28. Mai 2019 / 16:33 Uhr

Lars Ricken exklusiv über das Champions-League-Finale 1997: "Ich war wie im Rausch"

Lars Ricken exklusiv über das Champions-League-Finale 1997: "Ich war wie im Rausch"

Stefan Döring
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Sein größter Moment: Lars Ricken trifft zum BVB-Champions-League-Sieg
Sein größter Moment: Lars Ricken trifft zum BVB-Champions-League-Sieg © dpa
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Der 28. Mai 1997 im Münchner Olympiastadion: Borussia Dortmund spielt im Champions-League-Finale gegen Juventus Turin.Nur zehn Sekunden nach seiner Einwechslung macht der damals 20 Jahre alte Lars Ricken alles klar – mit einem Heber! Lest hier das Interview, das im SPORTBUZZER im Jahr 2017 veröffentlicht wurde.

Der 28. Mai 1997 im Münchner Olympiastadion: Borussia Dortmund spielt im Champions-League-Finale gegen Juventus Turin. Nur zehn Sekunden nach seiner Einwechslung macht der damals 20 Jahre alte Lars Ricken alles klar – mit einem Heber! Hier erinnert sich der heutige Nachwuchskoordinator von Borussia Dortmund an den Moment des Glücks.

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Anmerkung: Dieses Interview wurde bereits am 1. Juni 2017 im SPORTBUZZER veröffentlicht. Anlässlich seines Treffers vor genau 22 Jahren hier das Gespräch mit der BVB-Legende!

Herr Ricken, die 71. Minute im Champions-League-Finale 1997 – Sie sind erst zehn Sekunden auf dem Feld, da schießen Sie das 3:1 für Borussia Dortmund. In der Sekunde, in der der Ball Ihren Fuß verlässt, ...

... war mir klar, dass ich ihn gut getroffen habe und er wahrscheinlich reingeht. Den Flug des Balles habe ich trotzdem wie in Zeitlupe wahrgenommen und gehofft, dass er passt. Gefühlt war es also keine Sekunde, sondern eine halbe Ewigkeit. Wie ich danach gejubelt habe, kenne ich nur von den TV-Bildern. Ich war wie im Rausch, als der Ball einschlug.

Angelo Peruzzi, Juventus Turins Torwart, steht zu weit vor seinem Tor, Kommentator Marcel Reif brüllt: „Ricken, lupfen jetzt!“ Und Sie machen das tatsächlich!

Ich glaube nicht, dass es ein Anflug von Intuition oder genialer Kreativität war. Ich habe 70 Minuten auf der Bank gesessen und konnte sehen, dass Peruzzi immer zu weit vor seinem Tor stand. Es gab kurz vor der Pause eine Situation, in der er 30 Meter vor dem Tor stand. Da habe ich mir geschworen: Wenn ich reinkomme, knalle ich sofort aufs Tor. Als Andreas Möller mir den Pass in die Tiefe spielt, gab es für mich nur diese Option. Ich hatte Glück. Aber im Training habe ich das permanent geübt. Den ersten Schuss habe ich mit rechts, den zweiten mit links genommen und den dritten gelupft. In diesem einen Moment habe ich das gemacht, was ich gelernt habe – auch wenn es die Schusstechnik nicht in ein Lehrbuch schaffen würde.


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BVB-Legende Lars Ricken: "Je wichtiger die Spiele wurden, desto ruhiger war ich"

Wie viel Wut steckte in diesem Schuss? Immerhin saßen Sie bis zur 70. Minute auf der Bank, obwohl Sie in den vorherigen Runden schon entscheidende Tore geschossen hatten.

Ich war nicht wütend. Ottmar Hitzfeld hat mir trotz des Bankplatzes das Gefühl gegeben, dass ich gebraucht werde. Natürlich war ich nicht begeistert, dass ich trotz meiner Tore im Viertel- und Halbfinale nur auf der Bank sitzen sollte. Ich habe aber damit gerechnet, dass ich irgendwann ins Spiel kommen werde und meinen Teil dazu beitragen kann, dass wir gewinnen.

Ein erstaunliches Selbstvertrauen für einen 20-Jährigen in einem Team voller Weltstars.

Das liegt in meiner Natur. Je wichtiger die Spiele wurden, desto ruhiger war ich. Ich habe in den Jahren zuvor schon entscheidende Tore in wichtigen Spielen geschossen. Das Tor zur Meisterschaft 1995, die Treffer gegen La Coruña 1994 oder in Manchester 1997. Ich hatte mir den Ruf erworben, der Mann für entscheidende Tore zu sein. Im Champions-League-Finale 1997 gab es noch die Golden-Goal-Regel. Jürgen Kohler hatte damals gesagt: „Wenn jemand das Tor schießen kann, ist es eh Lars.“ Dieses Selbstvertrauen hatte ich in mir. Als wir damals zum Halbfinale nach Manchester geflogen sind, war unser damaliger Manager Michael Meier nervös. Ich habe ihm am Flughafen gesagt, er solle sich keine Gedanken machen, ich treffe schon.

Gesagt, getan. Vor diesem Hintergrund erscheint es erstaunlich, dass die Juventus-Abwehr Sie aus den Augen ließ.

Juventus war durch das Anschlusstor von Alessandro Del Piero euphorisiert und hat alles nach vorn geworfen. Der Linksverteidiger Mark Iuliano hat sich von mir gelöst und Andreas Möller angegriffen – heute würde man sagen, er hat offensiv verteidigt. Allerdings kam er zu spät und Andi hat das sofort erkannt und einen herausragenden Pass auf mich gespielt. Ein Teil des Tores geht auf sein Konto.

Ricken 20 Jahre nach Jahrhunderttor: „Das war mein Moment“

Ricken: "Dass mein Tor zum Jahrhunderttor dieses Vereins gewählt wurde, hat mich emotional sehr berührt"

Ihr Treffer aus dem Finale wurde im Jahr 2009 von den BVB-Fans zum Jahrhunderttor gewählt.

Das erfüllt mich mit Stolz! Borussia Dortmund war nicht nur eine Episode für mich. Ich bin in der Stadt geboren, habe als Jugendlicher auf der Südtribüne gestanden, bin mit 15 Jahren zum BVB gekommen und habe meine ganze Karriere in Dortmund gespielt. Dass mein Tor zum Jahrhunderttor dieses Vereins gewählt wurde, hat mich emotional sehr berührt. Die Ehrung fand damals in der Westfalenhalle während der Gala zum 100. Geburtstag des BVB statt. Als ich die Bühne betrat, sind alle aufgestanden und haben „Wir sind alle Dortmunder Jungs“ gesungen. Ich musste mich sehr zusammenreißen, dass ich ein, zwei Sätze geradeheraus sagen konnte. Das war der Moment, in dem ich mit meiner Karriere abgeschlossen habe, die ich 2008 beendet hatte. Als ich angefangen habe, für den BVB zu spielen, habe ich davon geträumt, dass von mir etwas bleibt. Das ist mir mit dem Tor gelungen.

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Sie haben ausgerechnet in München, im Stadion des großen Konkurrenten FC Bayern, den Champions-League-Titel gewonnen. Ihre Kabine war die des Rekordmeisters. War dies eine Genugtuung für Sie?

Ich habe in meiner Karriere nicht einmal in München gegen den FC Bayern gewinnen können. Trotzdem habe ich im Olympiastadion meine größten Erfolge gefeiert. 1996 sind wir mit einem 2:2 gegen 1860 München Meister geworden, 1997 haben wir die Champions League gewonnen und in der Bayern-Kabine gefeiert.

Wie war die Party?

Ich muss gestehen, dass es sich schon einigermaßen beruhigt hatte, nachdem ich meinen Interviewmarathon absolviert hatte. Nach dem Empfang im Hotel sind wir alle in die Disco P1 gefahren. Drin war ich allerdings nicht, weil ich mit den Mitgliedern der Punkband Die Ärzte befreundet war. Mit denen habe ich an diesem Abend vor dem P1 Bier getrunken. Die Feier am nächsten Tag in Dortmund war sensationell. Das schwarz-gelbe Fahnenmeer – unglaublich. Das sind die Momente, in denen man merkt, was man den Menschen mit einem gewonnenen Fußballspiel geben kann.

Borussia Dortmund feiert den Champion-League-Titel
Borussia Dortmund feiert den Champion-League-Titel © dpa

BVB-Fans wissen heute noch ganz genau, wo sie an diesem legendären Abend 1997 waren.

Die erzählen mir das immer, und ich muss schmunzeln. Die Klassiker: Der eine hat das Tor verpasst, weil er auf der Toilette war; ein anderer war Bier holen; ein anderer hat mich in der Sekunde des Schusses massiv beschimpft, weil er nicht verstanden hat, warum ich nicht ins Dribbling gegangen bin. Irgendjemand hat sich am Tag vorher zwei Wellensittiche gekauft und sie dann nach dem Spiel Kalle (Karl-Heinz Riedle schoss die ersten beiden BVB-Tore – d. Red.) und Lars genannt. Die schönste Geschichte: Auf dem Friedensplatz in Dortmund fallen sich nach meinem Tor zwei wildfremde Menschen um den Hals, verlieben sich, heiraten, bekommen ein Kind und nennen es Lars.