auf Rückkehr als Aktiver, im November fiel die Mauer und beim letzten Auftritt der DDR-Leichtathleten 1990 bei den Europameisterschaften in Split wurde er EM-Fünfter. 1992 bei seinem vierten Olympia-Start in Barcelona – „da war ich tatsächlich schlecht“ – schied der damals 37-Jährige bereits in der Qualifikation aus und legte die 7,257 Kilo schwere Eisenkugel aus der Hand.


Ehefrau Rosi und die Familie sind der größte Schatz

Er absolvierte eine Ausbildung als Reiseverkehrskaufmann und startete 1995 mit dem eigenen „Reisebüro Beyer“. Natürlich waren und sind viele ehemalige Sportler, Beyer war jahrzehntelang Kapitän der Männer-Nationalmannschaft in der Leichtathletik, seine Kunden. Mit Marlies Göhr, die Jenaer Sprint-Königin von einst war Kapitänin bei den Leichtathletik-Frauen, ist das Ehepaar Beyer eng befreundet, gerade erst waren sie gemeinsam im Urlaub in Kroatien.

In Bildern: Das sind Brandenburgs Sportler des Jahres seit 1998.

Brandenburgs Sportler des Jahres seit 1998. Zur Galerie
Brandenburgs Sportler des Jahres seit 1998. ©

Blickt der Jubilar und Opa zurück, so stellt er fest: „Aber mein größter Schatz sind meine Frau Rosi und meine Familie, das ist viel wichtiger als alle meine Erfolge. Meine Frau hat dafür gesorgt, dass ich immer mit meinen Beinen auf dem Boden geblieben bin.“ Seine Rosi lernte er übrigens gleich nach der Rückkehr aus Montreal 1976 kennen. „Sie ist die Schwester einer Tante und gehörte zur Gruppe, die mich vom Flughafen abgeholt hat. Zwei Wochen später habe ich ihr einen Heiratsantrag gemacht.“ Noch im selben Jahr wurde geheiratet.

Zu 1980 fällt dem Vizepräsidenten des SC Potsdam noch eine Episode ein. Weil nur die Olympiasieger und Silbermedaillengewinner die Auszeichnungsreise auf dem DDR-Traumschiff MS Völkerfreundschaft – 1976 und 1984 ging es für Beyer nach Kuba – mitmachen durften, sollte Beyer eine Wolga-Reise unternehmen. In die UdSSR wollte er nach dem Moskau-Malheur so schnell nicht mehr, so ging es mit Frau und Tochter vor 40 Jahren für eine Woche ins Hotel Neptun nach Rostock-Warnemünde.