06. April 2021 / 20:44 Uhr

Landessportbund Brandenburg: Wo die meisten Mitglieder verloren gingen

Landessportbund Brandenburg: Wo die meisten Mitglieder verloren gingen

Tobias Gutsche
Märkische Allgemeine Zeitung
Weil Gesundheitssportangebote ausfielen, sank vor allem die Zahl weiblicher Mitglieder. 
Weil Gesundheitssportangebote ausfielen, sank vor allem die Zahl weiblicher Mitglieder.  © Marcus Gansewig/LSB
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Wegen der Coronakrise musste 2020 erstmalig in der Geschichte ein Rückgang verzeichnet werden - vor allem bei Kindern, Frauen über 40 und Behinderten sowie im Osten der Mark. Eine Analyse.

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Erstmalig in seinem 30-jährigen Bestehen hat der Landessportbund Brandenburg (LSB) einen Mitgliederrückgang zu verzeichnen. Laut neuester Statistik waren zum Ende des Corona-Jahres 2020 nur noch 343.752 Aktive in den märkischen Vereinen angemeldet. Das sind fast 11.500 weniger als im Vorjahr, was einem Verlust von 3,22 Prozent entspricht. LSB-Präsident Wolfgang Neubert lobt die Treue der Sportler zu ihren Clubs, waren die Befürchtungen doch größer. Moderat sei der Rückgang, wenngleich jedes Mitglied weniger schmerze, wie auch der Vorstandsvorsitzende Andreas Gerlach sagt. „Die Verluste ergeben sich durch die normalen Austritte und fehlende Eintritte, weil die Angebote nicht da sind wie sonst“, erklärt er. Nur noch 13,6 Prozent der Brandenburger sind Mitglieder in LSB-Vereinen – zuletzt war der Stand 2016 niedriger. Der SPORTBUZZER hat die aktuelle Statistik des Landessportbundes analysiert.

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Bis 14 Jahre: Fast Hälfte des Rückgangs

46,8 Prozent des Mitgliederschwunds entfällt auf den Bereich der Kinder und Jugendlichen bis zu einem Alter von 14 Jahren. Pandemiebedingt meldeten sich deutlich weniger von ihnen in Vereinen an, „uns fehlt dieser wichtige Erstkontakt im Kindesalter“, sagt Gerlach. Verstärkt werde der Verlust in diesem Alterssegment, weil ein Jahrgang in den nächsthöheren aufgerückt sei – ohne den adäquaten Nachschub von unten. Neubert appelliert daher noch mal an die Politik, bei künftigen Pandemie-Maßnahmen besonders rücksichtsvoll an die Jüngsten zu denken.

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Frauenanteil in Vereinen sinkt wieder

4,9 Prozent weniger weibliche Mitglieder hat der LSB – bei den Männern beträgt der Verlust nur 2,2 Prozent. Nachdem Verbände und Vereine in den vergangenen Jahren erfolgreich viele Initiativen betrieben hatten, um den Frauenanteil zu erhöhen, rutschte er jetzt um 0,6 Prozentpunkte auf 37,9 ab. Auch in absoluten Zahlen sind mehr weibliche als männliche Mitglieder weggebrochen – rund 1800. Eine Differenz, die sich vor allem in den Altersbereichen 41 bis 60 Jahre und Ü60 ergibt. Dies ist insbesondere auf den Ausfall von Gesundheits- und Rehasportgruppen in den Vereinen zurückzuführen. „Da sind Frauen besonders stark vertreten“, sagt Gerlach. „Und da ist, wie bei den Jüngsten, der Faktor Vereinstreue nicht so ausgeprägt. Wenn das Angebot nicht da ist, wird die Mitgliedschaft eher nicht fortgeführt.“

Stärkere Verluste in den Städten

2,7 Prozent beträgt durchschnittlich das Mitglieder-Minus bei den 14 Kreissportbünden in Brandenburg. Die vier Stadtsportbünde kommen hingegen auf einen Wert von 4,9. „In den Städten gibt es eher die Großvereine mit den vielfältigen und immer wieder erneuerten Angeboten. Wenn dieses Spektrum schwindet, wirkt sich das deutlicher aus“, erklärt Gerlach. Am mitgliederstärksten ist trotz höherer Verluste weiterhin Potsdam (32.180) vor Potsdam-Mittelmark (30 .017) und Oberhavel (24.889).

Besonders große Rückgänge in drei Regionen

Drei Regionen müssen einen besonders starken prozentualen Mitgliederverlust konstatieren: Frankfurt (Oder) und Oder-Spree (jeweils 8,6 Prozent) sowie Märkisch-Oderland (7,7 Prozent). Im Fall von Oder-Spree hebt Gerlach die Auswirkungen bei der BSG Pneumant Fürstenwalde hervor. Dies sei einer der größten Vereine im Land, mit breitem Angebot, vielfach im Gesundheitssektor. „Pneumant hat allein fast 1000 Mitglieder weniger. Das macht die Hälfte des Rückgangs in dem Kreissportbund aus“, sagt der LSB-Vorstandsvorsitzende. Für Frankfurt und Märkisch-Oderland könne er keine schlüssigen Erklärungen für die überdurchschnittlichen Rückgänge geben.

Positiv: Etliche Verbände sind gewachsen

21 der 57 Landesfachverbände haben voriges Jahr trotz der großen Corona-Sorgen sogar einen Mitgliederzuwachs geschafft. Bei zweien blieb die Zahl unverändert. Sportschießen (163 Mitglieder mehr), Bob- und Schlittensport (149), Basketball (104) und Kickboxen (96) taten sich in absoluten Zahlen positiv hervor. Verhältnismäßig am stärksten wuchsen Bob- und Schlittensport (113,7 Prozent), Cheerleading (4,4 Prozent), Billard (4,0) und American Football (3,7). „Solche Entwicklungen tun in der schwierigen Zeit besonders gut. Es zeigt, dass grundsätzlich die Lust auf Sport weiterhin groß ist“, meint Gerlach. Ganz neu im LSB-Portfolio ist zudem der Frisbee-Verband mit 224 Mitgliedern. Brandenburgs größte Fachverbände sind: Fußball, mit lediglich 326 Mitgliedern weniger als vorher jetzt bei 81.526 Mitgliedern, Handball (12.531) und Turnen (12.413).

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Ein Fünftel weniger Mitglieder beim Behindertensport

3150 Mitglieder weniger sind im Behindertensport gemeldet. Das macht mehr als ein Viertel des gesamten LSB-Rückgangs aus. Um 21 Prozent schrumpfte der Verband und ist nun nur noch viert- statt zweitgrößter in der Sport-Mark. Turnen (972 Mitglieder/7,3 Prozent) verlor ebenfalls viele Aktive. In beiden Fälle liegt die Ursache vor allem im Ausfall der Gesundheitsangebote.

Viele Verbände mit hohen Verlusten

22,1 Prozent beträgt der Mitgliederrückgang im Eissport-Verband – das ist der prozentual größte Verlust. Neben Eissport, Behindertensport und Turnen mussten 17 weitere Verbände besonders starke Rückgänge verbuchen – verhältnismäßig oder/und in absoluten Zahlen. Kampfsportarten wie Ringen (12,5 Prozent weniger), Judo (295 Mitglieder weniger) und Karate (294 Mitglieder/15,1 Prozent) litten unter den in Brandenburg besonders harten Regeln für Hallen-Kontaktsport. Auch Handball (357 Mitglieder), Bodybuilding (283 Mitglieder/15,0 Prozent), Tischtennis (273 Mitglieder) und Leichtathletik (433 Mitglieder) verloren zahlreich.

Sorge vor höheren Mitgliederrückgängen

2021 ist das zweite Corona-Krisenjahr. „Wir wissen nicht, wie sich die Lage entwickelt. Es drohen weitere Mitgliederrückgänge, womöglich dann stärker als jetzt“, sagt Gerlach. „Wir hoffen weiterhin auf die Treue und ein baldiges Ende der Einschränkungen.“ Allerdings, betont er, müsse man sich auf eine schleppende Rückkehr in den Sportbetrieb einstellen. Mit Blick auf das Mitgliederdefizit aus 2020 und den Versuch, dieses wieder auszugleichen, sagt er: „Von null auf 103,22 wird es nicht gehen.“

+++ Mitgliederrückgänge in Kreis- und Stadtsportbünden +++

KSB/SSB // in Prozent // Gesamtzahl

Oder-Spree // 8,6 // 2086
Frankfurt (Oder) // 8,6 // 843
Märkisch-Oderland // 7,7 // 1850
Teltow-Fläming // 4,8 // 1011
Potsdam // 4,4 // 1497
Brandenburg/Havel // 3,9 // 442
Cottbus // 2,9 // 691
Prignitz // 2,6 // 224
Uckermark // 2,5 // 454
Ostprignitz-Ruppin // 2,1 // 288
Barnim // 1,8 // 414
Spree-Neiße // 1,6 // 258
Elbe-Elster // 1,5 // 233
Oberspreewald-Lausitz // 1,3 // 189
Potsdam-Mittelmark // 1,3 // 411
Oberhavel // 1,2 // 297
Dahme-Spreewald // 0,9 // 186
Havelland // 0,3 // 64