30. September 2019 / 12:41 Uhr

Klima, Zuschauer, Kamera: Das läuft alles schief bei der Leichtathletik-WM in Doha

Klima, Zuschauer, Kamera: Das läuft alles schief bei der Leichtathletik-WM in Doha

Stefan Döring
RedaktionsNetzwerk Deutschland
SPORTBUZZER-Reporter Stefan Döring fasst zusammen, was alles bei der Leichtathletik-WM in Katar schiefläuft.
SPORTBUZZER-Reporter Stefan Döring fasst zusammen, was alles bei der Leichtathletik-WM in Katar schiefläuft. © imago images/Bildbyran/Getty/dpa/Montage
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Die Leichtathletik-WM in Katar sorgt für große Aufregung. Das Klima, eine umstrittene Kamera, ein Land, das sich vor allem selbst inszeniert, keine Zuschauer: Der Sport verliert in Doha. Ein Überblick.

Diese Leichtathletik-Weltmeisterschaft stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Schon im Vorfeld machten sich alle große Gedanken – vor allem um die Wetterbedingungen in Doha. Doch es stellt sich heraus, dass dies nur eines der Probleme ist. Ein Überblick, was alles falsch läuft.

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Klima macht die Wettkämpfe außerhalb des Stadions zur Qual

Die Bedingungen im Khalifa Nationalstadion sind angenehm, da sind sich die Athleten einig. Durch eine riesige Klimaanlage wird das Stadion auf angenehme 25 Grad heruntergekühlt. Es ist sogar so, dass die Stabhochspringerin Lisa Ryzih immer wieder von „Halle“ statt von Stadion sprach. Gesa Felicitas Krause, die am Montag die erste Medaille für Deutschland holen könnte, meinte: „Es ist angenehm für uns. Es geht ein ganz leichter Wind.“ Einzig die Übergänge vom Aufwärmplatz bis ins Stadion geben Probleme. „Da durchlaufen wir mehrere Klimazonen“, meinte Sprinterin Gina Lückenkemper

Doch was die Athleten und Athletinnen außerhalb des Stadions erleben müssen, ist alles andere als angenehm. Die Marathon-Läufer und Geher müssen aufgrund der Temperaturen mitten in der Nacht starten – bei über 30 Grad und bei bis zu 90 Prozent Luftfeuchtigkeit. „Es ging nur ums Überleben“, sagte der australische Betreuer Matt Di Massi. Er ist der Lebenspartner von Rochelle Rodgers, die den Marathon als 35. von 40 Läuferinnen beendete. Zig Läuferinnen, Geher und Geherinnen sind während ihrer Rennen kollabiert, mussten ärztlich behandelt werden. Und der Marathon der Männer kommt erst noch.

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Das Zuschauerinteresse ist erschreckend gering

Es waren Szenen, die eigentlich niemand sehen sollte. Die Marathonläuferinnen waren das dritte Mal bei unmenschlichen Bedingungen an den gut 400 in Schwarz gekleideten Männern vorbeigelaufen, als Aufpasser zweimal in die Hände klatschten. Die Männer gingen von den Banden weg und stellten sich in Zweierreihen auf. Das Klatschen war das Kommando zum Abzug der offenbar zum Auffüllen der Zuschauerreihen engagierten Claqueure.

Ähnliche Bilder gab es im Stadion zwar nicht – doch hier fehlen die Zuschauer gleich ganz. Normalerweise passen 50.000 Menschen ins Khalifa Stadion. Für die Leichtathletik-WM wurde der Oberrang ohnehin schon mit Planen abgehangen. Doch selbst dann wird es nicht voll – nicht einmal zum absoluten Höhepunkt der WM, dem 100-Meter-Finale der Männer am vergangenen Samstag. „Das ist schade, aber ich war eh im Tunnel“, sagte Weltmeister Christian Coleman. Da habe er es gar nicht so wahrgenommen.

Die, die sich ins Stadion verirrt haben, sind oft Gastarbeiter aus afrikanischen Ländern. Immerhin: Die sorgen ab und an dafür, dass die Stimmung einigermaßen ist. Denn die Akustik des Stadions ist gut. So wird es manchmal sogar laut – obwohl das Stadion nicht einmal zur Hälfte gefüllt ist.


Dabei stand in der Bewerbung Dohas für die Leichtathletik-WM 2017 – die London bekam – noch dieses: „Keine leeren Sitze in Doha 2017. Das hört sich ambitioniert an, aber es ist erreichbar. Doha wird sicherstellen, dass die Atmosphäre bei der WM fantastisch sein wird.“ Ok, vielleicht galt das nur für eine Bewerbung von 2017. Die WM wurde ja schließlich für dieses Jahr nach Doha vergeben ...

Das sind die deutschen Medaillengewinner der Leichtathletik-WM in Doha

Das sind die deutschen Medaillengewinner der Leichtathletik-WM: Unter anderen Christina Schwanitz, Konstanze Klostermann und Malaika Mihambo holten Edelmetall. Zur Galerie
Das sind die deutschen Medaillengewinner der Leichtathletik-WM: Unter anderen Christina Schwanitz, Konstanze Klostermann und Malaika Mihambo holten Edelmetall. ©

Die Fans werden ausgeschlossen

Die Eröffnungsfeier der WM am Freitag fand nur für einen geladenen Kreis statt. Fans, Journalisten oder Sportler waren nicht erwünscht. Stattdessen bekam der Emir von Katar seinen großen Auftritt. Auch IOC-Präsident Thomas Bach aus Deutschland und der Präsident des Leichtathletik-Weltverbands Sebastian Coe waren dabei. Das pompöse Feuerwerk durfte das „normale“ Volk nur aus der Ferne sehen. Danach leerte sich die Ehrentribüne übrigens – und die Marathon-Läufer drehten einsam ihre Runden.

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Eine Kamera sorgt für Kritik bei den Athleten

Eine Kamera an den Startblöcken hatte am Wochenende für Aufregung gesorgt. "Ich finde die Kamera an dieser Stelle nicht so geil. Ich weiß ja nicht, ob Frauen bei der Ausarbeitung beteiligt waren", sagte die Silber-Medaillengewinnerin bei der EM im vergangenen Jahr. "Wenn wir Frauen in den knappen Sachen beim Start darüber steigen müssen, fühlt sich das nicht so toll an", sagte sie. "Ich weiß ja nicht, ob ihr nur in Unterwäsche von unten gefilmt werden wollt."

Am Sonntag verriet Lückenkemper, nachdem sie im Halbfinale der Leichtathletik-WM ausgeschieden war, dass der Welt-Leichtathletik-Verband reagiert hätte. "Der Deutsche Leichtathletik-Verband hatte offiziell Beschwerde gegen die Kameras eingelegt, die in den Schritt filmen. Nun werden die Kamerabilder in der Regie so lange geschwärzt, bis wir im Block stehen. Erst dann werden die Bilder wieder freigegeben. Nach 24 Stunden werden die Bilder dann gelöscht", sagte Lückenkemper. Auch waren die Deutschen wohl nicht die einzigen, die Protest einlegten.

Der Weltverband hatte diese Idee mit der Kamera im Vorfeld der WM als "bahnbrechend" bezeichnet. Man versprach Bilder, "die das Publikum noch nie zuvor gesehen hat". Der Einsatz dieser Kameras ist nur für die 100 Meter und im Hürdensprint vorgesehen, teilte der DLV am Sonntag mit. "Die Idee der upper camera ist es, die Kommunikation zwischen Athlet und Zuschauer durch eine innovative Eventpräsentation zu verbessern", so ein Statement des DLV.

Das sind die Stars und Favoriten der Leichtathletik-WM 2019 in Doha:

Im katarischen Nationalstadion Khalifa International messen sich bei der Leichtathletik-WM die besten Athleten der Welt. Das sind die Favoriten:  Zur Galerie
Im katarischen Nationalstadion Khalifa International messen sich bei der Leichtathletik-WM die besten Athleten der Welt. Das sind die Favoriten:  ©

Kritik von den Athleten - "Man hat uns in den Backofen geschoben"

Vor allem von den Athleten, die auf den Strecken außerhalb des Stadions zu ihren Wettkämpfen antreten müssen, halten mit der Kritik nicht hinterm Berg. Der französische Geher Yohann Diniz etwa wurde deutlich: „Man hat uns in einen Backofen geschoben. Sie haben aus uns Meerschweinchen gemacht, Versuchstiere“, sagte der 41-Jährige. Und das von einem, der in seiner Karriere schon viel erlebt hat. Diniz ist Weltrekordler und 50-Kilometer-Weltmeister von 2017.

Nicht ganz so drastisch Worten wählte die Marathon-Läuferin Mayada Al Sayad aus Berlin, die für Palästina startete. Aber auch sie wurde deutlich. „Es ist einfach unmöglich, hier zu laufen. Es war schrecklich. Ich konnte nicht atmen, mein Herz hat gerast, ich habe mich noch nie so schlecht gefühlt“, sagte sie.

Die Weißrussin Volha Mazuronak, Fünfte im Marathon, ärgerte sich ebenfalls: "Das ist respektlos gegenüber den Athleten. Die Funktionäre vergeben die WM hierhin, jetzt sitzen sie in kühlen Räumen oder schlafen." Und Zehnkampf-Topfavorit Kevin Mayer aus Frankreich sprach von einem "Desaster", in Bezug auf die fehlenden Fans.

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Für die Athleten, die im Stadion antreten, ist vor allem das mangelnde Zuschauerinteresse Thema. Wobei das die wenigsten wirklich interessiert. Natürlich sei es schade, dass nicht so viele Leute da wären, aber man sei ohnehin im Tunnel, sagte etwa die Stabhochspringerin Lisa Ryzih. Gina Lückenkemper meinte: „Wir sind aus den letzten zwei Jahren bei der WM in London und der EM in Berlin verwöhnt.“