13. Januar 2017 / 19:21 Uhr

Lars Stindl exklusiv im Interview: "Es ist schwieriger als Profi geworden!"

Lars Stindl exklusiv im Interview: "Es ist schwieriger als Profi geworden!"

Robert Hiersemann
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Lars Stindl will Borussia Möchengladbach wieder aus dem Tabellenkeller führen.
Lars Stindl will Borussia Möchengladbach wieder aus dem Tabellenkeller führen.
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Der Kapitän von Borussia Mönchengladbach über seinen neuen Trainer Dieter Hecking, Anfeindungen in den sozialen Medien und mit einer klaren Meinung zur Mammut-WM ab 2026.

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Herr Stindl, was sind die krassesten Unterschiede zwischen Ihrem neuen Trainer Dieter Hecking und seinem Vorgänger André Schubert, der im Dezember gehen musste?

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Dieter Hecking ist schon extrem lange in der Bundesliga. Seine Erfahrung ist enorm. Das merkt man direkt. Herr Hecking versucht unseren Negativtrend aus der Hinrunde (Platz 14, d. Red.) zu beenden, dafür führt er mit uns Spielern gleich zum Start viele Einzelgespräche. Borussia durchzieht gerade einen Wandel. Die Stimmung im Team steigt wieder, im Training ist wieder mehr Zug drin. Das war in den letzten Partien aufgrund der schlechten Ergebnisse nicht mehr so.

Sie als Kapitän haben gleich als Erstes ein Einzelgespräch mit Herrn Hecking gehabt. Worum ging es genau?

Wir haben vor seinem Start bei Borussia telefoniert, wir kannten uns persönlich noch nicht. Er hat sich bei mir über den Verein und die Mannschaft informiert, fragte, was meine Erfahrungen mit Borussia Mönchengladbach in den vergangenen anderthalb Jahren waren. Ich habe ihm gesagt, dass er sich auf eine tolle Mannschaft freuen kann und wir richtig heiß sind, wieder in die Liga zu starten.

Ihr Chef Max Eberl würde mit Borussia gerne einen Titel holen. Wann erfüllen Sie ihm diesen Wunsch?

Der schnellste Weg geht über Berlin. DFB-Pokal. Wir haben eine gute Mannschaft, es ist möglich. Ich sehe uns nicht schlechter als viele andere Mannschaften, die schon mal im Finale standen (im Achtelfinale trifft Gladbach am 7. Februar auf Greuther Fürth, d. Red.).

Die Borussia startet nach der Pause am 21. Januar auswärts gegen kampfstarke Darmstädter. Gibt es für Ihren Klub dann auf die Socken oder ist das Ziel, selbst auszuteilen?

Wir halten in Darmstadt voll dagegen. Torsten Frings ist jetzt der Trainer dort. Frings hat viel vor, ist ein Kämpfer. Die ersten Ansagen von ihm lassen erahnen, was er mit Darmstadt vorhat. Es geht wieder voll um den Kampf. Ich bin mir sicher: Das Böllenfalltor wird brennen. Aber auch wir legen aktuell an Aggressivität zu, weil der Trainer genau das verlangt.

"Es wird aktuell zu viel im Fußball, so wie wir ihn kennen, rumgewerkelt. Reformen wie eine Fußball-WM mit 48 Teams werde ich als Spieler wohl nicht mehr erleben. Und da sage ich: Gott sei Dank."

Mal etwas anderes: Stadion oder Kreisligaplatz. Was ist Ihnen persönlich lieber?

Beides ist mein Ding. Meine Idealvorstellung ist, Samstagmittag ins Stadion zu gehen und Sonntag den Kumpels auf dem Kreisligaplatz zuzuschauen. Das mache ich auch heute noch immer wieder mal. Bei meinem Heimatverein stehe ich, wenn es die Zeit zulässt, gerne mal am Spielfeldrand.

Ungewöhnlich für einen Profifußballer.

Es ist mir halt wichtig, am Montagmorgen die Ergebnisse meiner alten Kumpels zu checken. Ob Kreisliga oder Landesliga. Egal. Inzwischen spielen sie fast alle in unterschiedlichen Vereinen. Da muss ich mich am Montag immer erst mal durch die ganzen Ligen suchen (lacht).

Stacheln Sie sich mit Ihren alten Jungs per Whatsapp auch an?

Klar! „Den hättest du auch mal machen können, Lars!“ – Das höre ich schon ab und zu von den Jungs. Aber wenn ich dann ihr Spiel gesehen habe, gebe ich das gerne auch zurück (lacht).

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Sie sind nicht nur Profifußballer, sondern auch richtiger Fußballfan. Schließen wir den Borussia-Park mal aus. Welches ist für Sie das spektakulärste Stadion, in dem Sie je waren?

Ganz klar: das Stadion von Celtic Glasgow. Das war geil, als wir dort gespielt haben (2:0 in der Champions League, aus der Gladbach als Gruppendritter im Dezember ausgeschieden war, d. Red.). Du stehst im Stadion von Celtic als Spieler, schaust die Ränge hoch und denkst, die haben hier alle eine Macke – im positiven Sinne natürlich. Die sind dort alle verrückt. Auf der Reservebank klatscht man als Spieler mit den Fans auf der Tribüne ab, wünscht sich ein gutes Spiel und verabschiedet sich am Ende auch noch von ihnen. Wahnsinn.

Eine schöne Ausnahme, aber allgemein wird der Profifußball immer verrückter. Immer mehr Mega-Angebote für Fußballer aus China, Social-Media-Anfeindungen bei schlechten Ergebnissen. Kann man als Fußballer heute überhaupt noch Fan vom aktuellen Profifußball sein?

Grundsätzlich ja. Jeder, der Fußballprofi ist, war früher Fan vom Fußball. Aber es wird aktuell zu viel im Fußball, so wie wir ihn kennen, rumgewerkelt. Reformen wie eine Fußball-WM mit 48 Teams werde ich als Spieler wohl nicht mehr erleben. Und da sage ich: Gott sei Dank.

"Das Thema Social Media finde ich schwierig."

Wie meinen Sie das?

Ich fand die Begeisterung um die Isländer bei der EM in Frankreich sensationell, dennoch glaube ich, dass eine Gefahr besteht, den Fußball durch zu viele Teams zu überreizen. Es wird bei einer WM mit 48 Teams Spiele geben, wo es zu klar, zu deutlich vom Ergebnis her wird. 

Was nervt Sie heutzutage so richtig am Fußball?

Ich liebe den Fußball, es macht Spaß, jede Woche in großen ausverkauften Stadien zu spielen. Aber beispielsweise das Thema Social Media finde ich, da spreche ich nur für mich, schwierig.

Inwiefern?

Jeder kann so viel preisgeben im Internet, wie er mag. Ich habe nur einen offiziellen Kanal, und zwar auf Twitter. Das finde ich sinnvoll, weil ich mir dort die Möglichkeit erhalte, Dinge klarzustellen. Beispielsweise habe ich den Wechsel zu Borussia über meinen Twitter-Kanal bekannt gegeben. Ich wollte es persönlich erklären.

Warum machen Sie das nicht via Facebook?

Das gibt es einen riesigen Unterschied zwischen beiden Plattformen. Ich habe das Gefühl, dass es bei Facebook viel mehr negative Kommentare gibt.

Borussia-Vizepräsident Rainer Bonhof sagte vor Kurzem, dass er heute kein Fußballprofi mehr sein wollte. Verstehen Sie das?

Es ist schwieriger als Profi geworden. Das Interesse an uns Fußballern ist noch viel größer geworden. Aber ich bin sehr gerne Profi. 

Sie sind inzwischen Kapitän der Borussia. Haben Sie Tipps für junge Kollegen zum Umgang mit der Öffentlichkeit und dem Druck, den zweifellos jeder Fußballer hat?

Du darfst als Fußballer dein Privatleben nicht von dem sportlichen Erfolg im Job abhängig machen. Das ist sehr wichtig. Das war bei mir früher extrem. Da habe ich mir Freunde zum Wochenende eingeladen. Wenn ich dann vom Spiel kam und verloren hatte, versaute ich die Stimmung. Das geht einfach nicht. Das muss man aber als Fußballer erst lernen.

Sie haben lange für Hannover 96 gespielt. Verfolgen Sie aktuell den Höhenflug Ihres Ex-Klubs?

Na klar. Das verfolge ich alles auf Twitter. Beim Auswärtsspiel in Düsseldorf habe ich die Jungs im Hotel besucht, schaue mir viele 96-Spiele an. Ich wünsche den Jungs den Aufstieg! Alleine schon um, meine Bilanz als Gegner in Hannover im Stadion zu verbessern in der kommenden Saison – wir haben mit Borussia dort nämlich verloren.