08. Februar 2021 / 19:59 Uhr

Leipzig-Liverpooler-Königsweg für die Champions League spaltet Geister in Sport und Politik

Leipzig-Liverpooler-Königsweg für die Champions League spaltet Geister in Sport und Politik

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
In der Diskussion um Leipzigs Spiel gegen Liverpool mischen viele Akteure mit.
In der Diskussion um Leipzigs Spiel gegen Liverpool mischen viele Akteure mit. © imago images/ActionPictures/dpa
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RB Leipzig sieht’s sportlich, doch einige Bundespolitiker, Twitter-Nutzer, Fußball-Fans ganz anders: Dass RB Leipzig für das Champions-League-Achtelfinale gegen den Liverpool FC nach Budapest ausweicht, sorgt für reichlich Diskussionen. Sonderrolle, Dienstreise, Profizirkus? Bei der Antwort auf diese Frage spielen viele Faktoren eine Rolle.

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Leipzig. 6. Mai 2020, Berlin, Corona-Pressekonferenz. Angela Merkel sendet Signale an Unternehmen, Schulen, Kitas, Gesundheitsämter, Restaurants, Theater und so weiter. Für die zweitschönste Nebensache der Welt hat die Kanzlerin elf Worte. „Der Spielbetrieb darf unter den genehmigten Regeln Mitte Mai wieder starten.“ Das 41-seitige Maßnahmenpaket der Deutschen Fußball Liga wird für gut befunden, nach neunwöchiger Auszeit rollt der Ball wieder. Leipzigs Restart findet am 16. Mai gegen den SC Freiburg statt. Ohne Fans, ohne Sieg, 1:1. Die Weltpresse feiert die Bundesliga als „Kapitän der Rückkehr“, lobpreist die Vorbildfunktion. Das DFL-Papier wird zur Blaupause für die Premier League in England, die La Liga in Spanien, die Ligue 1 in Frankreich.

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Liverpooler Pläne über den Haufen geworfen

Gesundheitsexperte und TV-Talk-Dauergast Karl Lauterbach (57/SPD) traut den Fußballern nicht über den Weg, hält das Leben in einer Blase für nicht praktikabel, spricht von einer nicht hinnehmbaren Sonderrolle. Rudi Völler, 60, ein Großkopferter der Bundesliga, nennt Lauterbach einen Populisten. Alsbald taucht ein Video eines Berliner Fußballers auf, das die Corona-Regeln ad absurdum führt. Brot und Spiele gehen weiter, in den wichtigsten Ligen bleibt kein Titel unausgespielt.

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13.09.2017: Endlich ist es soweit. RB Leipzig gibt gegen den AS Monaco sein Debüt in der Champions League und schlägt sich am historischen ersten Abend wacker. Zur Galerie
13.09.2017: Endlich ist es soweit. RB Leipzig gibt gegen den AS Monaco sein Debüt in der Champions League und schlägt sich am historischen ersten Abend wacker. ©

Am 30. Januar 2021 sagt Lauterbach: „Ich habe der Bundesliga nie zugetraut, dass diese Hygienekonzepte sauber umgesetzt werden und mit Fan-Ansammlungen vor den Stadien gerechnet. Da lag ich völlig falsch.“ Am selben Tag tritt in Deutschland eine erweiterte Corona-Schutzverordnung in Kraft. Neu: Ein Beförderungsverbot für Menschen aus Virus-Varianten-Gebieten. Zu den Gebieten, in denen ein besonderes Eintragsrisiko besteht, gehört: Großbritannien.

Hievt das Champions-League-Spiel RB gegen Liverpool in die Breaking News. Der Plan der von Jürgen Klopp trainierten Liverpooler sah so aus: Anreise am 15. Februar, Übernachtung im Steigenberger-Hotel, Anschwitzen in der Egidius-Braun-Sportschule am 16. Februar, Spiel in der Red-Bull-Arena, Heimflug. Die RB-Chefetage will diesen Plan, vor allem aber das Spiel retten, scheitert bei der Bundespolizei in Sachen Ausnahmegenehmigung. Welttrainer Klopp, 53, meldet sich aus England. „Ich denke, es wäre absolut angemessen, eine Ausnahme zu machen. Wir leben wirklich in einer Blase, werden permanent getestet, könnten in Leipzig spielen, ohne das Virus zu verbreiten.“ Sie dürfen nicht.

Es gehe „allein um das Geld“

Der Leipzig-Liverpooler Königsweg in der Königsklasse: Auf nach Budapest. Dort gibt es die Fischerbastei, Margareteninsel, Thermalquellen, die Puskás Aréna – und Ausnahmen für Profisportler. Negative PCR-Tests machen den Weg zu Ein- und Ausreise frei.

Das Schlupfloch Ungarn ruft den ewigen Mahner Lauterbach auf den Plan. „Wir sollen derzeit alle auf Reisen verzichten. Ich verstehe nicht, warum wir da für einen Profizirkus eine Ausnahme machen sollten.“ Die Sportausschuss-Vorsitzende des Bundestags, Dagmar Freitag (67/SPD), sieht das ähnlich. „Aufgrund der bekannten Mutationen des Virus ist jegliche Ein- und Ausreise in und aus anderen Ländern eine zu viel.“ Der UEFA und den Vereinen gehe es „allein um das Geld“. Das Bundesinnenministerium widerspricht an dieser Stelle. Eine Sprecherin verneinte am Montag eine Sonderrolle für Profifußballer. O-Ton: „Die Ausreise aus Deutschland ist ja nicht verboten. Und bei der Einreise gelten dann die Einreise- und Quarantäneregelungen wieder“

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Der Nordostdeutsche Fußball-Chef Hermann Winkler, 57, macht den Vorschlag, Lauterbach eine eigene TV-Show zu geben. Spare Zeit beim Zappen. „Wenn man dem Mann zuhört, fällt man vom Glauben ans Überleben der Menschheit ab.“ Dass RB in Ungarn, nicht aber in Leipzig kicken darf, entbehre jeglicher Logik. „Aber die Logik fehlt ja inzwischen bei den meisten Entscheidungen im Zusammenhang mit der Corona-Politik“, sagt der frühere EU-Parlamentarier. „Welche Regeln in und für ganz Europa gelten sollen, ist ein alter Streitpunkt. Das merken wir nicht nur beim Fußball. Über die Rolle der EU-Politik in dieser Pandemie wollen wir mal lieber nicht sprechen, sondern uns auf das Spiel freuen.“

Jens Lehmann findets gut, dass RB spielt

Winkler ist nah bei Klopp und dessen „Living in a Blase“-Rhetorik, hält das Ansteckungsrisiko für „verschwindend gering“. Andere Politiker, wie etwa Baden-Württembergs Sportministerin Susanne Eisenmann, fordern inzwischen eine europäische Lösung für die Reisen von Profisportlern auf dem Kontinent. Denn auch im Handball, Volleyball oder Basketball läuft der Europapokal auf Hochtouren. „Es kann nicht sein, dass Verbände Druck auf einzelne Vereine ausüben, die angesichts der Konstellation von Einreisesperren und Quarantänemaßnahmen betroffen wären“, so Eisenmann.

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„Ich bin Sportler“, sagt Leipzigs Bahnrad-Olympiasieger Jens Lehmann, 53, „deshalb freue ich mich über jeden Wettkampf, der stattfinden kann.“ Der CDU-Bundestagsabgeordnete: „Ich finde es gut, dass RB spielt und ein 0:3 vom Grünen Tisch ist.“ Negative Tests als Voraussetzung kann sich Lehmann ausdrücklich auch im Vereins- und Breitensport vorstellen.

RB-Direktor Ulrich Wolter, 46, reichen acht Wörter, um ein Schleifchen ums Bermuda-Dreieck Leipzig-Liverpool-Budapest zu binden. „Allen war wichtig, dass das Spiel stattfinden kann.“ Nun ja, fast allen. Die Kosten für den Standortwechsel müssen die Bullen tragen. Runde 300.000 Euro für Charter-Jet, Stadionmiete, Kost und Logis.