12. Juli 2021 / 09:31 Uhr

"LE in Tokio": Annekatrin Thiele – Eine kleine Ruderin beißt sich durch

"LE in Tokio": Annekatrin Thiele – Eine kleine Ruderin beißt sich durch

Kerstin Förster
Leipziger Volkszeitung
SC DHfK Leipzigs Ruderin Annekatrin Thiele steht vor ihrer vierten Olympiateilnahme.
SC DHfK Leipzigs Ruderin Annekatrin Thiele steht vor ihrer vierten Olympiateilnahme. © Christian Modla
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Für Annekatrin Thiele ist es die vierte Olympiateilnahme. Drei Medaillen hat die Leipziger Ruderin bereits. Bronze würde den olympischen Medaillensatz des DHfK-Aushängeschilds komplettieren. Außerdem wartet unter Umständen eine besondere Premiere auf die 36-Jährige. Sie ist eine der möglichen deutschen Fahnenträgerinnen.

Leipzig. Wenn das deutsche Olympia-Team am 23. Juli in das Olympiastadion in Tokio einläuft, sollen eine Athletin und ein Athlet gemeinsam die Fahne tragen. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat einen Kreis von Kandidatinnen und Kandidaten zusammengestellt. Eine davon: die Leipzigerin Annekatrin Thiele. Bis zum 22. Juli kann abgestimmt werden, wer schlussendlich mit der Flagge einlaufen darf (hier geht es zur Abstimmung).

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Für Thiele wäre das eine echte Premiere. Das finale Programm im heimischen Ruder-Revier vor der Abreise nach Japan war randvoll. Für die Ausnahmeathletin des SC DHfK, die ihren vierten Olympischen Spielen entgegensieht, bedeutete dies: Termine, Termine, Termine zwischen den Einheiten auf dem Elster-Saale-Kanal in Burghausen. Dort traf sich der SPORTBUZZER mit der 36-Jährigen und ihrer langjährigen Trainerin Angelika Noack (68).

Wo sind die größten Chancen?

„Ein bisschen Stress“, umreißt die Olympiasiegerin von 2016 lächelnd ihre Gefühlswelt. Es spielt viel mit hinein, auch die Gedanken, wie alles begann mit ihrer einzigartigen Karriere. Nicht spektakulär, als die in Sangerhausen geborene Annekatrin Thiele 2001 bei einer Junioren-Regatta in Brandenburg die Konkurrenz überraschte.

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Mit 1,73 Meter war sie zu klein fürs Rudern auf hohem Level. Doch Angelika Noack, die 1980 Olympiagold holte, wollte die junge Sportlerin zum Probetraining in Leipzig sehen. „Ich habe nachdrücklich dafür gekämpft“, erinnert sich die heutige SC-DHfK-Vizepräsidentin, die Annekatrin seit 20 Jahren betreut und meint: „Sie ist für mich wie eine Tochter.“ Anne nennt ihre Trainerin respektvoll-freundschaftlich „Chefin“, obwohl Frau Noack der Sportlerin nach der Silbermedaille 2012 in London das Du angeboten hatte.

Nach der intensiven Testwoche in LE wusste die Trainerin, dass das Talent Anne gute Voraussetzungen für den schwierigen Weg nach oben mitbringt. „Sie hat alles ohne Murren und mit Spaß am Sport gemacht – das hat mich beeindruckt“, weiß Angelika Noack die nie nachlassenden Kämpferqualitäten ihres Schützlings zu schätzen. Willensstark, anpackend und hilfsbereit seien die gewinnbringenden Eigenschaften der siebenfachen deutschen Einer-Meisterin. „Manchmal“, so Coach Noack, „musste ich Anne bremsen, wenn sie mehr wollte als angedacht“. Beispielsweise während der Ausbildung bei der Bundespolizei. Nach der Nachtschicht fand es die heutige Polizeihauptmeisterin passend, gleich ins Boot zu steigen. Aber die Trainerin bestand auf Bettruhe vor dem Übungspensum.

Zwischen den Erfolgskapiteln zogen auch Wolken auf. Ein Tiefpunkt? „Dass ich alles hinschmeißen wollte, diesen Moment gab es nicht. Aber als der Verband die Konzentration an den Disziplin-Standorten verlangte, war das nicht meine Welt“, hat Annekatrin Thiele offen kundgetan. Als Skull-Solistin fühlte sie sich in ihrem Element, allerdings stand die Frage im Raum: Wo sind die Medaillenchancen beim Wettstreit mit den Besten der Welt größer?


„Werde jetzt nicht sagen, wir werden Olympiasieger“

Die einfache Antwort liefert das Teamboot. 2008 olympisches Silber im Doppelzweier, 2012 Silber und 2016 Gold im Doppelvierer. Kurs Tokio liegt an. Zunächst aber kam Corona in die Quere. Nach der Absage 2020 übte sich Annekatrin Thiele in Geduld. Dabei brachte das Training in Leipzig mit der „Chefin“ positive Ergebnisse, die Verbandsmaßnahmen an der Seite von Leonie Menzel (22, aus Düsseldorf) eine neue Bootspartnerin. Die Premiere des Doppels – gemischt aus Erfahrung und Unbekümmertheit – gelang als EM-Fünfte im Herbst 2020. Nachdem das Ticket für Japan im Nachgang Mitte Mai in Luzern gelöst war, „ist eine Last von uns gefallen, das wirkte befreiend“.

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Annekatrin Thiele hat Peking, London und Rio in herrlicher Erinnerung, sportlich und überhaupt. Tokio wird wegen der Corona-Vorschriften anders. Es gibt ein Playbook mit Verhaltensregeln, derzeit trainiert das Team bis 17. Juli rund 400 Kilometer von Tokio entfernt ein wenig abgeschottet. Erlaubt werden im Olympischen Dorf das gemeinsame Essen in der Mensa und die Möglichkeit, andere Athleten zu treffen. Damit kommt zumindest ein Hauch von Olympia-Feeling auf. Der Spaßverderber ist längst ausgemacht. Und deshalb: „Die Partyhose kann ich zu Hause lassen.“

Der Ehrgeiz lässt nicht locker. Das Finale am 28. Juli auf der Sea Forest Waterway in der Bucht von Tokio hat das Duo Thiele/Menzel im Hinterkopf. Bronze würde den olympischen Medaillensatz des DHfK-Aushängeschilds komplettieren. „Das wäre schön. Aber ich werde jetzt nicht sagen, wir werden Olympiasieger.“ Die Favoritenrolle obliegt den Rumäninnen und Neuseeländerinnen. Bronze wäre ein Riesending. Für den Doppelzweier unter Regie von Coach Thomas Affeldt lautet die Devise: Gut in die Olympia-Regatta kommen, weiterkommen und dann den Endkampf-Turbo zünden. So wie 2008, als Annekatrin Thiele und Christiane Huth als Hoffnungslauf-Zweite sicher ins Finale zogen und über Silber jubelten. Die Trainerin motivierte damals extrem: „Kommt, das schafft ihr, ihr habt es drauf.“

2008, 2012, 2016, 2021. Und was bringt die Zeit nach Tokio? Annekatrin Thiele will sich da noch nicht festlegen. Klar ist eins: Ihr Programm wird weiter randvoll sein.