04. August 2021 / 09:05 Uhr

Lars Klingbeil im #GABFAF-Interview: "Im Fußball geht gerade viel kaputt"

Lars Klingbeil im #GABFAF-Interview: "Im Fußball geht gerade viel kaputt"

Constantin Paschertz
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Lars Klingbeil (links) im #GABFAF-Interview auf der Trainerbank des SV Munster. 
Lars Klingbeil (links) im #GABFAF-Interview auf der Trainerbank des SV Munster.  © Chantal Ranke
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SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil über seine Erinnerungen an den Amateurfußball, Profis als Identifikationsfiguren, zu wenige Frauen im Fußball und die Frage, ob der Bund mehr Geld für Sportplatz-Sanierungen ausgeben sollte.

Dieser Artikel ist Teil der Amateurfußball-Initiative #GABFAF. Weitere Informationen auf gabfaf.de.

SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil hat eine Vergangenheit im Amateurfußball. Als Bundestagsabgeordneter war er Mitglied der Taskforce Profifußball. Wie gut passen diese beiden Welten noch zusammen? Was muss sich beim DFB ändern? Und wie kann und soll die Bundespolitik den Amateurklubs helfen?

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Herr Klingbeil, wir sprechen auf dem Platz Ihres Heimatklubs SV Munster. Was verbinden Sie mit diesem Ort?

Lars Klingbeil: Ich habe vier Jahre lang in meiner Jugend hier als Torwart gespielt, wenn auch nicht besonders erfolgreich. Aber man lernt eben vieles: soziales Verhalten, Organisation und Zusammenhalt zum Beispiel. Das sind Dinge, die ich bis heute beibehalte, auch wenn ich damals schnell gelernt habe, dass ich kein besonders erfolgreicher Fußballer sein werde. Mit dem Verein bin ich aber auch durch meine Tätigkeit als Bundestagsabgeordneter eng verbunden.

Gibt es eine konkrete Erinnerung, die Ihnen jetzt präsent ist?

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Es gibt tatsächlich eine Sache, die hat sich regelrecht eingebrannt. Wir hatten mal ein Auswärtsspiel auf einem Berg, wo es hinter meinem Tor einfach nach unten ging. Ich musste jedes Mal, wenn der Ball vorbeiging, da runter. Das hat mich irgendwann so fundamental genervt, dass ich gesagt habe: ‘Jetzt habe ich keinen Bock mehr.’ An Siege kann ich mich tatsächlich überhaupt nicht erinnern. Aber wir hatten einen starken Zusammenhalt. Das war das wichtigste damals. Der Erfolg war nebensächlich.

Welche Rolle spielt der Fußball in Ihrem Alltag?

Ich bin leidenschaftlicher Bayern-München-Fan und schaue natürlich, wenn es der Job hergibt, alle Spiele. Vor allem durch meine Mitgliedschaft in der DFL-Taskforce “Zukunft des Profifußball” hatte ich jetzt auch viele professionelle Fußball-Berührungspunkte. Ich habe den Kontakt zu den Klubs hier in der Region gesucht – Werder Bremen, dem HSV oder auch St. Pauli. Ich war aber auch mit Amateurvereinen in Kontakt, habe ihre Sicht auf den Profifußball erfragt und kenne auch viele, die hier vor Ort das Bild prägen.

Welche Baustellen sehen Sie im Amateurfußball?

Bei mir war damals noch klar: Jeder Junge probiert mal Fußball aus. Heute haben junge Menschen andere Interessen. Nicht alle bekommen Fußball oder Sport von den Eltern vermittelt, und auch nicht alle Schulen führen an den Vereins-Sport heran. Die Basis geht ein Stück weit verloren. Und es geht auch um Vorbilder wie bei mir damals Mehmet Scholl oder Oli Kahn. Inwieweit identifiziert man sich noch mit einem Franck Ribéry, der sein goldenes Steak isst, oder mit einem Aubameyang, der überall in seinem Ferrari vorfährt? Es geht gerade viel kaputt, weil der Profifußball abgehoben auftritt und immer stärker kommerzialisiert wird.

Sie haben genau diese Schere und die mangelnde Identifikation schon zu unterschiedlichen Anlässen angeprangert. Wie kann man dem beikommen?

Wir haben in der Taskforce viele gute Dinge auf den Weg gebracht, die müssen jetzt auch umgesetzt werden. Positiv war, dass sich der FC Bayern und der BVB aus der Super League herausgehalten haben. Dass man da ein klares Zeichen gegen das Geld gesetzt hat. Es gibt aber auch anderes: Dass zum Beispiel Champions-League-Spiele zu Pandemiezeiten nach Budapest verlegt werden. Das geht nicht. Da fehlt es an Feinfühligkeit, die der Profifußball eigentlich haben sollte. Das kann sich nur bessern, wenn der Fußball wieder beginnt, Werte von Fairness oder Zusammenhalt vorzuleben. Ein Positivbeispiel ist Leon Goretzka, der in der Öffentlichkeit klar Stellung gegen Nazis, Rassismus und Antisemitismus bezieht und sich mit Holocaust-Überlebenden trifft. Er spielt für Deutschland und will einfach nicht, dass hier die falschen Werte Einzug halten und vorgelebt werden. Es gibt zu wenig Fußballer mit Haltung, die die Menschen begeistern.

Der Amateurfußball verdient Respekt: Lars Klingbeil unterstützt die Kernaussage der #GABFAF-Initiative.
"Der Amateurfußball verdient Respekt": Lars Klingbeil unterstützt die Kernaussage der #GABFAF-Initiative. © Chantal Ranke

Im Amateurfußball gibt es viele marode und in die Jahre gekommene Vereinsheime und Plätze. Was kann die Politik tun, um da den Zerfall zu stoppen?

In der Bundespolitik haben wir zum achten Mal ein Programm zur Sportstättensanierung aufgestellt. Der Bund bezahlt also diese Sanierungen. Ich finde gerade der muss aber noch stärker in die Investitionen einsteigen. Bei jedem sanierten Sportplatz geht es ja nicht um ein „nice to have“, sondern darum, dass junge Menschen Zusammenhalt lernen, Verantwortung übernehmen und sich fit halten.


Sie und die Taskforce haben konkret eine Regulierung von Spielerberatern, die stärkere Repräsentanz von Frauen in Vorständen und die stärkere Einbeziehung der Fans gefordert. Sehen Sie da schon erste Regungen?

Was ich weiß ist, dass das alles im DFL-Präsidium diskutiert wird und es jetzt Strukturen gibt, wo diese Dinge aufgenommen werden. Es ist aber zu früh, das zu bewerten. Bei mir wächst auch eine Ungeduld und der DFB macht gerade sehr viel kaputt von dem, was da beraten wurde.

"Im DFB-Magazin sind auf 180 von 200 Fotos Männer."

Wie bewerten Sie die Entwicklungen beim DFB?

Ich fand den Vorstoß der Frauen um Katja Kraus (ehemalige Nationalspielerin, Anm. d. Red.), die mit mir in der Taskforce saß, und Bibiana Steinhaus-Webb sehr gut. Ich finde, Frauen gehören in Führungspositionen. Und dem Fußball würde das auch ganz gut tun. Wenn ich mir ein DFB-Magazin angucke, sind auf 180 von 200 Fotos Männer. Wir reden überall davon, Frauen stärker in Position zu bringen, im Fußball sind aber die allerwenigsten Posten mit Frauen besetzt. Es wird aber nicht nur um die Köpfe gehen. Das Mindset des DFB wird wichtig sein. Mit welchen Inhalten und Konzepten will man an junge Menschen wieder ran, dem Amateurfußball wieder näherkommen und ihn stärken?

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Im Fokus der Taskforce stand allerdings der Profifußball, oder?

Ja, das habe ich auch oft kritisiert und bei jeder Gelegenheit darauf hingewiesen, dass der Profifußball nur funktionieren kann, wenn der Amateurfußball da ist. Da sind auch Vereine wie Werder Bremen wichtig. Der Klub ist hier stark verankert, ist in den Schulen und in sozialen Projekten präsent. Sowas gibt es nur ganz selten in dem Ausmaß. Ich könnte mir vorstellen, dass sowas bei der Verteilung der TV-Gelder mal eine stärkere Rolle spielt.

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