11. Juni 2021 / 10:01 Uhr

Kugelstoßerin Christina Schwanitz: „Olympia wird nicht wie wir es kennen“

Kugelstoßerin Christina Schwanitz: „Olympia wird nicht wie wir es kennen“

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Kugelstoßerin Christina Schwanitz hält von Olympischen Spielen ohne Zuschauern sehr wenig.
Kugelstoßerin Christina Schwanitz hält von Olympischen Spielen ohne Zuschauern sehr wenig. © dpa
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Olympia ohne Zuschauerinnen und Zuschauer? Christina Schwanitz hatte sich für eine Verlegung der Spiele ins Jahr 2024 stark gemacht und dafür viel Kritik geerntet. Die 35-jährige Kugelstoßerin spricht im SPORTBUZZER-Interview über Tokio 2021, ungenügende Prämien für Sportlerinnen und Sportler und die richtige Ernährung.

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Leipzig. Kugelstoßerin Christina Schwanitz vom LV 90 Erzgebirge lacht gern und viel, die 35-Jährige hat dies auch in den letzten Wochen und Monaten nicht verlernt. Denn diese waren alles andere als einfach. Corona verlangte der Mutter von dreijährigen Zwillingen im Alltag ohnehin viel ab, zuletzt musste sie nach einem Wettkampf in England gar zwei Wochen in Quarantäne, obwohl sie täglich negativ getestet wurde. So verpasste sie die Deutschen Meisterschaften in Braunschweig, die nach einem im März erlittenen Bandscheibenvorfall ein wichtiger Meilenstein Richtung Olympia in Tokio sein sollten.

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SPORTBUZZER: Sie waren kürzlich Ehrengast beim Elbweiderind-Gourmetgrillen in Liebertwolkwitz. Kommt bei Ihnen häufig ein gutes Stück Fleisch auf den Teller?

Christina Schwanitz: Ja, mein Ernährungsplan sieht das sogar vor. In meiner Disziplin muss ich Eiweiß zu mir nehmen und auf Fleisch, möchte ich nicht verzichten. Es muss aber qualitativ gut sein.



Was gönnen Sie sich sonst?

Sehr gerne Nüsse. Auch wenn sie viel gesundes Fett haben, esse ich sie nur in Maßen. Manchmal werden es aber ein, zwei Nüsse zu viel.

Was genau verbirgt sich hinter dem Verein Lukas Stern e.V., den Sie unterstützen?

Der Verein erfüllt schwer kranken Kindern und auch Erwachsenen einen oder den großen Wunsch. Da ich selbst Zwillinge habe, trage ich das Anliegen als Mitglied und Botschafterin sehr gerne nach außen und versuche andere zu animieren, den Betroffenen und ihren Familien zu helfen.

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Ist Ihnen irgendein Schicksal besonders präsent?

Wenn ich das Leid zu nah an mich ranlasse, würde ich meine Kinder in Watte packen. Da muss ich aufpassen. Deswegen versuche ich in erster Linie, den Verein nach außen zu repräsentieren.

Was nervt Sie in über einem Jahr Pandemie am meisten an den Corona-Einschränkungen?

Meinen Kindern vieles nicht erklären zu können – zum Beispiel, warum wir jeden Tag zuhause bleiben. Zum Glück geht jetzt der Vereinssport langsam wieder los. Die Kinder scharren schon mit den Hufen.

Sie haben im März den Vorschlag eingebracht, Olympia in Tokio auf 2024 zu verschieben. Welche Reaktionen gab es dazu?

Zum Teil wurde ich empört gefragt, was mir denn einfalle. Zum anderen habe ich auch Zuspruch bekommen. Die „Zeiten“ wären leichter, da wir dann auch nicht mehr diese Drucksituationen hätten.

Warum sollten die Spiele verschoben werden?

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Olympia lebt von den Zuschauern. Die Sportler werden mit Applaus belohnt und unterstützt. Das alles wird es so dieses Jahr nicht geben. Olympia wird nicht wie wir es kennen. Zudem ist Tokio immer noch im Ausnahmezustand. Einige haben Angst, neue Mutationen ins Land geflogen zu bekommen. 2024 wäre es außerdem auch ein Stück weit fairer für alle, eine „ normale“ Wettkampfvorbereitung zu gestalten zumal Dopingkontrollen wegfallen, weil die Kontrolleure nicht einreisen dürfen. Auch ich wurde in diesem Jahr erst sechs statt wie sonst 15 Mal kontrolliert, im gleichen Zeitraum.

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Können Sie sich trotz allem auf Olympia freuen?

Bisher hält sich das noch im Rahmen. Doch die Vorstellung das vierte mal bei solch einem besonderen Ereignis aktiv dabei sein zu können erfüllt mich mit Freude, Stolz und Motivation. Ich habe mich von meiner erneuten Bandscheibenverletzung erholt, die ich mir im März bei der Hallen-EM zugezogen habe und bin sehr froh, überhaupt wieder Kugelstoßen zu können. Manche halten mich für verrückt, dass ich trotzdem weitermache.

Die 4-Kilo-Kugel begleitet Sie fast ein Leben lang. Ist es Liebe oder Hassliebe?

Es ist definitiv Liebe! Ich mache das gerne. Unzählige Male habe ich sie schon gestoßen und mir macht das nach wie vor Spaß. Diesen Bewegungsablauf zu perfektionieren, das Gefühl des kalten Metalls in meiner Hand, selbst mit den Fingerspitzen beim Abstoß noch beeinflussen zu können fetzt einfach. Es wird nie langweilig.

Sind Sie immer noch heiß?

Ja! Mein Sport macht mir Spaß und fordert mich heraus. Aber natürlich ist alles endlich.

Sind die vier Kilo für Sie okay? Oder würden Sie lieber im Wettkampf mit einer schwereren Kugel stoßen?

Wir können es uns nicht aussuchen. Eine Drei-Kilo-Kugel wäre eine neue Herausforderung und spannend. Aber vor allem auch schwieriger. Mit Fünf-Kilo hätte man die Trägheit des Gerätes aber würde mehr Kraft benötigen. Es hat alles sein für und wieder.

Finden Sie es in Ordnung, dass die unerreichbaren alten Rekorde aus den 80er Jahren noch stehen, als Doping an der Tagesordnung war?

Es wurde den Athletinnen und Athleten damals ja nicht nachgewiesen, dass es nicht regelkonform war. So lange werden sie wohl oder übel auch bleiben. Natürlich ist das schade, weil ich gerne die Rekorde geknackt hätte. Und einige Leute, die sich nicht regelmäßig mit unserer Disziplin beschäftigen, können 19 oder 20 Meter nicht richtig würdigen, wenn der Rekord bei 22 Metern steht.

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Sind Sie froh, dass Ihnen und Ihrer Generation keine blauen Pillen zur Leistungssteigerung hingelegt werden?

Wenn es nicht so wäre, dann hätte ich wahrscheinlich keinen Sport gemacht. Es wäre keine Herausforderung für mich, wenn ich meine Leistungen ein Stückweit Pillen zu verdanken hätte.

Wie hat sich in zwölf Jahren das Verhältnis zu Ihrem Trainer entwickelt? Gibt es auch mal einen ordentlichen Anschiss von Sven Lang?

Den gibts schon, jedoch sehr selten. Eine enge Zusammenarbeit mit Vertrauen, Routine und eingehen auf die Person macht Leistung möglich und das beweisen wir, seid einigen Jahren.

Sara Gambetta nähert sich langsam den 19 Metern. Was sagen Sie zur derzeitigen Leistung von ihr?

Es ist toll, dass der Knoten bei ihr geplatzt ist - und Ihre Hartnäckigkeit belohnt wird.

Was sagen Sie zu den Prämien für Olympiamedaillen in Deutschland?

Die Prämien sind leider keine Motivation. Einige Sportler, wie ich, sind Soldaten. Das macht es leichter, unser täglich Brot zu verdienen und etwas Planungssicherheit zu haben. Ich wünsche mir, für die nächsten Generationen, das eine Medaille bei solch einem großen Wettkampf dazu führt, dass nach der Zeit des Sportes ein beruflicher Start bis zum Renteneintritt ermöglicht wird, von dem man auch leben kann.

Hat es nicht auch einen Vorteil, wenn Geld nicht der Hauptantrieb für junge Athleten ist?

Ich hoffe und glaube, dass am Anfang der Karrieren nicht das Geld im Vordergrund steht. Und Leichtathletik betreiben die wenigsten um Geld zu verdienen. Es ist eine Passion, ein Gefühl, eine Leidenschaft!

Interview: F. Schober & N. Schmook