30. November 2019 / 07:00 Uhr

Leverkusen-Kapitän Lars Bender über Rat an Kai Havertz, "abartige" Ablösesummen und den Verzicht auf soziale Medien

Leverkusen-Kapitän Lars Bender über Rat an Kai Havertz, "abartige" Ablösesummen und den Verzicht auf soziale Medien

Christian Müller
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Lars Bender spielt bereits seit 2009 bei Bayer Leverkusen. Seit zwei Jahren auch gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Sven.
Lars Bender spielt bereits seit 2009 bei Bayer Leverkusen. Seit zwei Jahren auch gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Sven. © imago images/Jörg Schüler
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Vor dem Spitzenspiel beim FC Bayern spricht Leverkusens Kapitän Lars Bender über Ablösewahnsinn, soziale Medien und seinen Rat an Kai Havertz.

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Im traditionell eher jungen Team von Bayer Leverkusen gehören die Bender-Zwillinge Lars und Sven mit 30 Jahren zu den etablierten Kräften. Kapitän Lars schlägt vor dem Bundesliga-Spitzenspiel beim FC Bayern nachdenkliche Töne an – in Bezug auf sich selbst, das Fußballgeschäft und den umworbenen Kai Havertz.

SPORTBUZZER: Lars Bender, Sie sind gebürtiger Bayer, aber seit mehr als zehn Jahren bei Bayer Leverkusen. Ist der Klub für Sie mittlerweile ein zweites Zuhause?

Lars Bender (30): Ja, wenn man so lange an einem Ort ist, wächst das Verhältnis. Das ist es auch, was mich hier hält. Ich habe viele tolle Menschen kennengelernt, ein super Umfeld aufgebaut, komme jeden Tag mit Freude her.

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Ihr Vertrag läuft bis 2021. Aufgrund Ihrer Verletzungshistorie haben Sie auch an ein vorzeitiges Karriereende gedacht. Ist das noch eine Option?

Ich habe vor der Saison gesagt, dass ich mir in diesem Jahr ein genaues Bild machen möchte, wie viel ich meinem Körper noch abverlangen kann. Klar ist, dass es unter den Bedingungen und Problemen der vergangenen Jahre keinen Spaß macht. Was dir letztlich Erfüllung gibt, sind die Momente auf dem Platz, die Erlebnisse mit den Jungs, Erfolge zu feiern – mit den Fans. Wenn dir das immer wieder genommen wird, nagt das an dir und fügt nicht nur körperliche Schmerzen zu, sondern auch im Inneren.

Sie sagten mal: „Wenn Verletzungen immer wieder auftreten, kannst du im Kopf nicht bei hundert Prozent sein.“

Ich definiere mein Lebensglück mittlerweile nicht mehr über den Fußball, sondern über Familie, Frau, Kind, Freunde. Da holst du dir in schwierigen Phasen immer wieder Energie und Spaß zurück. Aber man muss die mentale Komponente berücksichtigen. Und da muss man ehrlich sagen, das ist dein eigenes Bier. Was das Körperliche angeht, kommst du schnell wieder auf 100 Prozent. Manchmal stehst du aber schon wieder auf dem Platz, weil du körperlich bereit bist, obwohl du mental noch hinterher hinkst.

Bayer-Kapitän Lars Bender im Gespräch mit SPORTBUZZER-Redakteur Christian Müller
Bayer-Kapitän Lars Bender im Gespräch mit SPORTBUZZER-Redakteur Christian Müller © Bayer04
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Hinkt der Fußball insgesamt hinterher, was die mentale Unterstützung der Spieler angeht?

Es gibt Leute, die tangieren gewisse Dinge überhaupt nicht. Andere sind sehr bei sich, machen sich über alles Gedanken. Denen muss man ganz anders unter die Arme greifen. Für die, die wirklich Hilfe benötigen, hinken wir noch hinterher. Aber es gibt eben auch die Gegenbeispiele. Spieler, die fünf Minuten nach dem Schlusspfiff vom Parkplatz fahren – und die Gedanken sind weg.

Sie sind seit 2015 Kapitän. Wie viel Einfluss können Sie nehmen, wenn Sie so häufig verletzt sind?

Das ist auch ein Punkt, der mich oft belastet hat. Denn ich versuche immer, Verantwortung zu übernehmen. Das raubt dir sehr viel Energie und Substanz. Teilweise habe ich mich sogar verantwortlicher gefühlt, wenn ich nicht eingreifen konnte.

Haben Sie Trainer Peter Bosz angeboten, das Amt abzugeben?

Nein, aber es gab ein offenes Gespräch mit ihm darüber, was meine Gedankengänge sind.

"Kai Havertz ist eine Ausnahme"

Wie hat sich die Rolle der jungen Spieler seit 2009 verändert?

Sie müssen sich mit ganz anderen Dingen beschäftigen. Das betrifft die Medien allgemein. Klar forcieren sie auch einiges mit ihren eigenen Plattformen. Auf der anderen Seite bringt ihnen das einen gewissen Mehrwert, übt aber auch Druck aus. Meiner Meinung nach wollen viele junge Akteure heute schnell zu viel – auch bedingt durch diese Dinge, durch sehr hohe Erwartungen von außen. Es gibt keine Anpassungsphase mehr. Man kann aber nicht erwarten, dass es innerhalb von sechs oder zwölf Monaten gleich zu großen Explosionen kommt. Das gibt es auch, wie bei Kai Havertz, aber das sind Ausnahmen.

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Was würden Sie Havertz, der wohl zu jedem Klub wechseln könnte, raten?

Das gleiche wie Julian Brandt vergangene Saison: Er soll sich so lange es geht davon frei machen. Und wenn der Zeitpunkt da ist, soll er einen Entschluss fällen und daran nicht mehr rütteln.

Als Sie 2009 als 20-Jähriger von 1860 München nach Leverkusen kamen, kosteten Sie 2,5 Millionen Euro Ablöse. Wundern Sie sich über die heutigen Beträge?

Ja, klar. Der Markt hat sich so entwickelt. Als Paul Pogba zu Manchester United gewechselt ist, hieß es, solche Summen über 100 Millionen Euro gab es noch nie und sie werden künftig auch nicht mehr aufgerufen. Gefühlt kommen sie jetzt jedes Jahr bei allen Spitzenklubs vor. Aber klar ist das in irgendeiner Form abartig.

"Vieles in den sozialen Medien besteht nur aus Floskeln"

Ihr Zwillingsbruder Sven und Sie verzichten auf Profile in den sozialen Medien. Warum eigentlich?

Es interessiert uns wirklich nicht. Wir haben es ein paar Monate lang mal probiert. Aber im Endeffekt hat es uns in unserer Meinung bestätigt. Man sieht da nur den Fußballer und die öffentliche Person, aber nicht den Menschen. Vieles in den sozialen Medien besteht doch nur aus Floskeln. Die unverstellte eigene Meinung kannst du dort nicht wirklich präsentieren, weil du immer irgendjemandem auf den Schlips treten würdest. Und unsere Meinung müssen wir ja auch nicht jedem auf die Nase binden, dieses Sendungsbedürfnis haben wir nicht.

Bosz bevorzugt technisch geprägten Offensivfußball. Ihr Bruder und Sie stehen eher für die „raue Klinge“. Braucht jedes Team solche Typen?

„Raue Klinge“ ist immer ein bisschen aggressiv dargestellt. Wir sind giftige Jungs, lauffreudig und zweikampfstark, aber wir spielen selten Foul. Wir wollen Bälle erobern, weil Balleroberungen etwas bewirken und beim Gegner Unordnung schaffen. Aber auch unter Trainern, die für technisch hochwertigen Fußball stehen, haben wir immer gespielt. Ich glaube, wir vereinen einiges. Wir sehen uns als Energiegeber in einer Mann­schaft.

Fordert der Trainer das von Ihnen beiden explizit ein?

Nein, denn er weiß, dass wir das tun. Und wir verlangen das von uns selbst. Wir laufen nicht mit offenen Schuhen herum und halten den Ball noch drei, vier Mal hoch. Bei uns ist das Ding schon festgeschnürt und auf Spannung. Das sind wir.

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