09. Dezember 2018 / 16:03 Uhr

Lebensschule hinter Gittern

Lebensschule hinter Gittern

Olaf Dorow
Adrian Gajewski zeigt, wie man mit klaren Ansagen ein Spiel im Griff behält.
Adrian Gajewski zeigt, wie man mit klaren Ansagen ein Spiel im Griff behält. © KARSTEN KLAMA
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Warum ein Schiedsrichterlehrgang in der JVA Oslebshausen für die Häftlinge eine große Sache ist

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Rollenspiel: Dennis soll jetzt mal Sabahattin verwarnen. Also geht er auf Sabahattin zu, zeigt ihm die Gelbe Karte und sagt dazu: „Das war jetzt das dritte Mal, beim nächsten Mal fliegst du.“ Sabahattin dröhnt: „Wenn du das so süß sagst, geh‘ ich freiwillig.“ Da feixen sie alle. Ja, es geht bisweilen sehr lustig zu auf diesem Schiedsrichterlehrgang. Aber dass hier einer die Sache nicht ernst nimmt, lässt sich nicht behaupten. Es lässt sich eher behaupten, dass es eine nicht gerade kleine Sache für die Lehrgangsteilnehmer ist.

Dennis und Sabahattin gehören zu den zehn Insassen der Justizvollzugsanstalt (JVA) Oslebshausen, die in diesen Wochen in der JVA zum Schiedsrichter ausgebildet werden. Mitte Dezember ist Prüfung. Es ist nach 2013 das zweite Mal, dass ein solches Projekt im Bremer Gefängnis läuft. Dass es überhaupt ein zweites Mal läuft, liegt in erster Linie an Burkhard Meyer. Er ist Sportbeamter in der JVA und Fußballer beim Blumenthaler SV. 2013 hat er auch er den Schiedsrichterlehrgang mitgemacht, zusammen mit fünf Häftlingen. „Und ich habe gesehen, wie die gepaukt haben ohne Ende“, sagt Meyer. Vor einem Jahr schrieb er den Bremer Fußball-Verband (BFV) an. Ob man einen solchen Kurs nicht mal wieder auflegen könnte.

Im Herbst war es dann endlich soweit. Adrian Gajeweski, Ex-Schiedsrichter in der Oberliga und Erzieher in der Jugendhilfe, gab als Lehrgangsleiter seine erste Stunde. Gajewski hatte schon damals den Kurs geleitet und auch diesmal sofort zugesagt, als der BFV anfragte. Und auch Bremens Bundesliga-Schiedsrichter Sven Jablonski, im Übrigen gut befreundet mit Adrian Gajewski, sagte zu. Er kam zu einer Lerneinheit, am Montag will er ein zweites Mal kommen. Beim ersten Mal sollte die Einheit von 16 bis 18 Uhr gehen, doch dann saßen Jablonski und die Häftlinge noch eine Stunde länger zusammen und fragten sich Löcher in den Bauch. Womöglich wäre noch viel mehr als nur eine Stunde überzogen worden. Aber um 19 Uhr ist wochentags Einschluss in der JVA. „Das war eine coole Erfahrung“, sagt Gajewski, „sowohl für Sven als auch für die Insassen“.

Dass die zehn Straftäter es ganz cool finden, zu dem Kurs zu gehören, wäre nicht ganz falsch beschrieben. Irgendwie aber nicht ganz passend. Sie gehören alle zur Fußballgruppe, die ein- bis zweimal die Woche von Burkhard Meyer betreut wird. Sie sagen, wie froh sie sind, dass sie Meyer und den Sport haben. Meyer sei einer, der mit ihnen umgeht. Keiner, der nur mit dem Schlüssel klappert und wartet, bis er sie wieder wegschließen kann in ihre Einzelzelle.

Ausbilder Adrian Gajewski (rechts) kommuniziert viel mit den Häftlingen. Dennis (v.l.) Ahmedov, Jan und Sabahattin hören interessiert zu.
Ausbilder Adrian Gajewski (rechts) kommuniziert viel mit den Häftlingen. Dennis (v.l.) Ahmedov, Jan und Sabahattin hören interessiert zu. © KARSTEN KLAMA
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Wie schwer es ist, ein Leiter zu sein

Sie, die hier sind, weil sie mit Drogen gedealt haben. Drogenkurier waren. Die wegen Betrug, wegen Fahren ohne Führerschein einsitzen. Und, ja, auch wegen Mord und Totschlag. Alles dabei im Kurs. Gajewski haben sie erzählt, dass sie am Rad drehen würden, wenn sie den Sport nicht hätten. Dem Reporter erzählen sie: Wenn Meyer nicht da wäre, wäre die Situation sehr angespannt. Die Anstalt, das sei viel Aufbewahrung und wenig Resozialisierung. Ein Sozialarbeiter auf 80 Leute! Viel zu wenig!! Sie würden sich mehr Angebote wie jenes mit dem Schiedsrichterlehrgang wünschen.

„Das hier, das ist Resozialisierung“, sagt Tali. Wie wirkt man auf andere? Wie geht man auf andere zu? Wie lenkt, wie führt, wie maßregelt man? Wie löst man Konflikte? Wie verschafft man sich Respekt, ohne herumzubrüllen? Das sind ja quasi die Lebensschulungen, die eine Schiedsrichterschulung automatisch mit sich bringt. Wenn die Häftlinge den Schein machen, können sie später als Referee in ganz Deutschland pfeifen, sie können sich bei einem Sportverein anmelden. „Das würde ich mir wünschen“, sagt Burkhard Meyer. Aber selbst, wenn sie anderen Weg wählen: Eine kleine Lebensschule war der Lehrgang dann wohl immer noch. Mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner: Perspektivwechsel.

Alle sagen sie, wie anders sie jetzt auf einen Spielleiter schauen. Wie schwer das doch sei, ein Leiter zu sein. Tali erzählt, wie er beim ersten Mal als zuständiger Referee „gar nicht wusste, wie ich reagieren soll“. Er nur mit einer Pfeife bewaffnet, dort eine sich anbahnende Rudelbildung. Dennis erzählt, wie er früher im Ruhrpott gekickt und sich andauernd mit den Schiedsrichtern angelegt hätte. Wenn er wieder draußen sei, werde er wieder kicken, „und nie wieder den Schiri anschreien“. Sabahattin behauptet sogar, er werde gar nicht mehr kicken, sondern nur noch Schiri sein wollen. Nun ja. Hört sich etwas zu dick aufgetragen an. Zeigt aber doch: Mit einer Muss-ich-dann-mal-machen-Haltung sitzt hier keiner im Kurs. Patrick erzählt, wie er neulich am Sonntagabend auf seine geliebte Football-Sendung verzichtet hat. Und stattdessen eine Schiedsrichter-Doku verfolgt habe.

Ahmedov beim theoretischen Unterricht, der bis zu einer schriftlichen Prüfung führt. Sportbeamter Burkhard Meyer (hinten) passt dabei ganz genau auf.
Ahmedov beim theoretischen Unterricht, der bis zu einer schriftlichen Prüfung führt. Sportbeamter Burkhard Meyer (hinten) passt dabei ganz genau auf. © KARSTEN KLAMA

Respekt vorm Spielleiter. Bekommt man am besten, wenn man selbst mal den Spielleiter geben muss. Im Fußballalltag wird in der JVA nicht geschiedsrichtert. Die Spiele ohne Schiedsrichter würden fairer ablaufen als jene mit Schiedsrichter, sagt Sportkoordinator Oliver Nass, Meyers Vorgesetzter. In der JVA gibt es regelmäßig interne Turniere, regelmäßig kommen auch Mannschaften von draußen: Blumenthal, Bornreihe, Grohn, Ritterhude oder Lesum. Oder die Knast-Mannschaft aus Hamburg, Santa Fu. Und wenn bei Turnieren einer pfeift, würden die Spieler automatisch austesten, wie weit sie gehen könnten. Pfeift ja einer. Also: Die Perspektive des Spielleiters zu haben, ist so schwer wie lehrreich. 

Sport als einziger Fluchtort

Gajewski versucht in dem Kurs, der helfen soll, später den rechten Kurs einzuschlagen, einen Mix aus Theorie und Praxis. Er kommuniziert viel mit den Häftlingen. Er will ihnen spiegeln, wie ihre Außenwirkung ist, ihre Körpersprache. Wie sie mit Kritik klarkommen, damit hätten einige durchaus ihre Probleme. Es seien ja sehr unterschiedliche Persönlichkeiten in der Gruppe, mit sehr unterschiedlichen Schicksalen, Herkunftsländern – und Straftaten. Dennoch könne man auch zusehen, wie sich die Gruppe findet. Sie haben da jetzt dieses gemeinsame Ding: Schiedsrichter lernen. In der Lehrstunde, in der Reporter dabei sein dürfen, wird – na klar – auch gelästert und geflachst. Aber es wird kaum angepflaumt. Es wird beim Rollenspiel mitdiskutiert, und bei einem 15-minütigen Theorietest ist es 15 Minuten lang sehr still. „Ich erlebe sie aufmerksam und respektvoll“, sagt Gajewski.

Letztlich dürfen sie den Lehrgang als eine Art Privileg betrachten. Wie auch für das Fußballtraining hatten sich viel mehr Häftlinge für den auf zehn Plätze begrenzten Kurs angemeldet. Die Zeit allein auf der Zelle, sie kann lang werden. An einem Sonnabend ist bereits um 17.30 Uhr Einschluss, erst knapp 15 Stunden später geht die Tür wieder auf. Wer nicht arbeiten kann, will oder darf, wird auch tagsüber stundenlang eingeschlossen. Kurse stehen hoch im Kurs hier. Fußball und Kraftraum sowieso, aber auch so etwas wie Spinning. 16 Spinningräder hätten sie, sie könnten mehr gebrauchen, sagt der Sportbeamte Meyer. An der Sinnhaftigkeit von Sport braucht er an einem Ort wie diesem nicht zu zweifeln. Sport als Sozialtherapie, Sport zum Frustabbau. Einer aus dem Lehrgang sagt: „Sport ist der einzige Fluchtort hier“. Hört sich etwas pathetisch an. Man sollte sich hüten, Täter jetzt umgehend als Opfer zu betrachten. Aber eine Zustandsbeschreibung scheint es wohl immerhin zu sein, wenn der Mann sagt: „Die Sporthalle, das ist hier die Freiheit.“

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