02. Oktober 2019 / 07:38 Uhr

Kugelstoßerin Schwanitz: "Silber und Bronze zählen in unserer Gesellschaft nichts mehr"

Kugelstoßerin Schwanitz: "Silber und Bronze zählen in unserer Gesellschaft nichts mehr"

Stefan Döring
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Christina Schwanitz hat bei der WM in Doha viel vor.
Christina Schwanitz hat bei der WM in Doha viel vor. © dpa
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Zwei Freiluft-WM-Medaillen – Gold und Silber – hat Christina Schwanitz in ihrer langen Karriere schon geholt. Kann die 33-Jährige vom LV 90 Erzgebirge am Mittwoch und Donnerstag in Doha den Medaillensatz komplett machen? Im SPORTBUZZER-Interview erklärt Schwanitz, wie sie ihr Training extra für die WM umgestellt hat.

Christina Schwanitz, sind Sie bei der WM in Doha in Topform?

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Ja! Ich hatte mir im vergangenen Jahr kurz vor Weihnachten einen Kapselriss im Fuß zugezogen, habe aber nicht aufgehört und dadurch hatte ich mir auch das Knie etwas kaputt gemacht. Ich brauchte also acht Wochen Pause und diese Zeit fehlte mir im Laufe der Saison sicherlich. Aber dieses Loch konnte ich füllen, weil die WM so spät ist. Ich bin voll im Plan.

Wie sah Ihre Vorbereitung aus?


Wir haben unsere Trainingsschwerpunkte nach hinten verlagert in der Saison, weil ich nicht schon im Mai top in Form sein musste. Und nebenbei habe ich auch noch angefangen zu studieren. Die Belastung war also durchaus hoch. Deshalb bin ich lange nicht in der Form gewesen, wie ich mir das vorgestellt hatte.

Hat der Sport unter dem Studium gelitten?

Ja, leider. Das hatte ich etwas falsch eingeschätzt. Ich habe größten Respekt vor denen, die Leistungssport betreiben, vorn dabei sind und studieren. Zum Beispiel zieht Malaika Mihambo ihr Studium durch und bestimmt die Weltspitze. Ich weiß inzwischen, was dazu gehört.

Das sind die deutschen Medaillengewinner der Leichtathletik-WM in Doha

Das sind die deutschen Medaillengewinner der Leichtathletik-WM: Unter anderen Christina Schwanitz, Konstanze Klostermann und Malaika Mihambo holten Edelmetall. Zur Galerie
Das sind die deutschen Medaillengewinner der Leichtathletik-WM: Unter anderen Christina Schwanitz, Konstanze Klostermann und Malaika Mihambo holten Edelmetall. ©

Bereuen Sie es denn?

Nein. Hätte ich es nicht ausprobiert, würde ich mich ärgern. Ich muss mir um meine wirtschaftliche Zukunft Gedanken machen. Leistungssportler können vom Sport nach der aktiven Karriere kaum leben. Deshalb habe ich damit angefangen – aber ich habe die Belastung unterschätzt.

Zumal daheim ihre Zwillinge warten…

Ich bin gut organisiert. Das hilft mir bei meinen Kindern, weil Kinder einen sehr strukturierten Tagesablauf brauchen. Sonst würden die mir schnell aufs Dach steigen. Leider haben meine Kinder aber etwas unter meinem Studium gelitten, weil ich nicht ganz so viel Zeit für sie hatte. Der Akku war leer und die Nerven gespannt. So ehrlich muss ich sein.

Andere bekommen die Kinder nach dem Sport. Wie klappt es denn mit Ihrer aktiven Karriere und der Rolle als Mutter?

Ich kann meinen Sport länger betreiben als beispielweise eine Sprinterin. Da habe ich einen Vorteil. Letztlich sind die Kinder schuld, dass ich wieder so gut bin. Bevor ich schwanger wurde, war ich vom Kopf her leer und dachte ans Aufhören. Ich wollte dann zeigen, dass man auch mit Kindern Leistungssport in hoher Qualität betreiben kann. Das ist durchaus gelungen. Auch wenn eine Goldmedaille bisher fehlt. Die Liebe zu meinen Kindern ist größer als die Liebe zu meinem Sport.

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Bei US-Sprinterin Alyson Felix haben Sponsoren in der Schwangerschaftspause die Verträge gekündigt. Und bei Ihnen?

Genauso – das ist eine Frechheit. Und ich habe nur kurz pausiert. Ich habe im fünften Monat der Schwangerschaft noch den deutschen Meistertitel geholt, insgesamt war ich nur zehn Monate raus. Einige Sponsoren haben dann die Verträge in dieser Zeit eingefroren, weil ich ja keine Leistung gebracht habe. Andere haben ganz gekündigt, als sie erfahren haben, dass ich schwanger war. Bei anderen Verträgen hatte ich die Klausel reingearbeitet, dass eine Schwangerschaft keine Unterbrechung der Zahlungen nach sich zieht. Klar: Die Sponsoren sind nicht verpflichtet, Sportler aufzunehmen und zu bezahlen.

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Fühlen Sie sich nicht ernst genommen?

Nicht wichtig genommen trifft es besser. Die Leichtathletik zeichnet ja eine Vielfalt aus. Wenn eine Frau ein Kind während der aktiven Laufbahn bekommt, ist das unser Problem. Frauen sind das schwächere Glied. Aber das ist ja ein Gesellschaftsproblem: Wir sind nicht auf einer Stufe mit Männern.

Sind Ihre aktuellen Leistungen höher einzuschätzen, als vor der Babypause?

Das will ich so nicht sagen. Aber ich denke, dass ich zumindest gleich stark bin. Ich bin älter und eine Schwangerschaft macht viel mit einem Körper. Ich habe festgestellt, was ein Körper leisten kann. Ich habe mich vorher schon gequält, aber in der Schwangerschaft habe ich gesehen, was noch alles in mir steckt.

Sind Sie inzwischen auch geduldiger geworden?

Nein. Still sitzen? Eineinhalb Stunden einen Film gucken? Das kann ich nicht. Ich muss immer irgendwas tun. Für den Sport ist das aber gut. Ich arbeite so lange, bis ich das bekomme, was ich will.

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Sind Weiten über 20 Meter wieder drin?

In diesem Jahr nicht, so ehrlich muss ich sein. Es kommt immer wieder vor, dass Leute diese Weiten von mir erwarten. Das enttäuscht mich, weil die sich dann nicht mit mir und meiner Saison beschäftigt haben. 19,50 Meter sind mein Anspruch. Die Menschen orientieren sich immer an dem, was mal war. Aber wir sind keine Maschinen. Als ich über 20 gestoßen habe, hat alles gepasst. Das kann man nicht immer erwarten. Das tut mir selbst weh. Ich hoffe, dass 19,50 für eine Medaille reicht.

Sportler werden an Medaillen gemessen.

Falsch, an Gold. Silber und Bronze zählen in unserer Gesellschaft doch schon nichts mehr. Der Zweite ist der erste Verlierer. So wird es vom DOSB und der Politik sogar noch gefördert. Das Denken ist so: Wer nicht die Nummer eins ist, ist nichts wert. Das ist auch in der Wirtschaft so. Der oberste Posten wird am besten bezahlt. Der Depp, der sich kaputt arbeitet, verdient weitaus weniger. Deshalb will immer jeder studieren und nicht mehr eine Lehre machen. Wenn wir nicht aufpassen, wird das Handwerk unbezahlbar.

Was muss sich ändern?

Wir arbeiten im Leistungssport daraufhin, dass nur noch die Elite gefördert wird, der Nachwuchs aber fallen gelassen wird. Das ist ein riesiges Problem. Wie soll man einen jungen Sportler motivieren, zig Jahre hart zu arbeiten, ohne gefördert zu werden? Wir hatten in Deutschland ein Tannenbaumsystem. Es wurde die Breite gefördert, die Trainer und Betreuer bekamen Geld. Das entfällt alles. Trainer- und Sportler-Stellen werden gestrichen, es gibt nur noch acht Kaderplätze, die gefördert werden. Das nächste Problem ist, dass es immer weniger Sportler gibt, die Leistungssport betreiben wollen. Es dankt einem niemand, dass man jahrelang Raubbau an seinem Körper betreibt. Als Angehöriger der Bundeswehr kann ich zwar studieren und bekomme das auch bezahlt. Im Anschluss an die Karriere werde ich trotz langer Dienstzeit aber nicht automatisch übernommen.

Braucht es eine Sportler-Rente?

Die löst die Probleme nicht. Für eine Rente muss man Steuern zahlen. Gehen wir mal davon aus, dass ein Sportler mit 50 nicht mehr arbeiten kann, weil sein Körper so dermaßen kaputt ist. Die Rente wird dann auf den Hartz-IV-Satz angerechnet. Da bleibt wenig bis nichts von der Rente übrig. Leistungssportler, die lange aktiv waren, werden nicht mehr körperlich schwer arbeiten können. Sportler werden vielleicht an der Armutsgrenze leben, obwohl sie mal richtig was fürs Land geleistet haben. Ich plädiere für jenes Modell: Sportler, die eine Medaille für das Land holen, sollten in ihrem Beruf 20 Jahre unkündbar sein. Wenn ich nach meiner aktiven Karriere und dem Studium in den Job einsteige, bin ich 40 und bekomme ein Einstiegsgehalt. Die anderen in meinem Alter bekommen richtig Kohle. Wir werden als Sportler gefördert. Danach fallen wir in ein Loch und müssen bei null anfangen. Das ist das große Problem.