12. September 2021 / 11:54 Uhr

Nach Leipzigs 1:4 gegen Bayern: "Vielleicht noch nicht bereit für so eine große Herausforderung"

Nach Leipzigs 1:4 gegen Bayern: "Vielleicht noch nicht bereit für so eine große Herausforderung"

Antje Henselin-Rudolph
Leipziger Volkszeitung
LEIPZIG, GERMANY - SEPTEMBER 11: Players of Leipzig look dejected after losing the Bundesliga match between RB Leipzig and FC Bayern München at Red Bull Arena on September 11, 2021 in Leipzig, Germany. (Photo by Matthias Hangst/Getty Images)
Lange Gesichter nach dem Abpfiff: So hatten sich RB Leipzigs Profis das Duell mit dem FC Bayern nicht vorgestellt. © Getty Images
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Welche Lehren lassen sich ziehen aus RB Leipzigs 1:4-Niederlage gegen den FC Bayern München? Nach drei Pleiten aus den ersten vier Bundesliga-Spielen macht sich bei so manchem Außenstehenden allmählich Ernüchterung breit. Coach Jesse Marsch weiß, sein junges Team braucht noch Zeit. Klar ist aber auch: Zeit ist im ergebnisorientierten Fußball eher Mangelware.

Leipzig. "Vielleicht war das heute unser Limit. Vielleicht sind wir im Moment noch nicht bereit für so eine große Herausforderung." Als Jesse Marsch am Samstagabend diese Sätze sagte, war das 1:4 (0:1) gegen den FC Bayern München noch keine Stunde alt, der schlechteste Saisonstart seit RB Leipzigs Aufstieg in die Bundesliga definitiv. Wer zu einer negativen Auslegung von Worten neigt, würde nun vielleicht sagen: Bankrotterklärung! Aufgabe! Schon vor dem Anpfiff die Segel gestrichen! Denn der RB-Coach, bekanntlich erst seit Sommer im Amt, bezog seine Aussage ausdrücklich nicht nur auf das Duell mit dem deutschen Rekordmeister, sondern auch auf das in der kommenden Woche anstehende Gastspiel bei Manchester City in der Champions League (Mittwoch, 21 Uhr, DAZN). Was Marsch aber vermutlich eher ausdrücken wollte, war: Ja, der Spielplan hätte es etwas besser mit uns meinen können. Ja, wir wissen, dass wir im Moment auf dem Niveau von Bayern und ManCity noch nicht mithalten können, aber wir werden es mit allem versuchen, was wir derzeit haben.

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Weiter immer weiter

Versucht hatte das Team um den neuen Kapitän Peter Gulacsi in der mit 34.000 Fans gefüllten Red Bull Arena tatsächlich so Einiges. RB rannte an, nimmermüde, allerdings mit deutlich zu wenig Zug zum Tor. Es spricht für die Moral der Marsch-Elf, dass sie sich vom frühen 0:1 nach Handelfmeter von Robert Lewandowski nicht beirren ließ, weiter marschierte. Die Leipziger hatten etwas mehr Ballbesitz als der Gegner (53 Prozent), gewannen mehr Zweikämpfe (52 Prozent). "Keiner hat eine schlechte Leistung gezeigt", so der RB-Coach. Zur Wahrheit gehört auch: Der FCB stellte die Leipziger Angriffe gut zu. André Silva, erneut als einzige Spitze im Einsatz, verhungerte sprichwörtlich im gegnerischen Sechzehner. Es fehlten die passgenauen Zuarbeiten, die es dem Portugiesen ermöglicht hätten, seine Qualitäten auszuspielen. Weder über rechts, wo Nordi Mukiele einen verzweifelten Kampf kämpfte, noch über links, wo Angelino weiter auf der Suche ist nach dem Zauberfuß der Hinrunde 202021, kam ausreichend Ordentliches im Zentrum an. Dennoch lautete das RB-Motto sichtbar: Weiter immer weiter.

DURCHKLICKEN: Das sagen Spieler und Trainer

Peter Gulacsi (RB Leipzig): Am Ende ist das 1:4 ein bisschen zu hoch, weil wir gut im Spiel waren. Grundsätzlich hatten wir viele gute Phasen. Das frühe Gegentor ist natürlich Pech. Da möchte ich lieber nicht drüber reden, denn ich habe die Szene noch nicht gesehen. Es ist natürlich gegen die Bayern sehr bitter, so früh in Rückstand zu geraten. Zur Galerie
Peter Gulacsi (RB Leipzig): "Am Ende ist das 1:4 ein bisschen zu hoch, weil wir gut im Spiel waren. Grundsätzlich hatten wir viele gute Phasen. Das frühe Gegentor ist natürlich Pech. Da möchte ich lieber nicht drüber reden, denn ich habe die Szene noch nicht gesehen. Es ist natürlich gegen die Bayern sehr bitter, so früh in Rückstand zu geraten." ©

"Vor einem Spiel gegen einen Gegner wie Bayern München, musst du vorab entscheiden: spielst du konservativ oder aggressiv", erklärte Jesse Marsch später. "Vor einem so vollen Stadion haben wir gedacht, wir müssen aggressiv sein." Dass das seine Tücken haben würde, war dem Trainerteam klar. Bereits im Zuge der Champions-League-Gruppenauslosung vor drei Wochen hatte der Coach im Hinblick auf Duelle mit Top-Gegnern gesagt: "Wir werden um alles kämpfen. Wir werden nicht unser Tor schützen. Sicher, wenig Gegentore sind immer wichtig. Aber in diesem Turnier musst du total mit Selbstvertrauen, mit Power, mit Intensität mit Aggressivität, eben mit allem spielen. Das wird sichere unsere Art sein. Das muss sie sein."

Mintzlaff: "Marsch muss sich keine Sorgen machen"

Die Tücke bei dieser Herangehensweise: die Abwehr. Die wirkte bisweilen derart offen, dass Einem bange werden konnte. Ja, mit Dayot Upamecano stand der Organisator derselben aus der Vorsaison am Samstag auf des Gegners Seite, dennoch ist dessen Abgang eher keine Entschuldigung. Mohamed Simakan, bis dato von Marsch stets hoch gelobt, erwischte schlicht keinen Sahnetag. Vor allem den quirligen Jamal Musiala, noch vor der Pause für den verletzten Serge Gnabry gekommen, bekam die RB-Defensive nicht in den Griff. Er läutete nach Wiederbeginn die beste Bayern-Phase ein. "Es war die einzige, in der wir wirklich besser waren", analysierte FCB-Coach Julian Nagelsmann im Nachgang. Es war auch die, in der seine Jungs das Ergebnis von 1:0 auf 3:0 hoch schraubten. Dass Leipzig die Energie, die von Konrad Laimers 1:3 und dem folgenden Support von den Rängen ausging, nicht zur Aufholjagd nutzen konnte, lag dann wiederum an der fehlenden Durchschlagskraft vorn. Eine Teufelskreis, wenn man so will.

Und nun? Wie weiter? Während in diversen Online-Diskussionsforen schon die ersten Wetten laufen, wie lange Jesse Marsch sich auf dem Trainerstuhl wird halten können, erhält der US-Amerikaner Unterstützung aus unerwarteter Richtung. "Wir sind auch deshalb froh, über die drei Punkte und die sieben Punkte Abstand, weil wir wissen, welche Qualität RB hat und dass sie noch viel punkten werden", meinte Nagelsmann. Vorstandschef Oliver Mintzlaff sekundierte am Sonntagmorgen bei Bild-TV: "Drei Punkte aus vier Spielen ist nicht das, was wir uns vorgestellt haben. Ich denke nicht, dass wir nach vier Spieltagen unsere Ziele neu definieren müssen. Wir wussten, dass es Zeit braucht. Wir wollen uns weiterhin für die Champions League qualifizieren. Jesse Marsch muss sich keine Sorgen machen."

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Und der Coach selbst? Der sagt: "Wir müssen mehr lernen, jeden Tag, mehr und mehr." Aber er sagt auch: "Wir müssen schnell lernen." Wie immer, wenn der 47-Jährige nach der Mannschaft gefragt wird, lobte er auch am Samstag deren Arbeitseinstellung. "Es ist schade, dass die Ergebnisse nicht passen. Das bringt Stress. Denn die Ergebnisse sind nun mal wichtig." Positiv für Marsch und seine Jungs: Die Fans erkannten das fraglos vorhandene Bemühen, feierten die Mannschaft nach dem Abpfiff trotz des 1:4. Der Trainer verzichtete allerdings auf den Gang vor den Block. "Ich war einfach nur enttäuscht." Vielleicht war er in Gedanken auch bereits bei Mittwoch und Manchester City. Dann heißt es wieder: konservativ oder aggressiv? Mit allen Vor- und Nachteilen.