08. Oktober 2020 / 14:53 Uhr

Im Interview: Der Landessportbund versteht sich als Dienstleister der Sportvereine

Im Interview: Der Landessportbund versteht sich als Dienstleister der Sportvereine

Carsten Bergmann
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Wollen den Landessportbund reformieren: Michael Koop (rechts) und Michael S. Langer.
Wollen den Landessportbund reformieren: Michael Koop (rechts) und Michael S. Langer. © privat
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Der Landessportbund hat sich in den vergangenen Jahren nicht gerade mit Ruhm bekleckert: Nach internen Machtkämpfen, gespickt von Kampfkandidaturen und Schmutzkampagnen, möchten Michael Koop und Michael S. Langer nun für den Umschwung sorgen. Der SPORTBUZZER hat die beiden Sprecher des Landessportbundes interviewt. 

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Die Sportvereine in Niedersachsen stehen vor großen Aufgaben: Weniger Ehrenamt, viel Bürokratie und zuletzt der Corona-Shutdown. Die Sorgen vor den Aufgaben der Zukunft wachsen. Die Sportbünde und Sportverbände im Land wollen ihre Arbeit daher komplett neu ausrichten, sich mehr als Dienstleister präsentieren.

Michael Koop und Michael S. Langer als Sprecher der Verbände und Sportbünde brechen die alten Strukturen auf, so sehr das auch Trennungsschmerz verursacht. Im Interview sprechen die beiden Funktionäre über Rollenverständnisse, Wertevorstellung – und wieso die Sportlobby in Niedersachsen durch den Landessportbund stärker werden muss.

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Herr Koop, wieso ist es Ihnen wichtig, genau jetzt neue Wege der Zusammenarbeit zu finden?

Koop: Wir müssen uns fragen: Wo sind unsere Schwächen im Land, wo sind unsere Stärken? Wir müssen zusehen, dass wir das, was wir an Kapital haben, auch dort einsetzen, wo es hingehört: nämlich bei und in den Vereinen. Die Sportbünde sind jeder für sich gesetzt – sie sollen aber zusammenarbeiten. Das geht nur auf freiwilliger Basis, ohne Zwang.

Klingt logisch, aber woran ist das bislang gescheitert?

Koop: In manchen Teilen des Landes ist die Zusammenarbeit untereinander gescheitert, weil es menschelt. An anderer Stelle auch aus Gründen der jeweiligen Finanzkraft. Das haben wir am Anfang so nicht erkannt. Wir wollen das System nicht zerschlagen. Wo es gut funktioniert, lassen wir es so. Wo es gar nicht funktioniert, benötigen wir andere Lösungen.

Verbandsarbeit klingt furchtbar theoretisch und bürokratisch. Wieso muss die Wahrnehmung dennoch geschärft werden?

Koop: Wir bilden das ab, was unsere Vereine an Bedürfnissen haben. Wir sind der Katalysator. Wenn sich Sportbünde einig sind, kann man Themen und Entscheidungen durchdrücken. Allerdings müssen wir gemeinsame Wege finden. Durch die gemeinsame Konferenz aller 47 Bünde in Niedersachsen bekommen wir mehr Gehör. Wir kommunizieren viel mehr miteinander und besser.

Herr Langer, Sportbünde und Verbände haben grundsätzlich die gleichen Ziele, stritten sich zuletzt aber immer um das entscheidende Thema: das liebe Geld.

Langer: Die grundsätzliche Debatte, dass der eine dem anderen etwas nicht gönnt, muss endgültig weg. Die gab es zu lange. Zuletzt ist die Kommunikation deutlich besser geworden. So ist auch die neue Zusammensetzung des Präsidiums im Landessportbund gelungen.

Kampfkandidaturen, Schmutzkampagnen – das neue Präsidium des Landessportbundes startete vor zwei Jahren mit ordentlich Getöse.

Langer: Wir müssen uns als Dienstleister der Vereine verstehen, mehr denn je. Es bewegt sich einiges, das ist aber ein langwieriger Prozess. Wir wollten 2018 mit großer Mehrheit die Veränderung. Das hat die Diskussionskultur verändert. Der Austausch untereinander ist seitdem deutlich lebendiger.

Koop: Wir sind in einem Veränderungsprozess. Peu à peu hat man Dinge gemacht, die nicht immer positiv aufgenommen wurden. Diesen Veränderungsprozess kann man nicht aufhalten, er ist gewollt. Alle sollten diesen Prozess gemeinschaftlich begleiten. Das Zeichen muss kommen, dass der LSB den Vereinen zuhört.

Was hat sich denn in den vergangenen zwei Jahren konkret verändert?

Koop: Es hieß immer, dass alle möglichen Richtlinien feststehen und nicht verändert werden können. Das haben wir geändert und vieles auf links gedreht. Um das klar zu betonen: Das ging nur, weil sich Bünde und Verbände umfänglich einig waren und es sind. Dazu sind Eigenleistungen beim Sportstättenbau wieder anrechenbar. Gerade auf dem Land packt man mit an. Diese ganzen Übungsleiter-Stundenzettel sind weg, das waren mehr als zwei Millionen Zettel, ein unglaubliches Bürokratiemonster.

Langer: Wir haben in der neuen Besetzung des Präsidiums mehr Fördergelder als jemals zuvor akquirieren können.

Herr Koop, Sie waren Mitglied des alten Präsidiums, wurden der Kopf des – Sie würden sagen – Umschwungs, andere würden es Putsch nennen.

Koop: Der Austausch des Präsidiums war mit einer Sachentscheidung begründet und nicht mit den Personen. Einige sind mir noch immer böse. Wenn sich aber rund 70 Prozent auf dem Landessporttag für den Wechsel entscheiden, ist das klar die Mehrheit. Da muss ich eigentlich nicht der Einzige sein, der die Prügel abbekommen sollte. Es ist jetzt endgültig an der Zeit, nach vorn zu schauen.

Langer: Mit der Neuordnung der Strukturen hat man uns quasi freien Lauf gegeben, weg von der von vielen wahrgenommenen, vielleicht nur scheinbaren Lethargie. Das hat eine ganze Menge verändert, sicher mit einer Dynamik, die man so nicht gänzlich vorhergesehen hat.

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Und wohin führt diese Dynamik?

Koop: Wir beschäftigen uns mit einer Strategie LSB 2030. Alles wird neu diskutiert. Das wäre unter den früheren Umständen nicht möglich gewesen. Was kommt an der Basis an? Das ist die entscheidende Frage.

Langer: Wir agieren deutlich transparenter, die Leute bekommen mehr mit. Das hat auch Risiken, es knirscht ab und an auch mal. Das gehört dazu. Dieser Weg, sich als Dienstleister für die Vereine zu verstehen, ist eine jetzt wieder neu erlebte Haltung. Kontroverse Diskussionen in so einer Gemengelage halte ich dabei für durchaus normal.

Koop: Wir haben natürlich nicht alles richtig gemacht. Das darf man halt auch nicht erwarten. Man darf aber mittlerweile sagen, was man denkt. Wir bekommen eine deutlich erhöhte Akzeptanz im Land.

Langer: Über Jahre hinweg hatten wir eine totale Fokussierung auf einzelne Personen innerhalb des Präsidiums. Das verändert sich nicht gänzlich von jetzt auf gleich. Das will auch niemand. Nichtsdestotrotz agieren jetzt deutlich mehr Präsidiumsmitglieder.

Mit Vorstandssprecher Reinhard Rawe wurde vom alten Präsidium kurz vor der Neuwahl verlängert, Norbert Engelhardt als Stellvertreter hört in diesem Jahr auf. Die Suche nach dem Nachfolger entwickelte sich zum Machtspiel. Wieso musste es so weit kommen?

Koop: Wir dürfen in der Engelhardt-Nachfolge keinen Schnellschuss wagen und uns unter Druck setzen lassen. Wir reden landesweit über Mitgliederrückgang und müssen überlegen, ob man diese Stellen nicht auch intern besetzen kann. Vielleicht können wir diese Personalie mit Bordmitteln nachbesetzen. Das wäre für mich ein zeitgemäß wirkendes Signal zurück ins Land.

Langer: Das gehört sich für ein Wirtschaftsunternehmen unserer Größenordnung so. Da wir bis jetzt noch keine gemeinsam getragene Lösung gefunden haben, müssen wir sowohl intern als auch extern die Suche verantwortungsbewusst fortsetzen.